Notfall-Schreiner
Nächtliche Einbrecher rauben ihm regelmässig den Schlaf

Roger Aeschlimann ist Notfallschreiner in Schlieren. Weil derzeit die Hochsaison für Dämmerungseinbrüche ist, schläft er oft nur wenige Stunden am Stück.

Florian Niedermann
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Roger Aeschlimann in seiner mobilen Werkstatt.
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Notfallschreiner
Viel ist es nicht, was der Schreiner für die Reparatur braucht.

Roger Aeschlimann in seiner mobilen Werkstatt.

Florian Niedermann

Das SMS der Kantonspolizei Aargau erreicht Roger Aeschlimann, als er gerade am Herd steht und sich ein Steak brät: Einbruch und Einbruchsversuch in einem Mehrfamilienhaus in Buchs. Zwei Polizisten und die Spurensicherung sind bereits vor Ort. Es ist kurz vor 20 Uhr, doch an ein gemütliches Abendessen ist jetzt nicht mehr zu denken. Hastig schaufelt sich der 32-Jährige sein Menü auf einen Teller und schlingt es runter. Wenige Minuten später fahren wir von seiner Wohnung in Zürich Altstetten aus los Richtung Westen.

Die Zeit drängt. Aeschlimann ist Notfall-Reparatur-Schreiner bei der Schlieremer Firma «Schreiner Service 48», diese Woche hat er neben dem ordentlichen Tagesgeschäft auch Pikett-Dienst. Für ihn bedeutet das, dass er auch nach Feierabend sofort ausrücken muss, wenn irgendwo im Einzugsgebiet von Winterthur bis Oberentfelden AG Not am Mann ist. Von 17 Uhr abends bis 6 Uhr morgens.

Egal, ob ein Einbrecher durch ein Fenster eingestiegen ist, eine Tür aufgebrochen hat oder ob auch nur eine Scheibe wegen eines Sturms zu Bruch gegangen ist; Aeschlimanns Job ist es, die Schäden so schnell wie möglich zu beheben und das Gebäude wieder sicher zu machen.
Alarmiert wird er entweder durch die Zentrale der Polizei oder ein externes Vertrags-Callcenter im Auftrag von Versicherungen. «Der Nachrichtenton, den ich für die Auftrags-Mitteilungen eingerichtet habe, weckt mich selbst aus dem Tiefschlaf. Das Geräusch dringt mit der Zeit irgendwie ins Unterbewusstsein», sagt Aeschlimann, während wir auf der A1 durch die Nacht fahren.

In seinem zur mobilen Werkstatt umgebauten Lieferbus erreichen wir knapp 40 Minuten später den Einsatzort. Neubausiedlung, fünfstöckige Flachdachbauten, eines der mittelständischen Quartiere, wie sie in den letzten Jahren im Mittelland hundertfach entstanden sind. Mit dem Aufzug gelangen wir in den obersten Stock. Die Beamten der Kapo empfangen uns im Flur. Angerufen wurden Sie von S. Z., der Bewohnerin jener Wohnung, deren Tür die Einbrecher nicht zu knacken vermochten. Noch immer leicht verstört, gewährt sie uns Zutritt, damit Aeschlimann die Tür reparieren kann.
«Bekam ein mulmiges Gefühl»

Sie sei kurz vor 18 Uhr von der Arbeit nach Hause gekommen, erinnert sich die Geschädigte: «Als ich aus dem Lift trat, erschrak ich.» Die Eingangstür zur Wohnung war einen Spalt breit aufgedrückt, der Türrahmen verbogen. Das Schloss liess sich jedoch nicht mehr öffnen. «Ich bekam ein mulmiges Gefühl und rief die Polizei an. Danach eilte ich sofort in den ersten Stock zu Nachbarn, die ich kenne», sagt S. Z.. Als die Beamten eintrafen, mussten sie die Tür eintreten, damit die Mieterin in ihre Wohnung gelangen konnte.

Am Türrahmen, der im selben grell-gelben Farbton gestrichen ist wie auch die Wände des Flurs, sind schwarze Kratzer zu sehen. Sie stammen höchstwahrscheinlich von einem simplen Schraubenzieher, dem Einbrecherwerkzeug schlechthin. Die Täter hätten damit wohl versucht, die Tür aufzudrücken, mutmasst Aeschlimann.
Er weist auf mehrere Stellen, an denen das Blech des Rahmens verbogen ist: «Ein Drei-Punkt-Schloss. Die werden heute standardmässig eingebaut.»

Beim ersten Umdrehen des Schlüssels schliesst bei diesem Typ nur der Riegel direkt neben der Klinke, bei der zweiten blockieren auch jene oben und unten an der Tür. S. Z. hatte den Schlüssel beim Verlassen der Wohnung zu ihrem Glück zweimal umgedreht – nur deshalb gelangten die Diebe nicht in ihre Wohnung. «Eine Tür aufzubrechen, verursacht Lärm. Wenn sie die Täter nicht innert weniger Minuten aufkriegen, versuchen sie es meist bei der nächsten, um nicht die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich zu ziehen», erklärt Aeschlimann. In diesem Fall wählten sie die Tür gegenüber.

Hier hatten die Täter Erfolg: Der Eingang steht sperrangelweit offen, im Schlafzimmer sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Sämtliche Kleider sind auf dem Boden verstreut, dazwischen liegen einzelne Schmuckstücke. «Minderwertige Ware», erklärt einer der Polizeibeamten, «die Einbrecher nehmen meist nur wertvollen Schmuck und Bargeld mit.» Die Kapo bleibt vor Ort, bis die Wohnung wieder geschlossen werden kann. Das Paar, das hier wohnt, weiss zu dem Zeitpunkt noch nichts vom Einbruch: Der Mieter führte seine Partnerin nach Zürich aus, um deren Geburtstag zu feiern, wie wir von S. Z. erfahren. Nach ihrer Rückkehr erwartet sie eine üble Überraschung.

Viel ist es nicht, was der Schreiner für die Reparatur braucht.

Viel ist es nicht, was der Schreiner für die Reparatur braucht.

Florian Niedermann

Nach dem Fest zuerst zur Polizei

Die Reparaturarbeiten an den beiden Wohnungstüren erledigt Aeschlimann schnell und routiniert. Bei der Tür von S. Z. kann er den bisherigen Schlosszylinder wieder in den neuen Schlosskasten einbauen, sodass sie ihren alten Schlüssel weiterverwenden kann. Nicht so bei deren glücklosen Nachbarn. Bei dieser Tür ist der Schliessmechanismus beim Einbruch zu stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach mehreren Versuchen, das Schloss noch zu retten, lässt Aeschlimann seine Arme enttäuscht sinken: «Das wird für die Bewohner eine doppelt unangenehme Rückkehr», sagt er und baut einen neuen Zylinder ein.

Die dazu passenden Schlüssel nimmt die Kapo mit auf den Posten. Wenn das Paar von der Geburtstagsfeier zurückkehrt, erfahren sie durch einen Zettel an der Tür, dass sie diese bei der Kantonspolizei abholen müssen. Und wenn sie danach endlich in ihr Zuhause heimkehren, erwartet sie dort eine verwüstete Wohnung. Der Diebstahl an sich sei für die meisten Einbruchopfer nicht das Schlimmste, sagt Aeschlimann, während er seine Arbeitsgeräte wieder in der fahrenden Werkstatt vor dem Haus verstaut. «Unangenehmer ist für die meisten die Vorstellung, dass fremde Leute in ihre Privatsphäre eingedrungen sind.»

Kurz darauf biegen wir bereits wieder in die Autobahn ein. Drei Stunden wird der Einsatz am Ende dauern. Weil er nach 20 Uhr stattfand, verrechnet Aeschlimann einen hundertprozentigen Nachtzuschlag – pro Tür verbucht er insgesamt 400 Franken. Wie immer bei Notreparaturen gab er den Betroffenen seine Visitenkarte. Schliesslich wird der Schaden in den meisten Mietliegenschaften mit einer umfassenderen Reparatur in den ursprünglichen Zustand versetzt. Das ist allerdings Teil des Tagesgeschäfts.
Nacht-Pikett-Dienste leisten Aeschlimann und 14 weitere Angestellte des «Schreiner Service 48» zwei- bis viermal pro Jahr für jeweils eine Woche.

Die Nacht-Einsätze machen nur rund fünf Prozent der gesamten Aufträge der Firma aus. Markus Walser, der Inhaber mit Schlieremer Wurzeln, entdeckte das Geschäft mit den Reparaturen 1988, als er sich selbstständig machen wollte. «Damals hatte die Baubranche Hochkonjunktur. Schreiner wollten aber in erster Linie Möbel bauen, Reparaturen machte fast niemand», erklärt er. Er beschloss, sich darauf zu spezialisieren. Am Anfang holte er noch Aufträge an Land, indem er potenziellen Auftraggebern wie Liegenschaftsverwaltern per Post Flyer zusandte oder sie gleich selbst bei Baustellen aufhängte. Ab 1990 bot er auch Notfall-Reparaturen in der Nacht an. Das Auftragspensum konnte Walser bald nicht mehr alleine bewältigen. Die Firma wuchs.

Wird es früher dunkel, freuts die Diebe

Eigentlich ist es eine erfreuliche Entwicklung, welche die Kantonspolizei bei den Einbruchsdiebstählen feststellt. Seit 2005 sank die Einbruchsrate gemäss ihrer Kriminalstatistik von knapp 16 000 auf etwas über 10 000 Delikte im Jahr 2014. Dennoch führt die Polizei derzeit unter dem Titel «Gemeinsam gegen Einbrecher» eine gross angelegte Präventionskampagne durch. Der Grund: Langfinger haben derzeit Hochsaison: «Einbrecher nutzen die düsteren Tage und die früh einsetzende Dämmerung, um vorzugsweise spontan in Einfamilienhäuser sowie Parterrewohnungen von Mehrfamilienhäusern einzudringen», schreibt die Kapo Zürich in einer Pressemitteilung. Mit der Umstellung der Uhren auf die Winterzeit nehme die Zahl der Einbrüche tendenziell zu.
Um Einbrüche zu verhindern, fordert die Polizei die Bevölkerung auf, verdächtige Situationen umgehend an die Telefonnummer 117 zu melden. Als Verdachtsmomente beschreibt sie etwa, wenn «unbekannte Personen» in einem Quartier herumstreifen, wenn dort unbekannte Fahrzeuge «suchend» herumfahren oder wenn in einem Wohnquartier das Klirren von Glas oder das Splittern von Holz zu hören ist. Neben der sichtbaren Prävention mittels Plakathinweisen und der damit verbundenen Mithilfe der Bevölkerung erhöht die Kapo zur Prävention auch ihre Patrouillen- und Kontrolltätigkeit.
Schliesslich gibt die Polizei auch konkrete Tipps, um Wohnungseinbrüche zu verhindern:

n Haus- und Wohnungstüren immer abschliessen.

n Fenster, Balkon- und Terrassentüren schliessen.

n Gekippte Fensterflügel schliessen.

Licht brennen lassen.

Keine Hinweise auf Ihre Abwesenheit geben.

Bei längerer Abwesenheit die Nachbarn informieren.

Die Aktion zur Bekämpfung der Einbruchskriminalität führt die Kantonspolizei Zürich zusammen mit den Stadtpolizeien von Zürich und Winterthur, den kommunalen Polizeien des Kantons Zürich, der Kantonspolizei Solothurn sowie verschiedenen Polizeikorps der Ostschweiz und Zentralschweiz durch. (fni)

Das Reparaturpaket machts aus

Heute beschäftigt er am Hauptsitz im Schlieremer Wagi-Areal und an zwei Satellitenstandorten in Winterthur und Oberentfelden insgesamt 50 Angestellte. «Schreiner Service 48» buhlt heute zwar mit mehreren Konkurrenten um Aufträge. Der Vorteil seiner Firma sei, so Walser, dass sich die Angestellten nicht nur mit Holz, sondern auch mit Glaserarbeiten und der Schlosstechnik auskennen. «Das macht uns auch für Polizei und Versicherungen bei Not-Reparaturen zu einem zuverlässigen Partner.» Rund 1000-mal sind seine Mitarbeiter jährlich wegen Einbrüchen im Einsatz.

Wie oft ein Reparatur-Schreiner während seiner Pikett-Woche des Nachts raus muss, sei kaum vorherzusehen, sagt Roger Aeschlimann auf dem Rückweg von der Einbruch-Reparatur. Als wir aber kurz nach 23 Uhr in Zürich ankommen, stürmt es heftig, der Regen trommelt auf die Frontscheibe seines Lieferwagens. «Bei solchen Sturmböen gehen unverschlossene oder angelehnte Fenster schnell kaputt.» Der Schreiner richtet seinen Blick zum Himmel, als er das sagt. Er werde jetzt nach Hause fahren, duschen und sich aufs Ohr legen. Verständlich: Schliesslich kann er nicht wissen, wann ihn der Nachrichtenton seines Handys wieder aus dem Schlaf reissen wird.