Interview

Neuer Bezirkschef der Kantonspolizei in Dietikon: «Wir lassen nicht locker»

Ins Limmattal eingestiegen und beruflich aufgestiegen: Statt im Rathaus-Polizeiposten am Zürcher Limmatquai arbeitet Roland Möckli neu im Bezirksgebäude am Dietiker Bahnhofsplatz.

Ins Limmattal eingestiegen und beruflich aufgestiegen: Statt im Rathaus-Polizeiposten am Zürcher Limmatquai arbeitet Roland Möckli neu im Bezirksgebäude am Dietiker Bahnhofsplatz.

Roland Möckli ist seit Januar neuer Bezirkschef der Kantonspolizei in Dietikon. Der Birmensdorfer Bauernsohn, der einst eine Lehre als Landmaschinenmechaniker absolviert hatte, sorgte zuvor jahrelang in der Stadt Zürich für Recht und Ordnung. Warum er sich für den Job in Dietikon beworben hat und wie es um die aktuelle Sicherheitslage im Limmattal steht, sagt der 57-Jährige im Interview.

Katharina Kohler war die erste Frau, die die Kantonspolizei im Bezirk Dietikon führte. Nachdem sie – nach knapp drei Jahren als Bezirkschefin – per 2020 zur Chefin der Verkehrstechnischen Abteilung der Kantonspolizei befördert wurde, dies im Range einer Offizierin, hat Roland Möckli ihr Amt übernommen. Diese Woche hat der Chef von 45 Kantonspolizistinnen und -polizisten die Limmattaler Zeitung im Dietiker Bezirksgebäude zum Gespräch empfangen.

Wieso wurden Sie Polizist?

Roland Möckli: Ich hatte schon als Kind daran gedacht. Richtig damit beschäftigt habe ich mich dann während der Lehre als Landmaschinenmechaniker. Da überlegte ich mir, was ich eigentlich erreichen könnte. Ich konnte mir vieles vorstellen: ein Job bei einer Bank, einer Versicherung, der Polizei, dem Berufsmilitär oder bei der Swissair. So überlegte ich mir dann, welche Firma es auch 40 Jahre später noch geben wird. Ich entschied mich, die Polizeischule anzufangen. Und wenn ich jetzt zurückschaue, weiss ich: Ich würde es genau gleich machen. Ich habe Freude an dieser Arbeit und wie es in meinem Berufsleben vorwärtsging.

Jetzt ist es mit dem Aufstieg zum Bezirkschef vorwärtsgegangen. Zuvor waren Sie eine Hierarchiestufe tiefer – als Kreischef im Stadtzürcher Dienstkreis Limmat.

Andere denken mit 57 Jahren schon an die Pension. Ich habe mir gedacht: Nein, ich suche nochmals eine neue Herausforderung. Denn das hält jung. Auch gibt es mir viel, das, was ich in 35 Jahren bei der Kantonspolizei gelernt habe, an junge Mitarbeiter weiterzugeben. Die Aufgabe ist auch eine andere: Als Bezirkschef muss ich netzwerken. Ich muss den Kontakt mit den elf Gemeinden pflegen, oder zum Beispiel auch mit den Feuerwehren und dem Statthalter und der Staatsanwaltschaft. Ich muss die Wünsche abholen und schauen, was wir erfüllen können und was nicht. Und mit den Gemeindepolizeien wie zum Beispiel der Stadtpolizei Dietikon muss ich auch in Kontakt sein, damit man sich zum Beispiel gegenseitig unterstützen und die Ressourcen optimal nutzen kann. Anders ist auch die Anzahl Polizisten, die ich führe. In Zürich waren es 14 Personen, hier sind es 45. Ab 1. Mai sind es dann etwas weniger.

Ein Abbau bei der Kantonspolizei?

Nein. Die Protokollführer, die zum Beispiel bei der Staatsanwaltschaft die Protokolle schreiben, sind zurzeit mir unterstellt. Ab 1. Mai gehören sie zur Ausbildungsabteilung. Das ist letztlich eine Entlastung für mich.

Als Sie 1988 die Polizeischule fertig hatten, begannen Sie bei der Verkehrspolizei. Mit dem Verkehrszug Zürich waren Sie im ganzen Kanton tätig. Erinnern Sie sich noch an einen Ihrer ersten Einsätze?

Das war in Hausen am Albis, an meinem ersten oder zweiten Arbeitstag. Ich nahm meinen allerersten Unfall mit Sachschaden auf. Nichts grosses. Wenn ich mich recht erinnere, kollidierte ein Lastwagen mit einem parkierten Auto. Mein Kollege sagte mir, ich solle ihm zuschauen, wie man so eine Unfallaufnahme macht. Und ich sagte: Nein, ich mache es gleich selber, so lerne ich am meisten. Das klappte dann auch. Aber ich hatte in meiner Uniformjacke noch das Winterfutter drin. Dabei war es Juli und ziemlich heiss. Der Schweiss lief mir nur so runter, als ich ziemlich nervös die Personalien aufnahm.

Sie hatten wohl auch Erlebnisse, die Ihnen ganz persönlich noch näher gegangen sind. Was war das einschneidendste Erlebnis?

Das war, als ich erstmals so richtig mit dem Tod in Berührung kam, nachdem 1990 der Alitalia-Flug 404 auf dem Stadlerberg abstürzte und alle 46 Insassen starben. Als junger Funktionär musste ich am Tag danach beim Aufräumen helfen. Ich war eine Woche vor Ort und vor allem auch bei der Leichenbergung dabei.

Wie kamen Sie mit der psychischen Belastung klar?

Die Kantonspolizei hatte damals noch kein Care-Team, das psychologische Hilfe bot. Trotzdem konnte ich es recht gut verarbeiten. Ich ging mit einer Arbeitskollegin zusammen essen, um über das Erlebte zu reden. Das tat gut und wir konnten mit diesem einschneidenden Erlebnis umgehen. Beim ersten Mal geht es einem zwar sehr nahe. Mit der Zeit entwickelt man aber eine Schutzhülle. Meine Frau ist immer wieder erstaunt, wie schnell ich umschalten kann. Wenn ein Aufgebot kommt, bin ich ab dem ersten Anruf voll fokussiert. Wenn ich wieder zuhause und frisch geduscht bin, kann ich das Erlebte hinter mir zurücklassen. Ich kann das gut trennen. Ein spezieller Fall in meiner Karriere war auch der Absturz des Crossair-Flugs 3597 in Bassersdorf im Jahr 2001, als 24 Menschen starben und 9 überlebten. Auch dort war ich mehrere Tage im Einsatz. Zuletzt war ich zudem in Zürich bei den Ermittlungen rund um einen prominenten Fall involviert. Aber dazu kann ich nichts sagen. Das Verfahren läuft noch.

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Kennen Sie sich nach rund eineinhalb Monaten als Bezirkschef schon aus im Limmattal?

Ja, denn ich mache schon seit vier Jahren Kader-Pikett in der Region Limmattal/Albis, musste also bei grösseren Ereignissen auch hin und wieder ausrücken. Zudem wohne ich seit 2007 in Birmensdorf.

Wie erleben Sie die derzeitige Sicherheitslage im Limmattal?

Aktuell ist es ruhig. Das grösste Ereignis dieses Jahr war bisher der Brand des Pestalozzi-Gebäudes in der Dietiker Silbern. Ich schaue das Polizeijournal jeden Tag an und 2020 ist bisher wirklich eher ruhig verlaufen. Das kann die Polizei nutzen, um zum Beispiel Pendenzen abzuarbeiten und noch mehr Präsenz zu zeigen.

Wie sieht Ihr Alltag derzeit aus?

Zurzeit bin ich damit beschäftigt, alle 45 Polizistinnen und Polizisten kennenzulernen. Ich rede mit jedem mindestens eine halbe Stunde. Wer ist er? Was hat er gemacht bis jetzt? Das sowie Termine mit Behördenvertretern machen derzeit meinen Alltag aus.

Was ist bisher Ihr erster Eindruck von der Kantonspolizei im Bezirk?

Auf den ersten Blick gibt es nichts zu ändern. Mit der Zeit wird sich weisen, ob ich noch am einen oder anderen Schräubchen drehe. Aber von Katharina Kohler habe ich einen tadellosen Betrieb übernommen. Die Leute hier machen einen guten Job.

Werden Sie auch neue Schwerpunkte setzen?

Letztlich legt die Regierung fest, was die Schwerpunkte sind. Grosse Themen sind die Kriminalität gegen Senioren, die Gewalt gegen Frauen und auch Stalking. Die Schwerpunkte habe ich noch von der Ära Kohler und ihrem Vorgänger und heutigem Regionalabteilungschef Martin Litscher übernommen. Ein Schwerpunkt ist die Notunterkunft für abgewiesene Asylbewerber in Urdorf. Die Lage dort ist derzeit auch relativ ruhig, es gibt keine Probleme zwischen der Bevölkerung und den Bewohnern der Unterkunft. Hin und wieder gibt es Probleme unter den Bewohnern der Unterkunft. Aber das haben wir im Griff, weil wir mehrmals täglich Präsenz markieren. Auch die Zusammenarbeit mit der Zentrumsleitung ist sehr gut, wir tauschen uns aus. Wenn sie Hilfe braucht, ist der Verkehrsstützpunkt Urdorf ja ganz in der Nähe. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, kommt es gut. Auch an den illegalen Glücksspielstätten, die im Bezirk Dietikon häufiger sind als anderswo, bleiben wir dran. Wir lassen nicht locker.

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Schon seit Jahren ist die Polizei da dran. Ändert sich überhaupt etwas?

Es ist eine herausfordernde Arbeit. Die Täter passen sich uns an und die Digitalisierung macht laufend Fortschritte. Wir müssen daher immer neue Lösungen suchen, um Beweise zu erbringen. Heute hat man nur noch ein Tablet und das Glücksspielprogramm ist irgendwo in der Cloud. Das war früher noch anders, als ich fürs Niederdorf in Zürich zuständig war. Da hatten wir mal einen ganzen Salon mit 13 Glücksspielautomaten geräumt. Da sah man noch schnell, was läuft. Aber wir sind dran. Demnächst haben wir auch wieder eine Sitzung mit Gemeindevertretern und dem Statthalter, um zu schauen, wie es weitergehen soll.

Das illegale Glücksspiel ist eine kriminelle Eigenheit des Bezirks Dietikon. Welche anderen
beschäftigen Sie sonst noch?

In der wärmeren Jahreszeit werden uns auch die Lärm- und anderen Belästigungen durch Jugendliche erneut beschäftigen. Das wird ein grosser Schwerpunkt bleiben und hat auch mit der Digitalisierung zu tun. Mit kleinen Geräten kann man heute schon sehr viel Lärm verursachen. Ständige Präsenz und Kontrollen sind hier nötig.

Auch falsche Polizisten, die Senioren übers Telefon betrügen, sind ein wiederkehrendes Thema.

Wir betrieben hier viel Prävention, die immer mehr nützt. Wir gehen direkt auf Alterszentren und andere Senioreninstitutionen zu. Damit auch sie hinschauen und melden, wenn etwas verdächtig ist. Nur steter Tropfen höhlt den Stein. Auch die Präsenz des Problems in den Medien hilft. Wir haben je länger je mehr Senioren, die uns melden, wenn sie solche Anrufe erhalten. Auch sind die Banken gebrieft – das haben wir schon früher gemacht, als es noch um Enkeltrickbetrug und nicht um falsche Polizisten ging.

Trotzdem fallen noch Leute rein.

Ja, das Problem existiert noch. Die Täter üben sehr grossen Druck auf ihre Opfer aus und reagieren äusserst empathisch. Zudem gibt es auch beratungsresistente Personen, die zum Beispiel den Tipp eines Bankmitarbeiters, nicht so viel Geld aufs Mal abzuheben, nicht beachten wollen. Es ist nach wie vor viel Präventionsarbeit gefragt.

Wie zufrieden sind Sie eigentlich mit der Bevölkerung als Helfer?

Sie ist sehr aufmerksam und meldet viel. Meistens ist etwas dran. Gerade auch jetzt im Winter, während der Einbruchssaison, war sie uns eine grosse Hilfe mit ihren Hinweisen.

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