Dietikon
Nachtaktiv aus Passion: Schweizer Fledermäuse sind bedroht

Chantal Stoll ist lokale Fledermausschutz-Beauftragte und hilft, die bedrohten Tiere vor dem Aussterben zu retten. Ihr Weg zur freiwilligen Fledermausschützerin begann vor rund fünf Jahren.

Sandro Zimmerli
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Fledermäuse
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Zwergfledermaus: Die kleinste Fledermaus der Schweiz.
Stiftung Fledermausschutz: Eine Zwergfledermaus vertilgt bis zu 3400 Mücken pro Nacht. Dies entspricht einem Drittel ihres Körpergewichts.
Zwergfledermäuse in einer Spalte.
Anne Semadeni, Lokale Fledermausschützende LSF, im Hintergrund ein Fledermauskasten für Spaltbewohner bei der Waldhütte in Birmensdorf.

Fledermäuse

Dietmar Nill

Es dämmert über dem Dietiker Marmori-Weiher. Die rund 20-köpfige Gruppe wartet gespannt am Ufer. Die Taschenlampen sind eingeschaltet. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die erste Fledermaus zeigen wird. Chantal Stoll hat auf ihrem Detektor bereits die ersten Ultraschall-Signale eines Tieres empfangen. Ganz in der Nähe muss sich eine Fledermaus befinden. Und siehe da, die erste Zwergfledermaus schiesst in etwa zwei Meter Höhe über das Wasser. Viele weitere werden an diesem Abend noch folgen.

Was für die Jungmitglieder der Naturschutzgruppe Bergdietikon ein abendliches Spektakel ist, gehört für Stoll zur Routine. Als lokale Fledermausschützerin ist sie öfters am Abend in Dietikon unterwegs. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehören sogenannte Quartierabklärungen. Erfährt Stoll, dass in einem Quartier Fledermäuse gesichtet wurden, muss sie herausfinden, um welche Art und um wie viele Tiere es sich handelt. Dazu sammelt sie den Kot der Tiere ein und schickt ihn zu den kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten. Dort lässt sich bestimmen, zu welcher Art der eingesandte Kot passt. «Es ist enorm wichtig, dass unsere Datenbank mit möglichst vielen und präzisen Informationen gefüttert wird», sagt Stoll, die tagsüber als Filialleiterin im Detailhandel arbeitet. Nur so könnten geeignete Schutzmassnahmen ergriffen werden.

Bundesrechtlich geschützt

Diese sind notwendig, weil von den 30 in der Schweiz beheimateten Fledermausarten viele bedroht sind. Unter anderem machen Pestizide den empfindlichen Insektenfressern zu schaffen. Ein weiteres Problem ist die Zerstörung ihrer Quartiere. Die nachtaktiven Tiere verbringen den Tag in warmen, trockenen und windstillen Verstecken, wie Estrichen oder Fassadenritzen. Durch Renovationen können diese Quartiere zerstört werden.

Angesichts dieser Bedrohungen sind sämtliche in der Schweiz heimischen Fledermäuse bundesrechtlich geschützt. Im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt leitet deshalb die Stiftung Fledermausschutz die Schweizerische Koordinationsstelle für Fledermausschutz für die östliche Landeshälfte mit Sitz im Zoo Zürich. Unter anderem ist dort ein Nottelefon eingerichtet, wo sich Leute melden können, die ein aus seinem Versteck gefallenes Fledermausbaby oder ein verletztes Tier gefunden haben. Die Koordinationsstelle wiederum koordiniert die kantonalen Fledermausschutzbeauftragten. Diese bieten unter anderem Beratungen bei Umbauten von Gebäuden an, sodass Fledermausquartiere erhalten werden können. Die kantonalen Fledermausschutz-Beauftragten ihrerseits sind für die lokalen Fledermausschützenden, wie Chantal Stoll eine ist, verantwortlich.

Durch ein Zeitungsinserat sei sie auf die Stiftung aufmerksam geworden. So sei sie in ihre heutige Tätigkeit hineingerutscht. Auch ihr Gatte ist inzwischen als Fledermausschützer unterwegs. Die Faszination für die Tiere hat bis jetzt nicht nachgelassen. «Fledermäuse leben mitten unter uns. Dennoch wissen viele kaum etwas über die Tiere», sagt Chantal Stoll.

Besonders eindrücklich finde sie es, wie sich die Fledermäuse mittels Ultraschall orientieren können. Aber auch das Fressverhalten sei beeindruckend. «Eine Zwergfledermaus kann pro Nacht zwischen 2000 bis 3000 Insekten fressen. Damit hilft sie mit, den Insektenbestand zu regulieren und Schädlinge zu bekämpfen», sagt Stoll.

Fledermaus-Fan «Bereits vor 20 Jahren sagte ich mir, ich will unbedingt einmal eine Fledermaus streicheln», erklärt Chantal Stoll Fledermausschutz-Beauftragte in Dietikon.

Fledermaus-Fan «Bereits vor 20 Jahren sagte ich mir, ich will unbedingt einmal eine Fledermaus streicheln», erklärt Chantal Stoll Fledermausschutz-Beauftragte in Dietikon.

zvg

Bewilligung für Pflege

Im Laufe der Jahre hat sich die Fledermausschützerin weiter fortgebildet. Unter anderem hat sie gelernt, wie man verwaiste Fledermausbabys aufzieht. Laien rät sie dringend davon ab, dies selber zu versuchen. Heute brauche man eine Bewilligung für die Pflege der Tiere. Dennoch könnten auch Laien helfen. «Wenn jemand ein Fledermausbaby findet, lässt sich aus einer Schüssel, in der ein von einer Socke umhülltes Glas steht, ganz einfach eine Art Abflugrampe bauen», so Stoll. Auf der Socke könne es sich gut festhalten. Falle es vom Glas hinunter, lande es in der Schüssel. Diese Vorrichtung soll man jeweils bei Dämmerung auf den Balkon stellen. Oft würden Mütter ihre Kleinen schnell abholen. «Ist dies nach drei Tagen nicht geschehen, meldet man sich über das Nottelefon der Stiftung Fledermausschutz», sagt Stoll. Auf keinen Fall solle man versuchen, das Tier mit Milch zu ernähren oder anderweitig zu füttern. Fledermäuse seien enorm empfindlich. «Bei der Aufzucht verwenden wir eine spezielle Milchmischung, die mit einer Pipette verabreicht wird», so Stoll. Junge Fledermäuse könnten zwei Nächte ohne Fressen auskommen.

Die Exkursion neigt sich dem Ende zu und Chantal Stoll kehrt an den Ausgangspunkt zurück, einen Parkplatz unweit des Marmori-Weihers. Dort, hoch oben an einer Hausfassade hängen zwei unscheinbare Kästen. Sie wurden von einem Hausbesitzer extra dort angebracht, um den Fledermäusen einen Unterschlupf zu bieten. Aus der Sicht der Fledermausschützerin ist das ein vorbildliches Verhalten. Bis jetzt weiss sie allerdings nur, dass im einen Kasten wohl 15 Tiere wohnen dürften. Demnächst wird Stoll deshalb den eingesammelten Kot einschicken.