Herr Wyss, Sie haben sich für ein Einwegticket auf den Mars beworben. Gefällt es Ihnen in Schlieren so schlecht?

Nikolaus Wyss: Die Bewerbung hat nichts mit meinen Gefühlen gegenüber Schlieren zu tun. Mir ist es sehr wohl hier. In Schlieren lebt es sich gut. Besser, als Auswärtige denken. Die Frage ist eine andere, nämlich: Wie gestaltet man ein Leben nach der Pensionierung? Das Alter selbst ist ein Einwegticket.

Wie meinen Sie das?

Zwischen dem Mars und dem Altersheim besteht kein riesiger Unterschied. An beiden Orten kommt man zu Tode. Ich finde es einfach spannend, mich – zumindest gedanklich – an so einer Unternehmung wie «Mars One» zu beteiligen. Auch wenn ich weiss, dass die Chance, dann wirklich hinzufliegen, gegen null geht.

Ihnen ist es offensichtlich nicht sehr ernst mit Ihrer Bewerbung. Wieso machen Sie denn überhaupt mit?

Es ist, wie wenn man zum Bahnhof geht, ohne den Zug zu besteigen. Allein der Aufenthalt auf dem Bahnhof ist interessant. Man ist unter Leuten, man kann einkaufen und beobachten, man trifft vielleicht auch jemanden. Dasselbe gilt für die Marsmission: Ich habe mich dafür beworben, weil mich ein solches Vorhaben verwegen dünkt und ich mich gerne aktiv an der Diskussion über Sinn oder Unsinn eines solchen Unterfangens beteilige. Das Ganze spielt sich ja vorderhand noch auf einer virtuellen Ebene ab, erlaubt aber einen neuartigen Blick auf irdisches Leben und auf die Frage, wie man selber stirbt. Es muss ja nicht für jeden auf dem Mars sein.

Wieso ist es für Sie der Mars?

Wenn ich gefragt werde, so denke ich gerne laut über unseren Alltag nach. Und über seltsame Zwischenräume, die sich dadurch auftun, wenn jemand so eine Reise tut: Noch zu leben und trotzdem nicht mehr da zu sein. Diese Auseinandersetzung, diese Annäherung von Virtualität und Realität, wird in diesem Jahrhundert ein vorherrschendes Thema sein, weil die technischen Möglichkeiten dazu vorhanden sind. Es reizt mich, an dieser Diskussion teilzunehmen und mitzudenken.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass Sie sich gegen die mittlerweile rund 200 000 Mitbewerber durchsetzen könnten – würden Sie gehen?

Das müsste ich mir dann noch einmal überlegen. Sicher würde ich ins Trainingscamp gehen. Das fände ich enorm interessant.

Diese Trainingscamps werden im Fernsehen übertragen.

Ja, im Stil von «Big Brother» oder «Dschungelcamp» können die Zuschauer entscheiden, wer in die engere Auswahl kommt. Mit den Einschaltquoten soll die Mars-Mission auch finanziert werden.

In zehn Jahren, wenn der Marsflug stattfinden soll, sind Sie 74 Jahre alt. Wären Sie dann nicht zu alt für einen Astronauten?

Der kürzlich verstorbene Astronaut John Glenn, der 1962 als erster Amerikaner die Erde umkreiste, war im Jahre 1998 mit 77 noch einmal im Weltraum. Die Frage des Alters muss ja nicht ich beurteilen. Das liegt im Verantwortungsbereich der anderen. Bei den Bewerbungen hat es jedenfalls keine Altersgrenzen gegeben. Es haben sich auch über 70-Jährige beworben. Im Übrigen finde ich es unbedenklicher, Alte raufzuschicken als Junge. Denn dort oben stirbt man ja sowieso. Aus einer ethischen Perspektive bin ich mit meinem Alter der ideale Kandidat.

Sie meinen, ein junger Kandidat weiss nicht, worauf er sich einlässt?

Ein 20-Jähriger kann sich doch noch nicht vorstellen, wie es ist, sein ganzes restliches Leben lang auswegslos auf einer staubigen Masse von Nichts zu leben. Dort oben gibt es draussen keinen Sauerstoff, die Sonnenstrahlung ist intensiv und krebsfördernd, trotzdem ist es bitterkalt. Eine Reise dorthin könnte er bitter bereuen. Auch ob nach zwei Jahren Nachschub kommt, ist alles andere als gewiss: Das ist von der zukünftigen Finanzierung abhängig.

Wie ernst ist es denn dem Unternehmen «Mars One» mit diesem Experiment?

Für sie ist es kein Experiment, sondern eine Mission und ein Geschäftsmodell, das ich im Übrigen überzeugend finde. Dazu gehört der Glaube der Verantwortlichen, dass sie es schaffen werden, Menschen auf dem Mars anzusiedeln. Sie werden alles daransetzen, dass es zur Reise kommt. Zu klugen Unternehmern gehört hoffentlich aber auch, dass sie stets eine Portion Zweifel begleitet.

Was soll das Ganze denn?

Philosophisch betrachtet eröffnet diese Mission neue Dimensionen unseres Lebensraumes. Auch technisch stellt ein solches Vorhaben eine riesige Herausforderung dar. Und auf der Ebene der Unterhaltung wird gutes Geld verdient.

Wäre es Ihnen nicht unangenehm, sich vor einem grossen Publikum im Weltalltraining abzustrampeln?

Das kann ich erst sagen, wenn es so weit ist. Doch ich bilde mir natürlich ein, dass mir die Mission zur Ehre gereichen würde. Dass ich berühmt werde, weil ich mich als Held behaupten kann. Da darf die Kamera gerne zuschauen.

Es könnte aber auch sein, dass Sie in weniger heldenhaften Momenten gefilmt werden.

Natürlich, vielleicht würde ich mich wahnsinnig peinlich verhalten und mich dann dafür schämen. Doch das ist auch eine Frage des Alters. Früher hatte ich viel mehr Hemmungen, das Gesicht zu verlieren, grössere Angst davor, dass etwas schiefgehen könnte.

Davon sind Sie heute erlöst?

Ich sehe mich als Botschafter der Altersnarretei, als Missionar fröhlicher Rentner, einem der grössten Wachstumsmärkte. Das Alter birgt das Privileg, Dinge zu tun, die man sich früher nicht leisten und gestatten wollte. Es gibt in jungen Jahren tausend Gründe, mit Blick auf die Sicherheit und den guten Ruf etwas zu unterlassen. Doch das bröckelt mit jedem Jahr, mit dem man älter wird, ein bisschen mehr ab. Natürlich gibt es Leute, die im Alter ängstlicher werden. Vielleicht sind sie sogar in der Mehrheit. Doch diese bringen sich um etwas sehr Befreiendes. Mir ist es wichtig, ein Leben zu gestalten, das nicht nur aus Klagen, Bedenken und Vorbehalten besteht, sondern aus Anteilnahme, Interesse und Lust.

Das Leben im Schaufenster dürften Sie sich ein Stück weit gewohnt sein. Ihre Mutter war die bekannte Journalistin und Schriftstellerin Laure Wyss, die, gerade weil sie alleinerziehende Mutter war, scharf beobachtet wurde.

Ich stand während meiner Jugend nicht in der Öffentlichkeit und wurde auch nicht in der Presse herumgeschleppt. Meine Mutter hat tunlichst vermieden, mich der Öffentlichkeit auszusetzen, sonst hätte die ganze Welt erfahren, wie ein schlechter Schüler ich war.

Aus Ihnen wurde dann aber doch noch etwas. Sie sind studierter Ethnologe, haben als Journalist gearbeitet, Theaterstücke produziert und waren Rektor der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern. Nun wollen Sie auf den Mars. Wie ist es zu diesem eklektischen Lebenslauf gekommen?

Mir fehlt vermutlich eine gewisse Seriosität. Ich lebe in Sequenzen, meine Karriere ist nicht geradlinig verlaufen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich keine Familie habe. Fällt diese Verpflichtung weg, kann man sein Leben risikoreicher und weniger auf Sicherheit bedacht gestalten. Und immer wieder von vorne anfangen.

Bereuen Sie, dass Sie keine Familie gegründet haben?

Man hat nicht alles in der Hand, manchmal spielt einem auch das Schicksal mit. Eine der Leistungen reiferer Menschen muss darin bestehen, sein eigenes Leben anzunehmen, wie es ist, mit allen Schwächen und Stärken, Niederlagen und Triumphen.

Um noch mal zum Mars zurückzukommen: Was würde Sie auf der Erde halten?

Alles.

Wyss schreibt in einem Blog über eine virtuelle Mars-Reise: www.nikolauswyss.ch