Kloster Fahr
Nach über 4000 Absolventinnen geht eine Ära zu Ende

Die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr schliesst ihre Türen. Dies aus finanziellen und personellen Gründen. In den letzten 69 Jahren haben dort über 4000 Frauen ihre Ausbildung absolviert.

Sandro Zimmerli
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Die starke Gemeinschaft an der Bäuerinnenschule wird geschätzt
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Jeder Kurs endet mit der Zertifikatsübergabe
Das Motto der Schule lautet, eine fürs Leben
Bäuerinnenschule im Kloster Fahr schliesst
2003 übergab Priorin Irene im Beisein von Abt Martin die Schulleitung an Judith Locher

Die starke Gemeinschaft an der Bäuerinnenschule wird geschätzt

Sandro Zimmerli

Die Bäuerinnenschule im Kloster befindet sich bezüglich Auslastung und Nachfrage auf dem Höhepunkt. Trotzdem schliesst die 1944 gegründete Ausbildungsstätte in einer Woche ihre Tore endgültig. Die Gründe für diesen Entscheid sind personeller und finanzieller Natur. Einerseits zwingt die Altersstruktur der Gemeinschaft die Schwestern dazu, ihre Kräfte zu bündeln. Andererseits ist die Schule seit Jahren defizitär, da verschiedene Kantone keine Beiträge mehr an die Ausbildung zahlen.

Das Ende der traditionsreichen Institution wird am Sonntag, 28. Juli mit einem grossen Fest begangen. 1200 ehemalige Schülerinnen werden erwartet. Zuvor, am Donnerstag, 25. Juli, schliessen die letzten 28 Frauen aus verschiedenen Deutschschweizer Kantonen ihre zwanzigwöchige Ausbildung ab. Insgesamt haben über 4000 Frauen in den letzten 69 Jahren die Bäuerinnenschule besucht. Eine davon ist die Priorin Irene. Vor 27 Jahren schloss sie die Bäuerinnenschule ab. Dadurch fand sie den Weg ins Kloster.

«Auf der einen Seite tut es weh. Andererseits merke ich, dass es der richtige Entscheid zum richtigen Zeitpunkt ist», sagt Priorin Irene mit Blick auf die bevorstehende Schliessung der Bäuerinnenschule im Kloster Fahr. Sie freue sich riesig auf das grosse Abschlussfest vom Sonntag in einer Woche. «Es ist wie im Sport. Wir hören auf dem Höhepunkt auf», hält sie fest.

Anfänge: Bitte Besteck mitnehmen

Die Bäuerinnenschule im Kloster Fahr wird bei ihrer Schliessung 69 Jahre alt sein. Sie wird 1944 vom damaligen Propst Anselm Knüsel und der Priorin Elisabeth Galliker gegründet. Die beiden erkennen die Notwendigkeit, dass die Frauen in der Landwirtschaft im und nach dem 2. Weltkrieg eine gute Ausbildung brauchen. Der erste Kurs startet im September 1944 mit 11 Schülerinnen. Es sind vorwiegend Verwandte der Klosterfrauen. Die Ausstattung ist sehr einfach. Die Klosterküche dient nun als Schulküche, die Gästezimmer werden in Schlafräume für die Schülerinnen umgewandelt. Bereits 1946 wird es zu eng. Anstelle der alten Propstei wird das noch heute bestehende Riegelhaus erstellt. Dort werden zwei Schulzimmer eingerichtet. Neben Leintüchern und Wolldecken müssen die Schülerinnen damals auch ihr eigenes Besteck mitbringen. Die Schule wächst weiter. 1955 sind es 33 Schülerinnen pro Kurs. Im Riegelhaus wird es zu eng. Es wird über einen Neubau nachgedacht. Pater Hilarius wird 1959 Nachfolger von Pater Anselm als Propst des Klosters Fahr. Als frischgebackener Agronom übernimmt er auch die Leitung der Bäuerinnenschule, in der er über 40 Jahre lang Betriebslehre und Staatskunde unterrichtet. Nach langen Verhandlungen mit den Kantonen Aargau und Zürich wird im Oktober 1962 der Bau einer neuen Schule bewilligt. Im August 1964 kann das neue Gebäude mit Schlaftrakt eingeweiht werden. Es bietet Platz für 36 Schülerinnen. In den 1980er Jahren treten einige Schwestern altershalber zurück. Sie werden durch weltliche Lehrerinnen ersetzt. 1993 übernimmt Schwester Irene, die heutige Priorin, die Schulleitung. Diese Aufgabe hat sie zehn Jahre inne. Auf Priorin Irene folgt die weltliche Judith Locher als Schulleiterin. 2012 wird die Schliessung der Schule bekannt gegeben. (zim)

Für Priorin Irene geht mit der Schliessung der Schule eine besondere Zeit zu Ende. Vor 27 Jahren war sie selber Schülerin im Fahr und fand so den Weg ins Kloster. «Mein Traum war es damals Bäuerin, zu werden», sagt sie.

Kolleginne schwärmten von Schule

Wie viele Absolventinnen vor und auch nach ihr hat sich Priorin Irene wegen Kolleginnen an der Bäuerinnenschule eingeschrieben. «Meine Kolleginnen haben von der Atmosphäre im Fahr geschwärmt. Deshalb habe mich entschieden, die Schule dort zu besuchen, obwohl es bei uns im Kanton Luzern ebenfalls drei solcher Bildungsstätten gab», erinnert sich Priorin Irene.

Schon kurz nach dem Beginn der Ausbildung merkte die damals 21-jährige Schülerin, dass sie Freude am Ort und dem dortigen Leben gefunden hatte. «Im Fahr kann man ein Leben lang bauern und hat Zeit für den Herrgott, erkannte ich damals», erinnert sich die Priorin. Sie habe sich dann relativ schnell zum Eintritt ins Kloster entschieden. Unmittelbar nach der ersten Profess sei sie angefragt worden, ob sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftslehrerin absolvieren wolle, um später an der Bäuerinnenschule zu unterrichten. «Direkt nach dem Seminar im Kloster Baldegg 1993 wurde ich Schulleiterin und Hauswirtschaftslehrerin an der Bäuerinnenschule», so Priorin Irene.

Dieses Amt bekleidete sie während zehn Jahren, ehe sie das Priorat übernahm und mit Judith Locher die erste weltliche Schulleiterin eingestellt wurde. Für Priorin Irene waren es zehn schöne und lehrreiche Jahre, in den sie einiges bewegen konnte. «Ich habe in diesen zehn Jahren viel gelernt, das mir bei meiner Aufgabe als Priorin enorm hilft. Etwa im Managementbereich oder bei der Personalführung», hält sie fest.

Als Schulleiterin sei ihr entgegengekommen, dass sie selber Schülerin gewesen sei. «Ich konnte mich gut in die Schülerinnen hineinversetzen. Ich habe gewisse Dinge geändert, zum Beispiel, dass die jungen Frauen auch einmal in den Ausgang durften. Das war bei uns so nicht möglich», sagt die Priorin. Andere Regeln, wie die fixe Sitzordnung beim Essen, die wöchentlich ändere, habe sie abschaffen wollen. Sie habe aber schnell gemerkt, dass dieses bewährte System gut funktioniere. «So entstehen keine Grüppchen unter den Schülerinnen.»

Eine starke Gemeinschaft

Auch im pädagogischen Bereich und bei den Kursinhalten habe sich einiges verändert, so die Priorin. «Früher schrieben die Lehrerinnen noch an die Wandtafel. Mittlerweile kommen auch in unserer Schule Beamer zum Einsatz», hält sie fest. Einen Wandel habe man im Handarbeitskurs ausmachen können. «Heute werden moderne Kleider genäht. Früher waren es vornehmlich Trachten», sagt die Priorin. Gewisse Dinge seien hingegen über all die Jahre unverändert geblieben. «Ein Hefeteig wird heute noch so zubereitet wie vor 69 Jahren.»

Ein Meilenstein der Schule unter der Leitung von Priorin Irene konnte im Jahr 2000 gesetzt werden. Die Bäuerinnenschule wurde als Erste in der Deutschschweiz im Bereich Qualitätsmanagement nach ISO9001 zertifiziert. Doch nicht nur die hohe Qualität macht die Schule im Fahr zu einer speziellen Bildungseinrichtung. «Da wir ein Internat führen, bildet sich in den Kursen eine starke Gemeinschaft. Es entstehen Freundschaften fürs Leben», so die Priorin. Zudem sei die Nähe zu den Schwestern und ihrem Alltag für viele Schülerinnen eine besondere Erfahrung.