Wenn heute wieder leuchtende Kürbisse, Skelette und Hexen die Strassen heimsuchen, weiss jedes Kind: Es ist Halloween. Der irische Volksbrauch, den die Katholiken am Abend vor Allerheiligen feierten, ist längst zum Mainstream-Fest geworden. Es geht dabei aber nicht mehr ums Gedenken der verstorbenen und armen Seelen im Fegefeuer, sondern um pure Freude am Horror. Halloween steht heute für die Lust am Verkleiden und dient dem Zelebrieren des gespenstischen Unfugs.

Nicht zuletzt, weil der Brauch – zum Unwillen vieler – zum beachtlichen Geschäft geworden ist, hat sich Halloween auch hierzulande längst etabliert. Dabei müsste die Schweiz sich in Sachen dunkle Sagen selbst gar nicht verstecken: Im Pfarrhaus des Zürcher Grossmünsters lehrte einst ein Gespenst namens «Kragenwäscher» den Pfarrer das Fürchten, weisse Frauen geistern offenbar noch heute vor diversen Tunneln umher, auch das Geisterhaus in Bern lässt vielen noch immer das Blut gefrieren. Eigentlich hätten wir Halloween und den Import irischer Untoten also gar nicht nötig. Selbst das Limmattal wartet mit einer Vielzahl hausgemachter Gruselgeschichten auf.

Böse Wirte, Hasenfrauen, Geister

Zusammengetragen hat diese verschiedenen schaurig-schönen Geschichten diverser Erzähler der Autor K. W. Glättli. Er veröffentlichte sie im Jahr 1959 unter dem Titel «Zürcher Sagen». In seinem Vorwort schrieb er, dass die «offizielle Entzauberung der schweizerischen Landeskunde» nicht funktioniere und seine Publikation dazu beitragen solle, dass jene Sagen auch weiterhin bestehen bleiben. Das vierte Kapitel der Sammlung widmet sich ausschliesslich dem Limmattal und verfügt mit 23 Geschichten über grosses Potenzial, Halloween in die Schranken zu weisen.

Die bekannteste unter ihnen dürfte «Der Egelsee» sein. Die Idylle des kleinen Sees ob Bergdietikon trügt nämlich: Dort soll einst ein grausamer Ritter gelebt haben, der nicht einmal davor scheute, Kinder zu verbrennen. Der Himmel rächte sich und liess die Burg samt Ritter in einem tiefen, schwarzen See versinken. Bis zum heutigen Tag sollen aus dem Wasser des Sees noch Stimmen des Ritters zu hören sein.

Gruselig ist auch der «Pintenwirt von Urdorf»: Ein ganz und gar boshafter Wirt soll einst das ganze Dorf terrorisiert haben – bis ihn das schlechte Gewissen packte und er sich im Honeret erhängte. Dumm nur, dass Kinder zwischen Neujahr und Fasnacht der Sage nach «mehr» sehen als andere – wie eben auch das Totengerippe des Wirtes, das noch immer dort baumeln soll.

Als nicht minder gespenstisch erweist sich die «Hasenfrau im Fahr». Der Abt von Einsiedeln war der Sage nach zu Gast im Kloster Fahr, als er sich auf die Jagd nach einem übergrossen, berüchtigten Hasen machte, den er auch entdeckte und mit gesegneten Patronen erschoss. Just in diesem Augenblick fiel in der Nähe eine Frau tot um. Stand sie in übernatürlicher Verbindung mit dem Hasen? Auf jeden Fall wird sie seither Hasenfrau genannt.

Wer Angst vor Gespenstern hat, sollte sich laut Autor Glättli in der Nacht nicht zwischen Dietikon und Spreitenbach aufhalten. Dort lagen einst zwei stattliche Bauernhöfe, deren Bauern in böse Streitigkeiten verwickelt waren. Der eine Bauer versetzte die Marksteine im sumpfigen Schachen so geschickt zu seinen Gunsten, dass der andere Bauer einen Prozess anstrebte, diesen aber verlor, sodass er vor Kummer starb. Die Rache aus dem Jenseits liess nicht lange auf sich warten: Der noch lebende Bauer wurde von Gewissenbissen geplagt und starb ebenfalls. Seither soll man im «Geisterschachen» nachts einen einsamen, feurigen Mann arbeiten sehen, der die Marksteine zu entfernen versucht.

Dazu lauern im Buch auch viele kurze Anekdoten nur darauf, den Lesern Angst einzujagen. So etwa «Die Schlange zu Weiningen», die Geschichte einer schlangenförmigen Bestie mit Katzenkopf, die Anfang des 18. Jahrhunderts gesehen worden sein soll. Oder «Der Hausgeist von Dietikon», deren Protagonist verbannt in einem Fläschchen in einem der Häuser an der Oberen Reppischstrasse versteckt auf seine Befreiung wartet.

Wer sich trotzdem dem Halloween-Spass in der Region hingeben möchte, hat mit den Limmattaler Sagen zumindest einen Ansatz für ein originelles Kostüm. Wer weiss: Vielleicht erscheint auf Limmattaler Strassen heute Abend ein grausamer nasser Ritter, ein erschossenes Playboy-Bunny oder ein überarbeiteter Bauer? Es gilt achtsam zu sein, denn von den racheschwörenden «Erdmännchen im Wilental» war noch gar nicht Rede.

Quelle: Zürcher Sagen, Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Band 41, K. W. Glättli, 1959, Kommissionsverlag Hans Rohr Zürich, ETH-Bibliothek.