Sechseläuten
Nach Pferde-Tod: Dietiker Reitlehrer stellt für Zünfter strikte Regeln auf

Viele der Tiere, die am zum Einsatz kommen, stammen aus dem Umland der Stadt Zürich, etwa aus Dietikon: Das Reitsportzentrum Fondli hat dieses Jahr zum ersten Mal Schulpferde nach Zürich geschickt – mit strengeln Regeln.

Julia Wartmann
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Die Pferde des Dietiker Reitstallbesitzers Martin H. Richner ritten am Sechseläuten um den «Böögg» – ohne Probleme. Das Zauberwort heisst Training.

Die Pferde des Dietiker Reitstallbesitzers Martin H. Richner ritten am Sechseläuten um den «Böögg» – ohne Probleme. Das Zauberwort heisst Training.

Julia Wartmann

Obwohl der Schimmel Grizzly erst fünf Jahre alt ist, macht ihm auch grosses Publikum nicht zu schaffen. Seinen letzten Auftritt hatte das Englische Vollblut vergangenen Montag am Sechseläuten. Er war eines der sechs Pferde aus dem Reitsportzentrum Fondli in Dietikon, mit denen die Reitergruppe der Zunft zur Schneidern am Umzug teilnahm. Martin H. Richner, Inhaber und Leiter des Reitsportzentrums ist stolz, dass sechs seiner Schulpferde am grössten alljährlich stattfindenden Reitanlass in der Schweiz mitwirkten. Im Gegensatz zu jenem Pferd, das beim Ritt um den «Böögg» zusammenbrach und in Folge verstarb, kehrten, wie er sagt, alle sechs seiner Pferde wohlbehalten in den Stall zurück. Und das obwohl keines der Tiere je zuvor beim Sechseläuten dabei war.

Für Richner ist klar: «Wenn ein Pferd Vertrauen zum Reiter hat, würde es alles für ihn tun.» Deshalb sei es für ihn undenkbar, dass ein Pferd «zu wild» für gewisse Aufgaben sei. Was Probleme bereitet, sagt er, seien unerfahrene Reiter. Aus diesem Grund hat er nur unter einer einzigen Bedingung in die Zusammenarbeit mit der Reitergruppe der Zunft eingewilligt: Die Reiter müssen alle zwei Wochen auf einen zweistündigen Ausritt mit besagten Pferden – und das während des ganzen Jahres.

Insgesamt vier Zünfte haben Richner angefragt, ob sie seine Pferde für den Traditionsanlass ausleihen dürften, nur mit den Schneidern kam es zu einer Übereinkunft. Als ihn die Zunft jedoch zwei Wochen vor dem Anlass um ein weiteres Pferd bat, lehnte er dies aus dem Grund ab, dass Reiter und Pferd nicht genug Zeit hätten, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Die Problematik am Sechseläuten sieht er weniger in den lauten Geräuschen beim Umzug oder den Knallern beim Verbrennen des «Bööggs», sondern in der Unerfahrenheit einiger Reiter. «Die Unsicherheit des Reiters überträgt sich zu 100 Prozent auf das Pferd», erklärt er. Wenn dieser sich also erschrecke oder unklare Kommandos gebe, spüre dies das Pferd und reagiere entsprechend.

Richner verabreicht seinen Pferden vor dem Umzug ein Beruhigungsmittel. Dies, um Vorfälle wie denjenigen am Morgen des Sechseläuten zu vermeiden, als in Wollishofen die Pferde einer Kutsche durchbrannten und sich selbst sowie einen Reiter verletzten. Die Praktik der Sedierung sei bei grossen Reitanlässen nicht unüblich, sagt er, jedoch sei es jedem Pferdebesitzer selbst überlassen, ob er dies tue. Für Richner war die Sedation eine reine Vorsichtsmassnahme. Bei der richtigen Dosierung sei sie völlig ungefährlich. Obwohl er den Tieren nur die Hälfte der empfohlenen Dosis gegeben hat, habe es sein Gewissen beruhigt, sie sediert zu wissen, sagt er. Dass der Zusammenbruch des bereits 25-jährigen Pferdes mit dieser Praxis zusammenhängt, hält er für unwahrscheinlich: «Da das Sedativum bereits vor dem Umzug verabreicht wird, hat die Wirkung beim Umreiten des Bööggs bereits stark nachgelassen.»

Die Idee, den Tieren Ohrenschützer anzulegen, stösst nicht auf Richners Zuspruch. Zwar könne man den Pferden die Ohrmuscheln mit Watte füllen und ihnen ein sogenanntes Ohrengarn (siehe Bild) überstülpen, dies beeinträchtige aber die Wahrnehmung der Pferde. Seiner Meinung nach brauchen sie aber jeden einzelnen ihrer Sinne, um voll leistungsfähig zu sein.

Richner ist stolz auf seine sechs Abenteurer. Zur Belohnung wurde ihr «Pensum» am Tag nach dem Sechseläuten reduziert und sie ruhten sich auf der Weide aus. Die grösste Freude bereitet ihnen aber das Lob vom Besitzer, sagt er. «Die Pferde spüren, dass ich stolz auf sie bin.» Er habe sich bei allen sechs für den bravourösen Einsatz bedankt und sie am Widerrist gekrault – das mögen sie besonders gerne.