Ein junges Migrantenpaar lebt in einer Zweizimmerwohnung in Schlieren, als eine Tochter zur Welt kommt. Beide Elternteile arbeiten in einer schlecht bezahlten Temporäranstellung. Nur mit Mühe und Not können die Eltern immer wieder verhindern, dass sie von Gläubigern betrieben werden. Mit zunehmendem Alter benötigt die Tochter mehr Platz. Eine grössere Wohnung kann sich die Familie auf dem freien Markt aber nicht leisten. Dazu kommt, dass die jungen Eltern aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation von Liegenschaftsverwaltungen als Interessenten kaum berücksichtigt werden. Die Situation scheint trotz Suchbemühungen aussichtslos. 

Solche Fälle gibt es im Limmattal zuhauf. Die Stadt Schlieren, die katholische und die reformierte Kirche haben deshalb vergangenen August zusammen das Pilotprojekt «Wohnhilfe» lanciert. Das vorerst auf drei Jahre befristete Angebot richtet sich an Einkommensschwache, kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Migranten oder überschuldete Personen mit Wohnsitz in der Stadt. Die Idee ist es, deren Chancen auf dem Wohnungsmarkt zu verbessern, sodass sie in der Lage sind, ihren Bedürfnissen und Finanzen angemessenen Wohnraum zu finden. Das Konzept sieht vor, dass ihnen eine Sozialarbeiterin sowie freiwillige Mitarbeiter dazu im Sinne einer «Hilfe zur Selbsthilfe» die wichtigsten Wohnkompetenzen vermitteln.

Klienten lernen, zu recherchieren

Viele der Klientinnen und Klienten hätten unter anderem wegen ihrer sprachlichen Fähigkeiten etwa Probleme dabei, im Internet geeignete Wohnungen zu finden, sagt Sozialarbeiterin Rahel Fuchs von der «Wohnhilfe»: «Im Coaching versuchen wir daher die Recherche-Kompetenzen der Wohnungssuchenden zu verbessern und sie dabei zu unterstützen, ein ansprechendes Bewerbungsdossier zu erstellen.» Eine grosse Erleichterung bedeute es für viele Klienten ausserdem, wenn Freiwillige sie zu Besichtigungsterminen begleiten und ihnen beim Ausfüllen der Formulare helfen.

Seit dem Beginn des Projekts im September nahmen bereits 30 Klienten die «Wohnhilfe» in Anspruch. Die Erfolgsbilanz lässt sich sehen: Drei von ihnen haben bereits eine Wohnung gefunden. Andere seien nach einigen Kontakten in der Lage gewesen, sich auf dem Wohnungsmarkt selbst zurechtzufinden, so Fuchs.

Die Stadt Schlieren rechnet allerdings mit etwa 60 bis 70 Haushalten, die zur Zielgruppe gehören, wie Judith Hüppi, die Projektleiterin der katholischen Kirche, sagt. Dass sie noch nicht alle im Büro der «Wohnhilfe» an der Badenerstrasse 1 vorstellig wurden, hat einen einfachen Grund, wie sie sagt: «Wir nehmen uns nur jenen Fällen an, die uns vom städtischen Sozialdienst und anderen öffentlichen Institutionen zugewiesen werden.» Dazu gehören die Abteilungen des Kinder- und Jugendhilfezentrums, die Asylorganisation AOZ, die kirchlichen Sozialdienste sowie die Schulsozialarbeit.

Bislang konnte die «Wohnhilfe» drei Personen finden, die Wohnungssuchende während einiger Stunden pro Monat freiwillig unterstützen. Fuchs wäre aber froh, wenn sich noch mehr Freiwillige aus der Region melden würden, wie sie sagt: «Es muss betont werden, dass diesen Helferinnen und Helfern aus ihrer Aufgabe keinerlei vertragliche Verantwortung erwächst.» Diese würden die Klienten – etwa im Fall einer Mietvertragsunterzeichung – alleine tragen.

Der zweite Ansatzpunkt der «Wohnhilfe» betrifft die Seite der Liegenschaftseigentümer und -verwaltungen: Sie will die Projektleitung für die Problematik sensibilisieren. Eine Begleitgruppe, bestehend aus Personen aus dem Hauseigentümerumfeld, aus Politik und einigen in der Stadt gut vernetzten Personen, hat ihre Unterstützung bei der Lobbyarbeit zugesichert. «Wir wollen erreichen, dass Vermieter bei Wohnungsvergaben auch Leute berücksichtigen, die sonst schlecht positioniert sind», erklärt Hüppi.

Vermieter sollen entlastet werden

Doch welches Interesse hat eine Liegenschaftsverwaltung daran, Klienten der «Wohnhilfe» eine Bleibe zu vermieten? Schliesslich stecken diese oft in einer prekären wirtschaftlichen Situation und verfügen teilweise über schlechte Deutschkenntnisse. Hüppi sieht die Vorteile der Vermieter an einem anderen Ort: «Wir wollen eng mit den Verwaltungen zusammenarbeiten und sie bei sozialen Problemen mit Mietern entlasten.» Um Zwisten mit Nachbarn und Verwaltungen vorzubeugen, plant die «Wohnhilfe» Klienten in Coachings wichtige Kompetenzen in Sachen nachbarschaftlichem Umgang, Abfallentsorgung und Hausordnungen zu vermitteln. Ausserdem würden sie in finanziellen Belangen in Budgetberatungen unterstützt, sagt Hüppi.

Die Gesamtkosten des dreijährigen Pilotversuchs «Wohnhilfe» belaufen sich auf 370 000 Franken. Die Stadt Schlieren beteiligt sich daran mit 195 000 Franken. Den Rest tragen die beiden Kirchgemeinden zusammen mit vier Sponsoren. 2017 sollen die Erkenntnisse ausgewertet und entschieden werden, ob und in welcher Form das Angebot weitergeführt wird. Laut Fuchs wäre eine Vision, die Wohnhilfe auch in Urdorf und Dietikon einzuführen.