«Es braucht Farbe im Leben. Es gibt schliesslich genug Dinge, die nicht einfach sind», sagt Nora Vest. Sie lebt das auch modisch vor. Denn zur Vernissage ihrer Ausstellung «Farbige Welt» am Samstag trägt sie ein buntes Kleid, das sie selbst entworfen und gefertigt hat. «Man kann die Kunst nach draussen tragen, aus der Galerie auf die Strasse», sagt sie. Nun stellt sie erstmals in der Bergdietiker Kunstgalerie Bachlechner aus.

«Sie fotografiert, wo immer sie ist. Die Fotografien werden in einer malerischen Form miteinander verwoben. Neue und überraschende Bilder bilden sich heraus», sagte Galerist Hanns Bachlechner in seiner Rede anlässlich der Vernissage.

Exemplarisch zeigt sich die Fotomalerei in ihrer Serie zum Thema Raum. Vest vermischt viele Bildebenen und reichert diese mit sehr kräftigen Farben an. Für ihre Arbeit braucht sie Fotos, ihre Intuition und ein Bildbearbeitungsprogramm.

Die Betrachtung ist nicht nach einem Blick fertig

Gerade die Raum-Serie verleitet dazu, sich Zeit zu nehmen. So vermischen sich im Werk «OT 75» die gelb-rote Silhouette einer Stadt mit einem grau-blauen Geländer, während die Sonne weisse Vierecke durch das Geländer wirft. Es ist unklar, wie viele Bilder dieser Fine-Art-Inkjet-Druck auf Aluminium enthält. «Ich finde es wichtig, dass nicht alles auf einen Blick fertig ist», sagt Vest.

Mit dem Thema Zeit und dem Tempo der Gesellschaft befasste sich auch Hanns Bachlechner in seiner Rede. Er rief dazu auf, sich nicht hetzen zu lassen. «Uhren und Terminkalender sind die Fetische unseres gehetzten Alltags, sie sind die abstrakten Gegenstände unserer Anbetung.» Stattdessen solle man das Schöne, das wirklich Wertvolle, die Kunst, zu verstehen und zu geniessen versuchen, sagte er.

Zurück zur Kunst also. Nora Vest zeigt neben ihrer Raum-Serie auch Werke ihrer Wasser-Serie. Zum Beispiel das 1,28 mal 2 Meter grosse Werk «Wa 17», ein Sublimationsdruck auf Stoff (siehe Bild rechts). «Wasser ist ein tolles Thema. Es ist lebensnotwendig und hat gleichzeitig etwas sehr Schönes in sich», sagt Vest.

Die Baslerin, die zuerst an der ETH Zürich Architektur und dann in den USA Kunst studierte und oft dort ausgestellt hat, ist gefragt: Ende Juli eröffnete eine Ausstellung in Roveredo GR, nun jene in Bergdietikon und nächsten Samstag eine in Spiez BE.

Für Elisabeth Ritz-Widmer erfüllt sich ein Traum

Zusammen mit Vests Ausstellung wurde jene von Elisabeth Ritz-Widmer unter dem Titel «Farbenspiel der Emotionen» eröffnet. Die Künstlerin aus Bettwiesen TG träumte davon, im Wiesental auszustellen, seit sie vor gut einem Jahr im Internet auf die Kunstgalerie Bachlechner gestossen war. «Die Vielfalt, das Gebäude und der Skulpturenpark haben mich fasziniert», erinnert sie sich.

Ritz-Widmer lässt sich von ihrer Intuition leiten. Wichtig ist ihr, dass die Proportionen stimmen, dass Farbe und Form eine Harmonie ergeben. «Die Kunst ist, im richtigen Moment aufzuhören», sagt sie. Für ihre Werke verarbeitet sie zahlreiche Materialien. Ein Mundschutz ist ein Muss, wenn sie zum Beispiel mit Marmormehl arbeitet. Auch Sand, Champagnerkreide und Bitumen vermischt sie auf Leinwand mit Leim, Wasser und Acrylfarbe zu stimmigen Strukturen. Während Ritz-Widmer früher auch Landschaftsbilder malte, verzichtet sie heute auf Gegenständlichkeit. Ihre Bilder sollen «modern, aber ruhig» wirken.

Die Vernissage zog viel Publikum an. Mit Françoise Oklé war beispielsweise auch der Bergdietiker Gemeinderat vertreten. Auch Limmattaler Künstlerinnen waren anwesend, so zum Beispiel Montserrat Vicens aus Schlieren, deren Werk «155» seit 2018 in der Kunstgalerie ausgestellt ist (im gleichen Raum wie jetzt die Werke von Ritz-Widmer).

«Jedes Künstlerleben ist ein Vorstoss ins Ungedachte»

Hanns Bachlechner warf auch die Frage auf, wieso er noch Ausstellungen mache. «Kunst ist für mich Inspiration, Genuss, Anstoss, vor allem aber das Versprechen von Freiheit», sagte er. Das wolle die Kunstgalerie bieten. «Vor allem aber möchten wir zeigen, welches Abenteuer die Kunst bedeutet. Jedes Künstlerleben ist ein Vorstoss ins Ungedachte und noch Ungemachte, das uns neuen Freiraum schafft für unser Staunen, unser Fühlen und unsere Reflexion», fuhr er fort.

Bald spricht Bachlechner auch an der Podiumsdiskussion der Standortförderung Limmatstadt AG am 20. August. Deren Thema lautet: «Kultur: Triebfeder der regionalen Identität und Wirtschaftsfaktor?»

Ritz-Widmer und Vest stellen bis 15. September aus. Auch zu sehen in der Galerie sind zurzeit einzigartige Fotografien von Vorkriegsautos vom Pascal Moser aus Rottenschwil.