Schwarz war der Vorhang, schwarz der Pianostuhl und das Tischchen nebenan. Ganz in Schwarz gekleidet war ebenso die Künstlerin Vera Bauer. Allein ihre dunkelrote Halskette und das braune Violoncello brachten etwas Farbe aufs schlichte Parkett. Mehr ist für den Auftritt der Theaterfrau und Musikerin gar nicht nötig. Denn die ganze Szenerie baut sich langsam im Kopf des Publikums auf, beginnt dort zu leben und dann nachhaltig zu wirken.

Eindrückliches Porträt

«Ich begrüsse Sie herzlich zu diesem Programm über Hilde Domin», sagte Vera Bauer zu Beginn, «ich habe es im letzten Jahr zu ihrem hundertsten Geburtstag konzipiert.» Sie habe auf ein Vorgängerprogramm in den Neunzigerjahren zurückgreifen können, «da ich damals den Mut fasste, Hilde Domin in ihrem Heidelberger ‹Turm› zu besuchen. Dies ist für mich eine sehr, sehr schöne Begegnung gewesen.» Auf dieser biografischen Spurensuche bei der deutschen Poetin entstand aus jener Begegnung ein eindringliches Porträt der Grande Dame der deutschen Nachkriegsliteratur. Rezitation und Violoncello – die beiden Stimmen der Vera Bauer – verbanden sich zu einer überaus beglückenden Einheit.

Verschiedene Lebensstationen

Das Lebensgefühl der Frau im Exil stand am Anfang von Bauers einstündigem Auftritt. Und vor diesem Hintergrund entfaltete die 49-jährige Künstlerin, welche im vergangenen Januar den Oberrieder Kunstpreis erhielt, die verschiedenen Lebensstationen der Dichterin: Kindheit und Vertreibung, Liebe und Tod und zu guter Letzt die Heimkehr. Mitlebend, ausdrucksstark, ja zeitweise atemberaubend war der Gedichtvortrag – jede Zeile, welche die Dichterin aus deutscher Sprache geformt hatte, stand dem Hörer recht anschaulich vor Augen.

Ein zweites, noch stärkeres Licht fiel auf Domins Texte durch die Musik. Mit aufgeregten Pizzicati und mit kratzenden Lauten am Steg weckte Vera Bauer den Widerhall der Worte in ihrem Instrument.

Mit dem Bogen ihres Saiteninstrumentes schaffte sie weiche, harte, bedrohliche oder schwebende Töne, wodurch sie ihre Sprechstimme begleitet – rhythmisiert und kontrastiert.

Fantastisches Sprachgenie

Erna Ruch aus Bergdietikon, eine regelmässige Besucherin der Dietiker Kellerkonzerte, meinte am Schluss: «Ich fands eine grossartige Leistung von Vera Bauer. Ihre Aufführung hat mir ausserordentlich gut gefallen.» Zudem: «Der Abend gibt mir sehr zu denken.» Und ein Zuhörer aus dem Thurgau äusserte sich beim Apéro spontan: «Das ist derart nahrhafte Theaterkost, die ich zuerst verdauen muss.» Die Dichterin Hilde Domin
sei für ihn ein fantastisches Sprachgenie. Zudem: «Diese Kombination von Sprache und Cello ist wirklich einmalig», fügte schliesslich seine Frau an.

In der Tat: Sie sind rar geworden, diese intensiven und atemberaubenden Abende, die alles vom Publikum abverlangen, es aber gerade deshalb in eine poetische Welt führen können, die es selber aufbauen muss.