Es ist 9.50 Uhr. Die Schulglocke läutet. Der Pausenplatz des Schulhauses Kalktarren in Schlieren füllt sich. 37 Schülerinnen und Schüler bilden einen Kreis. Doch nicht etwa, um ein Spiel zu spielen. Die Mienen der 13- und 14-Jährigen sind ernst. Stadtpräsident Markus Bärtschiger (SP) tritt in ihre Mitte. Schülerin Valeria ergreift das Wort: «Wir möchten unseren Lehrer so lange wie möglich behalten. Das liegt uns sehr am Herzen», sagt sie.

Am Freitagvormittag übergab die Schülerin Bärtschiger ein Mäppchen. Darin befand sich die Petition der beiden Klassen, die Stefan Achermann unterrichtet. Die Jugendlichen setzen sich dafür ein, dass ihr Lehrer die Schule nicht verlässt.

Stefan Achermann reichte vor einer Woche die Kündigung bei der Schulpflege ein. Dies, nachdem er und sein Kollege Harald Schurr in einem Schreiben der Schulpflege dazu aufgefordert wurden, die selbst finanzierte IT-Ausrüstung – etwa Beamer und Computer – nach den Sport- oder Frühlingsferien zwecks der Installation neuer Beleuchtung, der Umsetzung von Energiesparmassnahmen und der Vorbereitung für die Umrüstung aller Zimmer auf das geplante neue IT-Konzept der Schule Schlieren aus den Schulzimmern zu entfernen und nicht wieder aufzubauen.

«Altmodisch und langweilig»

Mit Bestürzung nahmen die 37 Jugendlichen die Nachricht von der Kündigung des beliebten Lehrers auf. «Ich will nicht, dass Herr Achermann geht. Jeder Schüler kann von seinem Wissen und seinem IT-Material profitieren. Ich habe mich dank seinen Lernmethoden stark verbessert», sagte die 14-jährige Alessia. Und auch ihre Schulkameradin Sarah ist voll des Lobes: «Herr Achermann ist ein Lehrer, der mich jeden Tag aufs Neue motiviert. Bei ihm macht mir der Unterricht Spass. Ausserdem schätze ich es sehr, dass er uns in jeder Situation unterstützt.»

Die Jugendlichen haben Angst, dass sich bei einem Weggang des Lehrers viel verändern wird. «Ich befürchte, dass der Unterricht altmodisch und langweilig wird», sagte der 14-jährige Levin. Das Ziel der Jugendlichen ist klar: Achermann soll bleiben, nicht nur für sie. «Wir brauchen ihn und die zukünftigen Schlieremer Sekschüler auch», findet Alessia.
Der Stadtpräsident lobte bei der Übergabe den Einsatz der beiden Klassen. «Ich danke euch zweifach. Zum einen, dass ihr eure grosse Pause opfert und dafür, dass ihr euch in eurem jungen Alter um gesellschaftliche Anliegen kümmert.» Er könne in dieser Sache nicht alleine entscheiden und werde sich beraten. «Klar ist, dass ihr eine Antwort erhalten werdet, nicht in ein paar Stunden, aber in ein paar Tagen», sagte Bärtschiger.

Begeistert von der Aktion ist Achermanns Kollege Harald Schurr. «Ich hätte nie erwartet, dass sich die Schüler und Eltern so für uns engagieren.» Auch ihn würde der Weggang von Achermann sehr treffen. «Ich arbeite seit sechs Jahren mit ihm zusammen, wir sind ein gutes Team.» Für ihn sei der Entscheid der Schulpflege nicht nachvollziehbar. «Die Qualität des Unterrichts wird darunter leiden.»

Vor Ort waren auch einige Eltern, die die Aktion ihrer Kinder unterstützten. «Ich verstehe, warum sich unsere Kinder so ins Zeug legen. Herr Achermann ist ein toller Lehrer. Er nimmt sich den besten und den schwächsten Schülern gleichermassen an, fördert und pusht sie», sagte die Mutter Ester Conte. Auch Sandra Rütschi ist dieser Meinung. Ihre ältere Tochter besuchte einen Klassenzug davor Achermanns Unterricht. Ihre jüngere Tochter geht derzeit zu Achermann zur Schule. «Er hat es geschafft, dass Jugendliche gute Lehrstellen im Bereich KV, Informatik und Hochbau gefunden haben.»

In der Berufswelt werde erwartet, dass man einen Computer bedienen könne. «Herr Achermanns Unterricht zielt genau darauf ab, die Schüler darauf vorzubereiten», sagte Rütschi. Das neue geplante IT-Konzept der Schule sei noch nicht einmal abgesegnet vom Parlament. «Wenn Herr Achermann weg ist und das Konzept nicht angenommen wird, haben wir einen Supergau», so Rütschi. Die Eltern kritisieren das Vorgehen der Schulpflege. «Seit zehn Jahren akzeptiert man Herrn Achermanns Methoden so und jetzt plötzlich will man das von einem Tag auf den anderen ändern. Die Absicht der Schulpflege sollte sein, in Ruhe eine Lösung zu finden und den Lehrer nicht zu vergraulen», sagte Doris Seiler.

Gespräch mit Schulpflege

Nach der Übergabe wurden die Schülerinnen und Schüler zu einem Gespräch mit der Schulpflege in den Singsaal eingeladen. Zwei Elternteile durften daran teilhaben. Laut Schulpräsidentin Bea Krebs (FDP) ist die Diskussion gut verlaufen. «Die Jugendlichen hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und wir haben sie darüber informiert, wie der Unterricht und das Schulzimmer mit dem neuen IT-Konzept aussehen könnte», sagte Krebs.

Die Fragerunde habe die Schulpflege einberufen, weil die Schülerinnen und Schüler das verdient hätten. «Sie setzen sich für diese Sache sehr ein und gebrauchen dafür sogar politische Instrumente.»

Mit ihrer Aktion tun es die Jugendlichen ihren Eltern gleich. Am Dienstag überreichten diese bereits eine Bittschrift an den Stadtpräsidenten. Zusätzlich reichte Sarah Impusino, CVP-Gemeinderätin und Mutter einer Schülerin, am Mittwoch eine kleine Anfrage beim Stadtrat ein. Darin will sie wissen, weshalb der Zeitpunkt für die Entfernung des IT-Materials mitten ins Schuljahr falle. Zudem stellt sie die Frage, ob dieser sich bewusst sei, dass durch diese Vorgaben einige initiative Lehrer kündigen würden und die Schule Schlieren wertvolles Wissen und beliebte Lehrpersonen verliere.

Trotz des grossen Engagements seitens Eltern und Schüler scheint die Kündigung von Stefan Achermann unumstösslich. Unterdessen hat ein Gespräch zwischen dem Seklehrer und der Schulpräsidentin stattgefunden. Es fiel nicht im Sinne der Petitionäre aus. Es würden keine Ausnahmen geduldet. Er werde mit dem Abbau seiner IT-Ausrüstung beginnen, so Achermann. Ob der grossen Solidarität seiner Schülerinnen und Schüler ist der Lehrer gerührt. «Ich habe nicht mit dieser Intensität gerechnet.» Wenn er gewusst hätte, dass die Jugendlichen so emotional regieren würden, wäre die Entscheidung zur Kündigung noch schwieriger geworden. Doch Achermann sagt auch: «Die Schulpflege hat mich mit ihrem Entscheid hart getroffen, denn dadurch wird meine Art zu unterrichten verunmöglicht.» Er könne sich so nicht vorstellen, zwei Jahre weiterzumachen.

Aufgeben wollen die Eltern deswegen aber nicht. Sie planen ein Gespräch mit der Schulpräsidentin. «Wir wollen ihr unsere Sicht persönlich schildern», sagte Sarah Impusino. «Unser Wunsch wäre es, dass Herr Achermann dieser Klassenzug noch zu Ende macht.»