Dennoch treffen sich hier, in der Zivilschutzanlage an der Urdorferstrasse, an diesem Mittag 40 Anwohnerinnen und Anwohner, um die karg eingerichteten Räume zu erkunden.

Im südlichen Teil des Bunkers entdecken sie den Schlafraum: zwei Reihen dreigeschossiger Stockbetten, ausgestattet mit wenig einladenden grau-grünen Matratzen. «Läck, das ist aber recht düster hier drin», stellt eine junge Mutter fest. Über Monate würde sie hier nicht leben wollen, sagt sie zu ihrer Tochter. Die künftigen Bewohner dieser Räume haben jedoch gar keine andere Wahl.

Vor Weihnachten verkündete der Schlieremer Stadtrat, dass Mitte Januar bis zu 25 Flüchtlinge hier untergebracht würden (die Limmattaler Zeitung berichtete). Sie bilden den Grossteil jener Asylsuchenden, die der Kanton der Stadt zugeteilt hat, nachdem er das Aufnahmekontingent wegen der anhaltenden Flüchtlingsströme von 0,5 auf 0,7 Prozent der Bevölkerung erhöhen musste.

Insgesamt bedeutet das für Schlieren einen Zuwachs von 36 Personen, darunter vor allem um junge Männer aus Syrien oder Nordafrika, in deren Asylverfahren noch kein Entscheid gefallen ist. Ein Dutzend von ihnen können in Wohnungen untergebracht werden.

Der Rest wird mit der Schutzanlage vorliebnehmen müssen, die der Zivilschutz Limmattal-Süd letzte Woche unter Hochdruck mit dem Nötigsten eingerichtet hat. Es ist eine Übergangslösung: Im August werden die Bewohner die neue Asylunterkunft an der Bernstrasse beziehen (siehe Box).

Köln sorgte für Verunsicherung

Mit dem Augenschein vor Ort reagiert der Stadtrat auf Ängste von Anwohnern. An 5. Januar informierte der Stadtrat die Bevölkerung der umliegenden Strassenzüge an einer eigens einberufenen Versammlung über die künftige Notunterkunft.

Kurz zuvor hatten Medien über die Geschehnisse an der Silvesterfeier in Köln berichtet, wo Dutzende Frauen von Gruppen nordafrikanisch aussehender Männer sexuell attackiert und ausgeraubt worden waren. «Das hat die Leute verunsichert», sagt der Schlieremer Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP).

«Die einen haben Angst, andere wollen helfen»: Der Schlieremer Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher über Anwohnerfragen, Nachtruhestörung und Polizeipräsenz.

«Die einen haben Angst, andere wollen helfen»: Der Schlieremer Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher über Anwohnerfragen, Nachtruhestörung und Polizeipräsenz.

Einige alleinstehende Frauen befürchteten, dass sie von den Asylsuchenden aus Krisengebieten belästigt werden könnten. Weil zudem Fragen zur Sicherheit im Umfeld der Anlage aufkamen, bot Dalcher an, dass sich die Anwohner vor Ort einen Eindruck verschaffen könnten.

Jene, die die Gelegenheit nutzten, wirken nach dem Rundgang durch die Unterkunft gelassen, von Angst keine Spur. Sie habe zwar schon ein wenig ein komisches Gefühl, wenn sie an ihre zukünftigen Nachbarn denke, sagt Heidi Müller. «Ich befürchte, dass sie dann im Quartier rumlungern.»

Die 75-Jährige wie auch ihre alleinstehende Nachbarin Sonja Fuchs vermuten aber, dass diese Ängste auch auf Vorurteilen beruhen. Schliesslich vernehme man aus den Medien fast nur Negatives über die Flüchtlinge. «Wir schauen jetzt einfach mal, wie sich das entwickelt und halten die Augen offen», sagt Müller.

Fuchs, die schon seit Jahrzehnten im Quartier wohnt, erlebt bereits zum zweiten Mal, dass Flüchtlinge im Zivilschutzbunker untergebracht werden: Nach der Kosovo-Krise Ende der 1990er-Jahre musste die Stadt schon einmal kurzfristig Platz für Asylsuchende schaffen. Auch sie lebten schliesslich in der Unterkunft an der Urdorferstrasse. Die 84-Jährige hat diese Flüchtlinge in guter Erinnerung: «Ich könnte mich nicht erinnern, dass wir negative Erfahrungen gemacht hätten», sagt sie.

Einige Anwohner haben angesichts der spartanisch eingerichteten Anlage das Bedürfnis, zu helfen. So etwa Bettina Seifert und ihr Partner Martin Schmid: «Der Aufenthaltsraum ist sehr trist. Ich würde gerne einen Teppich als Deko beisteuern, oder ein paar Brettspiele, damit sich die jungen Männer wenigstens beschäftigen können», sagt die 34-Jährige. Bisher stehen den Asylbewerbern nur zwei Tischfussballkästen, eine Dartscheibe und ein Fernseher zur Verfügung.

Eltern fahren Kinder ins Training

Solche Solidaritätsbekundungen mögen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ankunft der Asylsuchenden am 19. Januar bei einigen Besuchern durchaus Ängste hervorruft. So weiss Sicherheitsvorstand Dalcher etwa von einem Ehepaar, das seine 13-jährige Tochter künftig abends mit dem Auto zum Sporttraining in der neben der Unterkunft gelegenen Sportanlage des Schulhauses Kalktarren bringen und von dort auch wieder abholen wird. «Solche Ängste müssen wir ernst nehmen», sagt er.

Mit dabei ist an diesem Mittag daher auch René Leuenberger, der Inhaber der Sicherheitsfirma Outsec. Der Stadtrat hat ihn für einen Kredit von 170 000 Franken damit beauftragt, die Sicherheit in der Anlage zu garantieren. Ein entsprechendes Konzept ist noch nicht vollständig ausgearbeitet.

Am oberen Ende der Rampe, die zur Zivilschutzanlage führt, steht jedoch bereits ein Büro-Container für die Zugangskontrolle. «Unsere Wachmänner werden hier rund um die Uhr vor Ort sein. Falls es Probleme gibt, alarmieren sie umgehend die Polizei», sagt Leuenberger.

Dalcher stellt zudem in Aussicht, dass das Outsec-Personal bei Bedarf in der näheren Umgebung der Unterkunft patrouilliert. Er ist überzeugt, dass mit den Sicherheitsmassnahmen und der Betreuung durch die Asylorganisation AOZ ein Nebeneinander von Anwohnern und Asylbewerbern möglich ist, wie er sagt: «Den Beweis können wir aber erst erbringen, wenn die Flüchtlinge hier sind.»