Tennis

Neue Trainerin, neues Selbstvertrauen: Urdorferinnen wollen Bencic fordern

NLA-Damen-Trainerin Andrea Dürst und Reto Nigg, Spielleiter des TC Weihermatt, freuen sich auf den Saisonstart.

NLA-Damen-Trainerin Andrea Dürst und Reto Nigg, Spielleiter des TC Weihermatt, freuen sich auf den Saisonstart.

Die Damen des Tennisclubs Weihermatt steigen am Dienstag mit in das Rennen um die Interclub-Krone. Zum Start geht es gegen Titelverteidiger Chiasso mit Belinda Bencic.

Während der Gärtner am Freitagmorgen die Rasenstreifen zwischen den rötlichen Sandplätzen mäht, ist auf dem Klubhausdach und der Terrasse davor ein Hochdruckreiniger im Einsatz. Der TC Weihermatt (TCW) in Urdorf wird herausgeputzt für das anstehende Tennisfest. «Bei den Anlagen gehören wir sicher zu den Top drei», sagt Spielleiter Reto Nigg. Am Dienstag starten die TCW-Damen zu Hause in die Nationalliga-A-Meisterschaft. Wie vergangene Saison wartet zum Auftakt Chiasso als Gegner. Die Tessinerinnen reisen dieses Jahr als Titelverteidiger an und werden angeführt von Belinda Bencic, der besten Schweizer Tennisspielerin seit Martina Hingis.

«Natürlich ist fraglich, ob wir eine Spielerin haben, die Bencic schlagen kann», sagt Andrea Dürst beim Treffen auf der Weihermatt. Aber die Urdor­ferinnen starten mit viel Selbstvertrauen in ihre zweite Saison in der höchsten Spielklasse. Vergangenen Sommer hätten einige Teams die Aufsteigerinnen unterschätzt. «Nach dem Halbfinaleinzug kann man uns nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen», sagt Dürst, die das Team auf diese Saison hin übernommen hat. Ihr Ziel ist die erneute Qualifikation fürs Finalwochenende der besten vier Teams, um die Leistung von letztem Jahr zu bestätigen. Auf dem Platz sind von 2019 die Österreicherin Julia Grabher und die beiden Schweizer Talente Jenny Dürst und Fiona Ganz wieder mit dabei. Neu dazu stossen die Schweizerinnen Bojana Klincov, Chiara Grimm und Aline Thommen.

Die Nummer 65 der Welt ist im Urdorfer Aufgebot

Spannend wird, welche internationalen Spielerinnen auf dem Platz stehen werden. Neben Grabher, die schon seit einigen Jahren für den TCW Interclub spielt, sind bei den Urdorferinnen vier weitere von Swiss Tennis mit der höchsten Stärkeklasse N1 eingestufte ausländische Spielerinnen gemeldet – darunter die Deutsche Laura Siegemund, die Nummer 65 der Welt. Aber pro Runde dürfen nur zwei Ausländerinnen auf­geboten werden. Noch ist nicht ganz sicher, wer tatsächlich wann spielen wird, weil die Verhandlungen bis zuletzt liefen. Ziel ist, sicher immer zwei starke Ausländerinnen aufzubieten. «Es ist gut, wenn wir flexibel sind. Wir haben verschiedene Trümpfe, die wir aus dem Ärmel schütteln können», sagt Dürst.

Dass der TC Weihermatt mit so vielen hochkarätigen Spielerinnen in Verbindung steht und Belinda Bencic nach Jahren wieder in der Heimat Interclub spielt, hat mit der Coronapandemie zu tun, welche die Profitour zum Erliegen gebracht hat. Deshalb suchen viele Profis diesen Sommer nach anderen Möglichkeiten, Spielpraxis zu sammeln und Geld zu verdienen. Folglich freut sich Reto Nigg besonders auf die Saison. Er ist überzeugt, dass die Meisterschaft schon lange nicht mehr so hochkarätig besetzt war. «Wir haben auch eine Schweizer Spielerin aus dem vorderen Bereich der Weltrangliste angefragt, aber finanziell war es leider nicht tragbar für uns», sagt Dürst.

Der Gründer des Damenteams ist zurückgetreten

Trotz vieler neuer Spielerinnen hat die grösste Veränderung beim Urdorfer Damenteam neben dem Platz statt­gefunden. Im Januar gab der langjährige Trainer Renato Belotti, der seit 1990 beim TCW aktiv ist und das Damenteam 2007 gründete, seinen Abschied bekannt. «Renato hat extrem viel für den Sport in der Region geleistet und beim TC Weihermatt viel mitaufgebaut», sagt Dürst. Im Januar habe Belotti sie wegen einer eventuellen Nachfolge angefragt. Sie musste we-gen der Saisonplanung innert weniger Tage entscheiden. Trotz organisatorischer und finanzieller Herausforderungen war ihr schnell klar: «Mein Herz sagte mir, dass ich das machen muss.» Dass mit Jenny Dürst ihre eigene Tochter schon rund sieben Jahre in Urdorf spielt und im NLA-Team aktiv ist, habe sie zusätzlich motiviert, sagt die Wettswilerin, die selbst schon seit 30 Jahren im Tennisbusiness aktiv ist und beim TC Wettswil die Tennisschule leitet.

Obwohl Belotti ein grosses Erbe hinterlässt, bietet der Trainerwechsel auch Chancen, den NLA-Betrieb in Urdorf zu professionalisieren. Während Belotti sich auf und neben dem Platz selbst um fast alles kümmerte, arbeitet Dürst mit einem Trainerstab. Sie kümmert sich um die komplette Organisation inklusive Vorbereitung und Sponsoring. Die Verantwortung für das Tennistraining während des Interclub hat sie Martin Sinner und Alex Hizli übertragen. Sie haben auch die Spielerinnen rekrutiert und coachen sie auf dem Platz während der Matches. «Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Wir haben eine klare Aufteilung und reden uns gegenseitig kaum drein», sagt Dürst. Die beiden Trainer verfügen über viel Erfahrung mit Spielerinnen auf der Profitour und leiten Trainings in der Tennisakademie von Hizli in Konstanz. Dort trainieren sie auch mit Fiona Ganz, Jenny Dürst, Bojana Klincov und Chiara Grimm.

Finanziell herrscht eine ­Zweiklassengesellschaft

«Ich dachte, wenn ich im März mit den Saisonvorbereitungen richtig starte, reicht es sicher», sagt Dürst. Stattdessen befand sich die Schweiz kurz darauf im Lockdown. Das habe die Suche nach Sponsoren zusätzlich erschwert. Die Urdorfer Damen arbeiten mit einem eher schmalen Budget, kein Vergleich zu Chiasso oder den Grasshoppers, die in der NLA über die meisten Mittel verfügen. «In der NLA herrscht gewissermassen eine Zweiklassengesellschaft», sagt Dürst. Sie sei optimistisch, dass beim Sponsoring mit der geleisteten Vorarbeit und mehr Zeit in der kommenden Saison noch mehr möglich ist.

Aber zunächst freut sich Dürst auf die unmittelbaren Herausforderungen. «Ich kann es kaum erwarten, bis der Dienstag kommt», sagt sie. Die Saison ist kompakt: Bis zum 4. August absolviert das Team seine fünf Gruppenspiele. Die besten vier qualifizieren sich für das Finalwochenende (siehe Zweittext links).

«Wir können alles erreichen. Beim Interclub steht und fällt so vieles mit der Tagesform», sagt sie. Sie hoffe auch, eine gute Visitenkarte für den TC Weihermatt abzugeben, damit der Verein von den NLA-Damen profi­tieren könne. Davon ist Spielleiter Nigg überzeugt. Auch er mag keine Prognose abgeben. «Es ist immer eine Lotterie, je nachdem wann man gegen welchen Gegner spielt. Und dieses Jahr ist eh alles anders und es kommt darauf an, wer sich am besten darauf einstellen kann», sagt er. Für Dürst ist klar: «Wenn wir das Team zusammenhalten können, wollen wir uns in Zukunft den Meistertitel als Ziel setzen.»

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