Dietikon
Neue Untersuchungshaft-Abteilung für suizidale Häftlinge eröffnet

Die neue Kriseninterventionsabteilung im Gefängnis Limmattal in Dietikon hat ihren Betrieb aufgenommen. Sie soll dazu beitragen, Suizide zu verhindern.

David Egger
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Eine Aufseherin öffnet eine Gefaengniszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
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Blick in den Aufenthaltsraum in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Blick in eine Gefängniszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Eine Liege steht in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Blick in eine Gefaengniszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Gefängnis Dietikon Medienführung
Blick in die Sicherheitszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Blick in eine Gefängniszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.
Im Gefängnis Limmattal in Dietikon ist eine spezielle Abteilung eröffnet worden – dort werden Insassen untergebracht, die sich in einer akuten Krise befinden.
Im Gefängnis Limmattal in Dietikon ist eine spezielle Abteilung eröffnet worden – dort werden Insassen untergebracht, die sich in einer akuten Krise befinden.
Im Gefängnis Limmattal in Dietikon ist eine spezielle Abteilung eröffnet worden – dort werden Insassen untergebracht, die sich in einer akuten Krise befinden.
Im Gefängnis Limmattal in Dietikon ist eine spezielle Abteilung eröffnet worden – dort werden Insassen untergebracht, die sich in einer akuten Krise befinden.
Hier im Bild: Das Stationsbüro.
Hier duschen und waschen sich die Insassen.
Hier duschen und waschen sich die Insassen.
Der grösste Unterschied zur normalen U-Haft: Hier gibt es mehr Kontakte zu anderen Insassen.
Nach maximal drei Wochen werden die Insassen zurück in die gewöhnliche U-Haft geschickt.
Neben der neuen Kia wurde in den vergangenen zwei Jahren eine ganze Reihe weiterer Verbesserungen umgesetzt.

Eine Aufseherin öffnet eine Gefaengniszelle in der Kriseninterventionsabteilung (Kia) im Gefängnis Limmattal.

Keystone

Der Doppelmord an zwei Kindern in Flaach erschütterte im Januar 2015 die Schweiz. Und als sich sieben Monate später die Mutter und Täterin im Gefängnis Zürich das Leben nahm, erschütterte das die Direktion der Justiz und des Inneren. Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) musste reagieren. Nur Monate zuvor hatte sie die Direktion übernommen. Sie liess die Umstände der Untersuchungshaft (U-Haft) überprüfen.

Fehr erinnert sich: «Ausgehend von der Auseinandersetzung mit diesem Fall, haben wir mit Erstaunen festgestellt, dass es in den letzten 20 Jahren quasi keine Reformen bei der Untersuchungshaft gegeben hatte.» Basierend darauf erklärte Fehr die Neugestaltung der U-Haft zu einem Schwerpunkt der Legislatur, die diesen Frühling endet.

Jetzt setzt die Justizdirektion die lange ausgebliebenen Reformen um. Ein erstes Schlüsselprojekt ist die neue Kriseninterventionsabteilung, mit der das moderne Gefängnis Limmattal eine Pionierrolle einnimmt. Der Umbau des entsprechenden Gefängnisbereichs kostete eine Million Franken. Am 11. Februar nahm die neue Abteilung ihren Betrieb auf. Am Freitag führten Fehr und ihre Entourage die Medien durch die neue Abteilung hinter dem Beton des Dietiker Bezirksgebäudes.

Besser ertragbares Haftregime

Sie soll dazu beitragen, Suizide hinter Gittern zu verhindern, ist sie doch speziell für Häftlinge in akuten psychischen Krisen gedacht. Insbesondere ist das Haftregime in der neuen Abteilung für die Häftlinge etwas leichter zu ertragen. 500 neue Stellenprozente wurden hier geschaffen: 400 Prozent Pflegepersonal und 100 Prozent für einen Psychiater.

Untergebracht werden die maximal neun Häftlinge in den vier Doppelzellen 305, 306, 307 und 308 sowie in der Einzelzelle 309. Zudem gibt es ein Besprechungszimmer, wo der Psychiater arbeiten kann, einen Duschraum und einen Gruppenraum mit Holztischen, die einen schönen Kontrast zum Beton, zu den Gittern und schweren Türen setzen. Im Gruppenraum können die Häftlinge etwa gemeinsam und geschlechterdurchmischt essen und die Zeit mit Freizeitaktivitäten verbringen.

So fühlen sie sich weniger allein, weniger auf sich selbst zurückgeworfen. Maximal drei Wochen dürfen die Häftlinge in der Kriseninterventionsabteilung (kurz: Kia) verbringen. Danach geht es zurück in die gewöhnliche U-Haft.

Anders ist es, wenn sich die psychische Krise verschlimmert und eine akute Suizidgefährdung besteht: Dann steht die karge, videoüberwachte Sicherheitszelle 310 bereit, die bis ins Detail darauf ausgerichtet ist, dass sich die Insassen nicht umbringen können. Hier warten sie darauf, dass sie innert weniger als 24 Stunden in die psychiatrische Klinik nach Rheinau gebracht werden, wo ein Tag Unterbringung rund 1500 Franken kostet, wie es am Freitag an der Medienkonferenz im Gefängnis Limmattal hiess. Zum Vergleich: Ein Tag in der neuen Kriseninterventionsabteilung kostet halb so viel, rund 750 Franken. Die U-Haft von Insassen mit akuten psychischen Krisen soll kostengünstiger werden, weil dank der neuen Abteilung weniger Häftlinge in Rheinau untergebracht werden müssen, wo sie zuweilen den nichtkriminellen Psychiatrie-Patienten den Platz wegnehmen.

«Es geht um den Fortschritt»

Die Kostensenkung sei aber nicht das Ziel, betonte Fehr: «Vielmehr geht es uns um den Fortschritt.» Und zwar nicht nur bei Häftlingen mit psychischen Krisen, sondern bei Untersuchungshäftlingen allgemein, werden diese doch von einer Sekunde auf die andere aus ihrem Leben gerissen. Oft kommt es zu einem Haftschock. «Ein abrupter Freiheitsentzug ist eine massive Einschränkung. Darum ist die Betreuung von Untersuchungshäftlingen ganz häufig Krisenarbeit», sagte Fehr. «Im Wissen darum, dass 99 Prozent der Insassen irgendwann wieder freikommen, muss es das Ziel sein, dass bei ihnen während der Haft möglichst wenig Ressourcen vernichtet werden, die sie benötigen, wenn sie wieder frei sind.» Die ganze Zeit in Haft soll darum neu als gesamthafter Prozess betrachtet werden.

Hinzu kommen viele Verbesserungen. Früher hatten Untersuchungshäftlinge jeden Tag nur eine Stunde Zeit ausserhalb der Zelle. Von Montag bis Freitag sind es neu sieben Stunden. Auch gibt es neue Fitness- und Arbeitsangebote. Und neu können die Häftlinge in allen Zürcher Gefängnissen täglich duschen. Vor zwei Jahren gabs das noch nicht.
Weitere Verbesserungen stehen an. «Wir arbeiten systematisch daran, die Haftbedingungen in der Untersuchungshaft zu verbessern», sagt Roland Zurkirchen, der Direktor der Untersuchungsgefängnisse des Kantons Zürich und alt Direktor vom Gefängnis Limmattal.

So sanktioniert das Gefängnis Häftlinge, die mit Passanten auf der Weiningerstrasse sprechen

Einen weiteren Meilenstein in der Verbesserung der Untersuchungshaft erreicht der Kanton Zürich am 1. Juli. Ab dann sind 40 der total 72 Haftplätze in Dietikon für Untersuchungshäftlinge gedacht, bei denen keine Kollusionsgefahr mehr besteht, die also die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht mehr gefährden können. Sie dürfen wieder Kontakte nach aussen haben. Mit Besuchern können sie sich in einem Raum ohne Trennscheibe treffen. Auch Telefonieren ist ihnen erlaubt.

Das Gefängnis Limmattal in Dietikon ist für dieses Pionierprojekt besonders geeignet. Clevere Häftlinge suchen dort schon heute den Kontakt zur Aussenwelt: Schreien sie durch ihr offenes Zellenfenster, können sie sich mit Passanten auf der Weiningerstrasse verständigen. Manchmal stehen daher Kollegen oder Frauen mit Kindern auf dem Trottoir und kommunizieren mit den Häftlingen. Im Sommer kommt das besonders häufig vor.

Darauf angesprochen, sagte Justizdirektorin Jacqueline Fehr gestern: «Das Gefängnis Limmattal ist nicht so geeignet für Häftlinge, bei denen Kollusionsgefahr besteht. Wir nutzen nun diese Situation und machen dieses Gefängnis zu einem spezialisierten Gefängnis für Häftlinge ohne Kollusionsgefahr.»

Wie auf einem Merkblatt für Häftlinge zu lesen ist, drohen diesen zudem Sanktionen, wenn sie verbotenerweise mit Passanten auf der Weiningerstrasse sprechen: Das Gefängnis kann die Sonnenstoren runterlassen oder die Zellenfenster tagelang schliessen. Auch können Besuche eingeschränkt und Meldungen an die Staatsanwaltschaft gemacht werden. Zudem sind weitere Disziplinierungen, Wechsel in eine andere Zelle oder Versetzungen in ein anderes Gefängnis möglich. (deg)