Dietikon

Naturzerstörung, Kot und Abfall: Führt die «Invasion» bei der Nötzliwiese bald zur Schliessung?

Gummiboot-Grossandrang auf der Nötzliwiese am letztem Samstag: An die Corona-Abstandsregeln hält sich kaum jemand.

Gummiboot-Grossandrang auf der Nötzliwiese am letztem Samstag: An die Corona-Abstandsregeln hält sich kaum jemand.

Gefahren, tonnenweise Abfall, Kot und Urin in den Gärten der Anwohner, verscheuchte Vögel und Ignoranz gegenüber Corona-Regeln: Der Dietiker Sicherheits- und Gesundheitsvorstand Heinz Illi (EVP) spricht von einer «Katastrophe» und ruft den Kanton an den Tisch.

«Wir werden überspült. Es ist unglaublich, was dieses Wochenende die Limmat runterkam», sagt der Dietiker Stadtrat Heinz Illi (EVP). Und Albert ­Isler, Anwohner des Altberg-­Quartiers an der Limmat, spricht von einer «Invasion» bei der Nötzliwiese. Die schiere Anzahl Gummi­böötler macht auch viele weitere Dietikerinnen und Dietiker perplex. Die Idylle ist vorbei. Stattdessen: Abfall, Exkremente, Naturzerstörung. Und Gefahr im Fluss – und ­wegen des Coronavirus am Ufer. «Es ist schlimm, wie die Abstandsregeln missachtet werden. Aber das fängt schon im Boot an», sagt Illi. Es sei «erstaunlich und beängstigend», wie viele Leute ihre Freiheiten ausleben, als wäre das Coronavirus einfach vorbei.

«Das Gummiböötlen hat inzwischen den Charakter einer Grossveranstaltung. Aber an der Nötzliwiese fehlt die Infrastruktur dafür. Es hat einfach zu wenig Platz», sagt Illi.

Mit der Allmend Glanzenberg gibt es heute zwar eine Landungsstelle am Fluss, die viel grösser ist als die Nötzliwiese und die im Gegensatz zu dieser zum Beispiel auch WCs bietet.

Aber die Gummi­böötler lassen die Allmend Glanzenberg im wahrsten Sinne des Wortes links liegen und fahren weiter bis zur Nötzliwiese. Diese bietet zurzeit viel weniger Platz als üblich. Noch bis Dezember 2021 dient sie im Rahmen des Gesamtprojekts Limmattalbahn als Baustelleninstallationsplatz für den Ausbau der SBB-Personenunterführung Ost. Kommt nun auf diese engen Platzverhältnisse eine Gummiboot-Invasion wie letztes Wochenende, sind Konflikte vorprogrammiert.

«Vollstes Verständnis» für die Anliegen der Anwohner

Für Fussgänger und Velofahrer ist kaum ein Durchkommen. Am schlimmsten trifft es die Anwohner. «Früher hatten sie nur am Wochenende hin und wieder mit ein paar Gummiböötlern zu tun. Heute ist im Sommer die ganze Woche Hochbetrieb. Die Leute verrichten ihre Notdurft, ob dick oder dünn, mitten in die Gärten der Anwohner. Es ist wirklich extrem. Das ist keine Lebensqualität mehr», sagt Illi, der laut eigenen Angaben immer wieder in Kontakt steht mit dem Quartierverein und «vollstes Verständnis» für dessen Anliegen hat.

Die Anwohner stören sich nicht nur an den Exkrementen, sondern auch am Rauch der vielen Grills und an der lauten Musik, die viele Böötler mit sich bringen. Hinzu kommt der Abfall. Wie die Stadt Dietikon gestern auf Anfrage der «Limmattaler Zeitung» bekanntgab, wurden am Samstag bei der Nötzliwiese und der Allmend Glanzenberg 1,4 Tonnen und am Sonntag 1,6 Tonnen Abfall eingesammelt. «Rund zwei Drittel entfallen auf die Nötzliwiese und ein Drittel auf die Allmend Glanzenberg», erklärt Heinz Illi.

Auch der öffentliche Verkehr kommt an seine Grenzen: Wer am Samstagabend gegen 18 Uhr eine der S-Bahnen Richtung Zürich nahm, fand in der 2. Klasse kaum einen Sitzplatz mehr. Die Wagen waren rappelvoll mit Gummiböötlern. Abstandsregeln oder Masken? Fehlanzeige.

Für Illi ist klar: Die Stadt Dietikon kann dem Problem nicht alleine Herr werden, aber sie kann den ersten Schritt zur Lösung machen. «Ich hole alle Player an den Tisch», sagt er. Konkret will er spätestens nächste Woche eine Sitzung abhalten mit dem Quartierverein, der Stadtpolizei, der Kantonspolizei, den EKZ, dem Stadtpräsidenten, dem kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft sowie mit der Vogelschutzorganisation Birdlife. «Birdlife macht sich nämlich auch schon Sorgen. Das Ufer der Nötzliwiese ist eigentlich auch ein Bereich für Vögel mit ihren Jungtieren. Wenn alles voller Gummiboote ist, können die Vögel nicht mehr existieren», erklärt Illi.

«Auch die Schliessung des Wasserwegs kommt infrage»

An der Sitzung sollen die Problematik ausdiskutiert und Lösungen herausgefunden werden – nicht nur für die Zeit, während der die Nötzliwiese nur eingeschränkt zur Verfügung steht, sondern auch für die Zeit danach. «Auch Verbote beziehungsweise die komplette Schliessung des Wasserwegs kommen infrage. Wir müssen alles diskutieren. Und es braucht jetzt einschneidende, härtere Massnahmen, damit wir Menschenleben retten können.» Dass es um Menschenleben geht, wurde letzte Woche klar. Nur mit einem Notstopp des EKZ-Kraftwerks konnten Gummiböötler vor dem Tod bewahrt werden. Sie hingen im Rechen fest. Solche Vorfälle haben sich zuletzt gehäuft.

«Viele Gummiböötler kommen ohne Weste, aber mit Alkohol im Blut daher. Das ist eine Katastrophe auf einem Fluss, der so viele Gefahren birgt. Das ist uns wirklich ein Dorn im Auge», sagt Illi hierzu.

Für Illi ist klar, dass unter anderem bei der Signaletik anzusetzen ist. «Viele Gummiböötler verstehen Schifffahrtszeichen nicht – man muss wohl mit anderen Schildern und Transparenten arbeiten.» Das werde er in die Sitzung mit den anderen Institutionen einbringen. Zudem hat er eine Botschaft an die Böötler: «Wer unbedingt bis zur Nötzliwiese fahren will, der soll sich nach dem Ausstieg aus der Limmat direkt auf den Heimweg begeben. Zum Verweilen ist der Platz nicht geeignet.» Ansonsten sei mit mehr Polizei vor Ort und repressiven Massnahmen zu rechnen.

Kantonspolizei appelliert an Eigenverantwortung

Die Gefahren beschäftigen auch das Altberg-Quartier. Albert Isler vom Quartierverein schreibt in einer Mail – unter anderem an die Stadt und die EKZ –, dass in den kommenden Sommertagen nur schnelle Massnahmen Todesfälle beim Kraftwerk verhindern können. Er schlägt unter anderem vor, die Weiterfahrt mit dem Gummiboot ab Glanzenberg gleich ganz zu verbieten. «Leider braucht es immer wieder da und dort Verbote. Das zeigt auch die aktuelle Coronakrise», so Isler in seiner Mail.

Auf Anfrage der «Limmat­taler Zeitung» äusserte sich gestern auch die Kantonspolizei Zürich: «Die Gummiböötler werden durch entsprechende Signalisationen und Plakate unterwegs mehrmals aufgefordert, sich auf den rechtzeitigen Ausstieg vorzubereiten. Zudem ist die Ausstiegsstelle beim Bahnhof Glanzenberg gut gekennzeichnet und attraktiv gestaltet worden. Die Kantonspolizei appelliert an die Eigenverantwortung jedes einzelnen Gummiböötlers, die entsprechenden Hinweise zu beachten, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen.» Dazu gehöre auch, die aktuelle Strömungsgeschwindigkeit und den Wasserstand des Flusses zu beachten.

Mitarbeitende des Seepolizei­zuges würden zudem auf den Gewässern im Kanton unterwegs sein, Kontrollen durchführen und aufgrund eigener Feststellungen entsprechende Gesetzesverstösse ahnden. Zudem verweist die Kantonspolizei auf die Präventionskampagnen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) und die Verhaltensregeln der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG).

Die EKZ schreiben auf ­Anfrage, dass sie «alle erforderlichen Sicherheitsanforderungen» erfüllen würden und dass es bereits einen Flyer gibt, der auf die wesentlichen Punkte beim Limmatböötlen hinweist. Ein Fahrverbot würde ihr zwar «grundsätzlich sicher ­dienen». Wie die Signaletik bei der Allmend Glanzen- berg falle dieses Thema aber nicht in die Zuständigkeit der EKZ.

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