Dietikon
Nach Würge-Attacke auf Lehrerin: Schule ergreift Schutzmassnahmen

Im Schulhaus Wolfsmatt hat eine Mutter die Lehrerin ihres Sohnes attackiert. Nun hat die Schule Massnahmen zum Schutz der Lehrerin und der Schüler getroffen. Allerdings nur im kleinen Rahmen – die Mittel seien begrenzt, sagt der Dietiker Schulvorsteher.

Matthias Scharrer
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Schulhaus Wolfsmatt: Dass eine Mutter eine Lehrerin handgreiflich attackierte, ist laut Stadtrat Jean-Pierre Balbiani in Dietikon noch nie vorgekommen.

Schulhaus Wolfsmatt: Dass eine Mutter eine Lehrerin handgreiflich attackierte, ist laut Stadtrat Jean-Pierre Balbiani in Dietikon noch nie vorgekommen.

Matthias Scharrer

Im Dietiker Schulhaus Wolfsmatt hat die Mutter eines elfjährigen Schülers dessen Lehrerin handgreiflich attackiert und massiv bedroht. Hintergrund: Nach einer Gefährdungsmeldung seitens der Schule an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) entzog die Kesb den Eltern die Obhut über das Kind und platzierte es in einer Massnahme.

«Die Eltern waren durch diesen Entscheid der Behörden sehr aufgebracht und wollten die Lehrerin zur Rede stellen», heisst es in einem Elternbrief der Schule. Und weiter: «Sie verschafften sich trotz Platzverbot Zugang zum Klassenzimmer und griffen zwei Lehrerinnen vor den Augen der Kinder verbal und körperlich an.»

Der Vorfall ereignete sich bereits am 20. September. Gestern machte ihn der «Blick» publik. Demnach wurde die Lehrerin von der Mutter des Buben geschlagen und gewürgt. Dabei habe die Mutter gedroht, die Lehrerin und deren Sohn zu töten. Der Vater des zum Kesb-Fall gewordenen Elfjährigen sei in der Tür gestanden und habe gelacht.

Der Dietiker Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani (SVP) bestätigte am Donnerstag auf Anfrage den Angriff auf die Lehrerin im Schulhaus Wolfsmatt. Eine Lehrerin im Nebenzimmer habe die Auseinandersetzung gehört und sei eingeschritten. «Auch die Schulleitung war sofort da», so Balbiani. Nach zwei bis drei Minuten sei zunächst die Stadtpolizei Dietikon, dann die Kantonspolizei vor Ort gewesen.

«Ich bin entsetzt. Und froh, dass der Lehrerin nicht mehr passiert ist. Körperlich wurde sie nicht verletzt», sagt Schulvorsteher Jean-Pierre Balbiani.

«Ich bin entsetzt. Und froh, dass der Lehrerin nicht mehr passiert ist. Körperlich wurde sie nicht verletzt», sagt Schulvorsteher Jean-Pierre Balbiani.

Sandra Ardizzone

Kesb wegen Äusserungen auf Pausenplatz eingeschaltet

Gemäss Angaben von Bekannten war dem elfjährigen Kind zu Hause angedroht worden, es aufzuhängen; ausserdem sei der Bub mit blauen Flecken in die Schule gekommen, wie es weiter im «Blick» heisst. Balbiani kann darauf amtsgeheimnisbedingt nicht näher eingehen, sagt aber: «Äusserungen des Elfjährigen auf dem Pausenplatz führten mit zur Gefährdungsmeldung an die Kesb.» Es habe Hinweise auf häusliche Gewalt gegeben.

Dass eine Mutter eine Lehrerin handgreiflich attackierte, ist nach Balbianis Kenntnis in Dietikon noch nie vorgekommen. «Ich bin entsetzt. Und froh, dass der Lehrerin nicht mehr passiert ist. Körperlich wurde sie nicht verletzt», so der 66-jährige Stadtrat. Die Lehrerin des Elfjährigen habe nach kurzer Zeit, in der sie von einem Care-Team behandelt wurde, ihre Arbeit wieder aufgenommen. Die Eltern, die sie attackierten, sind laut «Blick» noch in Haft. Die Mutter hat afrikanische Wurzeln, der Vater ist Schweizer.

Laut Balbiani wurden in Absprache mit der Kantonspolizei Zürich Massnahmen zum Schutz der Lehrerin und der Schüler getroffen. Um was für Massnahmen es sich dabei handelt, wollte er nicht sagen. Allerdings seien die Mittel begrenzt: «Wir können nicht Polizisten vor die Schulzimmer stellen. Das war ein extremer Einzelfall – und das bleibt es hoffentlich auch.» Der «Blick» schreibt unter Berufung auf Schüler, die Klasse habe einen jungen Schäferhund und die Lehrerin sei mit Pfefferspray bewaffnet.

Häufig Drohungen

Christian Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV), bestätigt: «Tätliche Übergriffe von Eltern auf Lehrpersonen gibt es fast nie.»

Verbale Drohungen und Beleidigungen kämen hingegen öfters vor, gerade im Zusammenhang mit Kesb-Massnahmen. «Die Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden können, löst bei Eltern massiven Stress aus, manchmal auch Aggressionen», so der ZLV-Präsident. «Fast jede Lehrerin und jeder Lehrer hat schon Gespräche erlebt, in denen Eltern der Schule Vorwürfe machen, um von den eigenen Problemen abzulenken.»

Um Lehrpersonen aus der Schusslinie zu nehmen, ist gemäss einem Leitfaden des kantonalen Volksschulamts und der Kesb vorgesehen, dass in der Regel nicht die Lehrerin oder der Lehrer eine Gefährdungsmeldung an die Kesb macht. Vielmehr muss sie oder er sich zuerst an die Schulleitung wenden, damit diese, falls mit schulischen Massnahmen keine Lösung erreichbar ist, die Kesb informiert.

Wenn ernsthafte Anzeichen einer körperlichen, psychischen oder sozialen Beeinträchtigung des Kindswohls vorliegen, sind Schulpflegen, Schulleitungen und Lehrpersonen gesetzlich verpflichtet, dies der Kesb zu melden.

«Das exponiert uns Lehrer»

«Es ist richtig, dass das zu unseren Aufgaben gehört», sagt ZLV-Präsident Hugi. Ihm ist aber auch bewusst: «Das exponiert uns Lehrer. Denn für Eltern sind wir das Gesicht der Schule.»

Dennoch: Dass Lehrer durch Eltern handgreiflich attackiert werden, kommt nur sehr selten vor, das bestätigt auch Marion Völger, die Chefin des kantonalen Volksschulamts. «Man kann diese Fälle an einer Hand abzählen», so Völger. Das Volksschulamt und die Kantonspolizei würden in der Regel einbezogen, wenn es zu Gefährdungen von Lehrpersonen komme. «Wir machen auch regelmässig Schulungen für Schulleitungen», fügt die Volksschulamtschefin an. Und für den Notfall gebe es eine Notfall-App mit allen wichtigen Telefonnummern.