Kantonspolizei
Neuer Bezirkschef will jungen Polizisten ein Vorbild sein

Martin Litscher begann als Fahnder und kennt die Region noch aus seiner Jugendzeit. Die Polizeiarbeit ist nicht seine einzige Leidenschaft.

Tobias Hänni
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Martin Litscher vor dem Bezirksgebäude Dietikon: «Der Umgang mit Verbrechern muss korrekt und urteilsfrei sein.» hae

Martin Litscher vor dem Bezirksgebäude Dietikon: «Der Umgang mit Verbrechern muss korrekt und urteilsfrei sein.» hae

Tobias Hänni

Es ist für ihn ein wenig wie Heimkommen: Wenn Martin Litscher am Mittwoch das Amt des Dietiker Bezirkschefs der Kantonspolizei Zürich antritt, kehrt er in eine Region zurück, die ihm vertraut ist. Er ist in Birmensdorf zwar am Rand des Bezirks aufgewachsen, und mit dem Übertritt an die Oberstufe nach Hedingen umgezogen, erzählt der 49-Jährige in seinem kleinen Büro im Bezirksgebäude. «Aber ich war als Jugendlicher immer wieder an der Fasnacht und an Wald- und Wiesenfesten im Bezirk.» Die Zeit, als er mit dem Töffli durchs Limmattal fuhr, ist lange her. Wie auch die Lehre zum Automechaniker, die am Anfang seiner beruflichen Karriere stand. Nach der Lehrzeit begann Litscher eine zweijährige Ausbildung an der Handelsschule, brach diese aber nach einem Jahr ab, um sich bei der Kantonspolizei zu bewerben. «Einer unserer Nachbarn war Polizist. Er hat mich angefixt», erzählt Litscher. Der Mann habe ihm gesagt, dass er doch gut zur Polizei passen würde.

Mitten im Zürcher Drogensumpf

Der Eindruck des einstigen Nachbarn bestätigt sich im Gespräch mit dem neuen Bezirkschef: Litschers Blick ist wach, sein Lächeln authentisch und man glaubt ihm, wenn er sagt: «Ich konnte schon immer gut mit Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten umgehen.» Entsprechend fasziniert war der Vater dreier Kinder von der Arbeit als Protokollführer bei der Staatsanwaltschaft, die er nach der Polizei-Ausbildung Ende der 1980er-Jahre antrat. Nicht zwingend wegen der Protokollarbeit – «Ich war ein Schreiberling» –, sondern weil er regelmässig an Schwerpunktaktionen im «Triangel» Limmatstrasse, Konradstrasse, Letten teilnahm. Kleinkriminelle, Drogendealer, Prostituierte — Litscher hat den damaligen Zürcher Drogensumpf aus nächster Nähe erlebt. Auch als er später im Dienstkreis 3 und 4 und als Gruppenchef am Hauptbahnhof stationiert war. «Der Bahnhof war damals ein beliebter Treffpunkt der Drogenszene – vor allem bei Regen», sagt Litscher.

Seine Erinnerungen an die offene Zürcher Drogenszene sind auch nach zwei Jahrzehnten noch lebhaft. «Heute wäre das ein grosser Fall, aber damals war es üblich, dass Dealer mit 300 Gramm Heroin am Platzspitz standen», erinnert er sich. Nicht etwa versteckt, sondern für jeden sichtbar sei der Stoff angeboten worden. «Damals haben wir den Dealern die Drogen einfach abgenommen und auf die Strasse geleert», erinnert sich Litscher. Angesichts der schieren Menge blieb nichts anderes übrig: «Wir sind gar nicht nachgekommen.»

Nicht der einsame Wolf

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser Erfahrungen wechselte Litscher zur Jahrtausendwende in die Drogenfahndung. Danach leitete er für vier Jahre den Dienstkreis Hauptbahnhof. 2008 trat er aus dem Polizeikorps aus, um bei der Transportpolizei der SBB die Region Ostschweiz zu leiten. Der Ausflug dauerte nicht lange: Schon nach zwei Jahren kehrte er zum Fahndungsdienst der Kantonspolizei zurück. «Das Metier hat mir immer gefallen.» Die Arbeit als Fahnder sei für ihn eine Leidenschaft; müsse fast eine sein, sagt Litscher: «Das ist in diesem Job mit den vielen Abendeinsätzen wohl Voraussetzung.» Eine Arbeit, die sich schlecht mit dem Privatleben verträgt. Trotzdem: Der einsame Wolf, der nächtelang Verdächtige observiert oder sich Schiessereien mit Verbrechern liefert, ist Litscher nicht. Auf jemanden schiessen, das habe er in seiner ganzen Laufbahn glücklicherweise nie müssen, sagt er. Und: «Die Familie stand immer im Vordergrund.» Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt er in Affoltern am Albis, wo er in der Freizeit seiner zweiten Leidenschaft nachgeht – dem Kochen. «Das scheint in der Familie zu liegen», sagt Litscher. Sein Bruder sei Koch, und wenn die Mutter zum Löffel greife, schmecke es wie im Hotel, fügt er hinzu und lacht.

Über Gefühle reden ist wichtig

Für die Stelle des Bezirkschefs hat sich Litscher trotz seiner Faszination für die Fahndungsarbeit aus eigenem Antrieb beworben. «Ich habe mich nach einer Führungsfunktion gesehnt.» Neben der Beziehungspflege zu anderen Behörden und zur Politik, die das Amt mit sich bringt, will Litscher in Dietikon seinen Erfahrungsschatz und sein Wissen an die jüngeren Kollegen weitergeben. Davon könne er selber profitieren: «Die Arbeit mit jungen Polizisten hält mich selber jung.» Die Vorbildfunktion, die erachtet Litscher als zentral für einen guten Vorgesetzten. Auch wenn es darum geht, Missbräuche zu verhindern. «Als Chef fahre ich eine strenge Linie: Der Umgang, auch mit Verbrechern, muss korrekt und urteilsfrei sein.» Es sei Aufgabe der Gerichte, nicht der Polizei, ein Urteil zu fällen.

Übergriffe und Polizeigewalt, wie sie kürzlich mit der erneuten Verurteilung zweier ehemaliger Schlieremer Stadtpolizisten Schlagzeilen gemacht haben, sieht Litscher aber ohnehin nicht als Problem bei seiner künftigen, knapp 40-köpfigen Mannschaft, und generell nicht bei der Kantonspolizei Zürich. «Unsere Kultur lässt keinen Raum für Missbräuche.» Die gegenseitige Betreuung bei der Bewältigung von Stress, das Reden über die eigenen Gefühle: Das funktioniert laut Litscher bei der Kantonspolizei.

Als Bezirkschef wolle er seinen Mitarbeitern an der «Front» ebenfalls zur Seite stehen. «Allerdings bloss unterstützend, nicht zuvorderst», fügt er an. Trotzdem: Dem Fahnder in ihm dürfte es gefallen, ab und zu an Ausseneinsätzen dabei zu sein.