Nunmehr seit Jahrzehnten beeinträchtigt der Lärm die Lebensqualität der Oetwilerinnen und Oetwiler, wie Gemeindepräsident Paul Studer sagt.

In Zukunft könnte das Quietschen und Scheppern bei Nacht ein Fall für Juristen werden. Übernächste Woche, am 22.März, ruft der Gemeinderat die Bevölkerung zur ausserordentlichen Versammlung in die Gemeindescheune. Das Ziel: Er will sich einen Kredit über 184000 Franken genehmigen lassen für «Erarbeitung und Durchführung der notwendigen Grundlagen, Konzepte und Rechtsverfahren», wie es etwas bürokratisch heisst.

Tief sitzender Frust

Das Vorgehen ist Folge einer mittlerweile tiefen Frustration beim Oetwiler Gemeinderat. Offizielle Anfragen und Klagen bei den SBB haben bislang keinen Erfolg gebracht. Die nächtlichen Geräusche des grössten Rangierbahnhofs der Schweiz stören wie eh und je.

Die SBB erklären seit Jahren mantraartig, der RBL sei lärmsaniert, die Grenzwerte der Lärmschutzverordnung würden eingehalten. In Oetwil mag man das nicht recht glauben. Aber auch in Spreitenbach nicht.

Penetrantes Quietschen

«Die Quietschgeräusche werden immer penetranter», sagt Gemeindeammann Josef Bütler. Er erhalte regelmässig Beschwerden lärmgeplagter Einwohner. Wie Oetwil hat sich auch Spreitenbach regelmässig beim Bundesamt für Verkehr (BAV) beschwert. Die Antwort aus Bern: Die Lärmschutzverordnung sei eingehalten.

«Mit dieser Antwort wollten wir uns nicht länger zufriedengeben», sagt Bütler. Mit anderen Worten: Auch Spreitenbach hat genug.

Ende 2010 hatte Spreitenbach vom BAV Lärmmessresultate verlangt, um sich ein realistisches Bild der Lage zu machen, den Lärmbeeinträchtigungen werden mitunter sehr subjektiv wahrgenommen. Vor ein paar Tagen ist die Antwort aus Bern in Spreitenbach eingetroffen. Sie fiel zwiespältig aus. Es bestehe keine Sanierungspflicht, wurde beschieden, weil keine Grenzwerte überschritten würden. Das BAV bezog sich in der Antwort auf Messungen aus dem Jahr 1990.

Das BAV stellt aber in Aussicht, beim Rangierbahnhof 2011 oder 2012 Lärmmessungen vornehmen zu wollen. Dies wegen «des grossen Drucks der Bevölkerung und der Gemeinden Spreitenbach und Oetwil», wie BAV-Sprecherin Olivia Ebinger sagt. «Eigentlich wären wir dazu nicht verpflichtet.» Ebinger verteidigt sich: Die Zahlen von 1990 seien heute noch aktuell, denn der Güterverkehr habe gemäss SBB seither nicht zugenommen. Aus diesem Grund habe das BAV keinen Anlass für Nachmessungen gesehen.

Die Bewegungen auf dem Rangierbahnhof haben seit 1991 sogar um 40 Prozent abgenommen, sagt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi. Der Grund: Anders als früher, würden heute ganze Züge von A nach B fahren. Es muss deshalb weniger rangiert, die Kompositionen müssen weniger auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden. Und auch Pallecchi wiederholt: Der Rangierbahnhof Limmattal ist lärmsaniert.

Skepsis in Oetwil

In Oetwil nimmt Gemeindepräsident Paul Studer die Antwort an Amtskollege Bütler zur Kenntnis. Vor allem die in Aussicht gestellten Lärmnachmessungen. Während Bütler von einem ersten Erfolg spricht und «ein Zeichen der Bereitschaft, unser Anliegen wirklich ernst zu nehmen» beim BAV erkennt, bleibt Studer skeptisch. Zu oft ist er in dieser Sache bereits enttäuscht worden.

«Das ist interessant, aber wir sind damit nicht zufrieden», sagt Oetwils Gemeindepräsident. Er ist sich sicher, dass die Stimmberechtigten am 22.März den beantragten Kredit sprechen werden. Welche Massnahmen der Gemeinderat danach unternehmen will, lässt Studer offen. Sicher ist, man wird noch einmal das Gespräch mit den SBB suchen. Studer: «Wir sind an einer einvernehmlichen Lösung interessiert, doch wenn es nicht dazu kommt, beschreiten wir den Rechtsweg.» Was unternommen werde, um den Lärm zu reduzieren, ist Studer egal. Aber die Lärmbelastung muss abnehmen.

Lärm dämmende Bremsen

Dass beim Rangierbahnhof Limmattal mehr Lärmschutz machbar ist, bestätigen sogar die SBB selbst. Beim RBL werden derzeit nämlich an einzelnen Balkenbremsanlagen neue Beläge angebracht, wie SBB-Sprecher Roman Marti auf Anfrage bestätigt. Diese Bremsen drosseln die Geschwindigkeit der Güterwagen auf ihrem Weg zu den Richtungsgleisen auf Schritttempo. Sie sind es auch, welche für das ohrenbetäubende Quietschen verantwortlich sind.

Die neuen Beläge bestehen gemäss Marti zu 80 Prozent aus Gusseisen und zu 20 Prozent aus Einsätzen mit Lärm dämmenden Eigenschaften. Kontinuierlich werden im RBL nun alle Bremsen ersetzt. Die volle Wirkung erzielt diese Massnahme aber erst, wenn alle Bremsen ersetzt sind. Gemäss Marti wird dies Jahre dauern, weil sie erst dann ausgetauscht werden, wenn sie verschlissen sind.

Halbierung der Lautstärke

Bereits kommen die neuen Bremsen beim Rangierbahnhof Muttenz zum Einsatz. Von dort verlautet, dass sich die Lärmbelastung um 10 Dezibel reduziert habe – was einer Halbierung des Lärms entspricht. Für die Bevölkerung Oetwils und Spreitenbachs wäre dies immerhin schon etwas.