Biennale
Nach der Schande von Venedig: «Jetzt erst recht»

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo stellt im kenianischen Pavillon aus — den es gar nicht mehr gibt. Dies, weil die Kuratoren fast sämtliche Ausstellungsplätze an China verkauft haben

Sophie Rüesch
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Yvonne Apiyo Brändle-Amolo stellt an der Biennale in Venedig aus
7 Bilder
Die Weininger Künstlerin vor einer ihren Voodoo-Skulpturen
Brändle-Amolos Werke in Venedig
Ihre Werke kommen verspielt und farbenfroh daher.
Brändle-Amolo verewigt sich in Venedig
Bis auf Yvonne Apiyo Brändle-Amolo sucht man vergeblich nach kenianischer Präsenz auf der Ausstellerliste des damals noch offiziellen Länderpavillons SCREENSHOT
Brändle-Amolo hat dem Biennale-Skandal nun ein eigenes Kunstwerk gewidmet

Yvonne Apiyo Brändle-Amolo stellt an der Biennale in Venedig aus

zvg

Die wohl seltsamste Episode der 56. Biennale in Venedig hat sich bereits vor deren Eröffnung am 9. Mai abgespielt. Mittendrin: der Weininger Tausendsassa Yvonne Apiyo Brändle-Amolo. «Eine grosse Ehre, aber auch eine riesige Herausforderung» nannte sie die Gelegenheit, an der wohl bedeutendsten Kunstmesse der Welt im Pavillon ihres Ursprungslands Kenia auszustellen.

Nur: Einen offiziellen kenianischen Pavillon gibt es an der Biennale 2015 gar nicht mehr. An der Stelle, an dem ein solcher geplant gewesen wäre, gibt es dafür eine Ausstellung, die sich «Creating Identities», zu Deutsch: «Identitäten schaffen», nennt. Mit kenianischer Identität hat die aber nicht viel zu tun: Sechs der acht Aussteller sind aus China.

Unter grossem öffentlichen Druck hat die kenianische Regierung kurz vor der Eröffnung der Biennale ihren Länderpavillon abgesagt. Sie folgte damit den Forderungen einheimischer Künstler, die sich darüber empören, dass bereits zum zweiten Mal die kenianischen Ausstellungsplätze an den Meistbietenden verscherbelt werden. Eine Online-Petition, die in der internationalen Presse für viel Wirbel sorgte, zwang die Regierung schliesslich, zu handeln: Am 24. April, ganze 15 Tage vor Messebeginn, entzog sie dem Pavillon ihren Segen — und damit seine Legitimation als offizielle Ländervertretung.

«Hier stimmt etwas nicht»

Brändle-Amolo hatte von all dem keine Ahnung, bis sie in Venedig eintraf. Erst als sie am Zielort vor verschlossenen Türen stand, im Gepäck ihre gigantischen Voodoo-Skulpturen, von Kuratoren oder sonstigen Ansprechpersonen keine Spur — «da wusste ich: Hier stimmt etwas nicht». Sie begann zu recherchieren und merkte schnell: Da stimmt sogar einiges nicht, und das nicht zum ersten Mal in der Geschichte der kenianischen Präsenz an der Biennale: Bereits das erste Gastspiel im Jahr 2013 wurde mehrheitlich von Chinesinnen und Chinesen bestritten, nur zwei Kenianer waren darunter.

Der kenianische Kunst-Ausverkauf wirft seither hohe Wellen: Von einer «chinesischen Invasion» ist die Rede, von der «Schande von Venedig», von «Betrug», einer «dreisten Mogelpackung», gar einem «Überfall von Scharlatanen». Besonders die Kuratoren Paola Poponi und Sandro Orlandi stehen in der Kritik, zudem der in Kenia eingebürgerte, aber offenbar schlecht in die dortige Kunstszene integrierte Künstler und Hotelier Armando Tanzini, der selbst im Pavillon hätte ausstellen sollen. Auch die kenianische Regierung kommt schlecht weg: Deren Engagement umfasste laut dem US-«National Public Radio», «nicht mehr, als den Job einem italienischen Kurator zuzuschachern». In der Regel treffen staatliche Organe (in der Schweiz ist es Pro Helvetia) die Auswahl der Künstler — oder zumindest die der Kuratoren.

Enttäuscht und wütend

«Ich hatte bis kurz vor Eröffnung der Biennale noch so viel mit meinen Kunstwerken zu tun, dass mir nicht in den Sinn kam, mich noch extra beim kenianischen Pavillon zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei», sagt Brändle-Amolo am Telefon selbstkritisch; denn darüber, wie die Platzvergaben gehandhabt wurden, ist sie heute genauso enttäuscht und wütend wie ihre Kollegen, die die Petition lanciert haben. Doch selbst wenn sie früh genug um die kenianischen Kunstwirren gewusst hätte: Ehrfurcht und Dankbarkeit, überhaupt angefragt worden zu sein, hätten sie wohl auch dann davon abgehalten, den Kuratoren ihre Meinung mitzuteilen. «Wenn du eine solche Chance hast, musst du sie ergreifen», sagt sie.

Denn die Gelegenheit, an der Biennale auszustellen, ist der Ritterschlag für jeden Kunstschaffenden und jede Kunstschaffende. Dennoch: Sie habe schon mit sich gerungen, ob sie die Sache unter solch einem unglücklichen Stern nicht einfach sein lassen solle. Letztlich ging sie aber mit ihren Vertrauten einig: «Jetzt muss ich erst recht beweisen, dass Kenia seine eigene Kunst hervorbringt und sich damit zeigen kann.» Plötzlich bemerkte die in der Schweiz lebende Doppelbürgerin auch, dass sie in der internationalen Presse als die einzige «authentische» Vertreterin des Landes gehandelt wurde. «Hätte ich abgesagt, wäre Kenia gar nicht mehr vertreten gewesen. Und das wäre der echte Skandal». Eine schwere Last auf den Schultern einer jungen Künstlerin und SP-Politikerin, die heute noch nicht ganz verstehen kann, wie ausgerechnet sie die Gelegenheit erhält, an der Biennale auszustellen, dieser Olympiade der zeitgenössischen Kunst.

Kritik an Regierung

Den nun neben ihr im Pavillon vertretenen Künstlern will sie keinen Vorwurf machen; die würden genau wie sie die Chance nicht verpassen wollen, ihre Kunst an der Biennale auszustellen, egal in welchen Räumen. Doch die Regierung, findet sie, hätte die Arbeit der Kuratoren besser überwachen sollen. Besser noch: Gar nicht erst Kuratoren engagieren, die keinerlei Bezug zum Land und dessen Kunstszene haben.

Diese hat nämlich einiges zu bieten, betont Brändle-Amolo. Jedes Mal, wenn sie aus dem beschaulichen Weiningen in die alte Heimat zurückkehre, gehe ihr das Herz auf ob der Bilder, der Installationen, dem Geist und der Freude an der Kunst. Sie zählt enthusiastisch Namen auf – obwohl das «National Public Radio» ihr fehlende Kenntnis der kenianischen Kunstszene unterstellt –, erwähnt auch ein Bild von Michael Soi, der dem Skandal um den Pavillon eine eigene Bilderserie gewidmet hat. Nur: So, wie es bis jetzt läuft, können die Michael Sois des Landes ihre Kunst keinem internationalen Publikum zeigen.

Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass Länder Künstler aus anderen Nationen in ihren Pavillons ausstellen lassen. Deutschland tat es 2013 mit Ai Weiwei, Island dieses Jahr mit dem Basler Christoph Büchel (ein eigener kleiner Skandal). Doch dass Kenia es verpasst hat, sich bei seinen ersten Auftritten auf dem Jahrmarkt der internationalen Kunstszene ein eigenes Gesicht zu geben, und seine Repräsentationsflächen so bereitwillig China hat abtreten lassen, das ist eine andere Sache.

Zweite Chance verspielt

Brändle-Amolo befürchtet, dass Kenia damit seine zwei Chancen verspielt hat. So sehr sie es auch hoffe, sie glaube nicht wirklich daran, dass 2017 die Ausstellung zustande kommt, die sich kenianische Künstler wünschten und die sie verdienten. Wahrscheinlicher sei, dass sich entweder das Spiel der letzten beiden Male wiederhole, oder dass es in zwei Jahren wieder keinen nationalen Pavillon gebe.

Brändle-Amolo hat sich ihren Auftritt an der Biennale anders vorgestellt. Doch sie kann dem Ganzen auch Gutes abgewinnen. Die Tatsache, dass die Regierung dieses Mal gehandelt hat, wenn auch wenig enthusiastisch und spät, stimme sie hoffnungsfroh. Auch dass die Wirren im Vorfeld mediales Echo fanden und Kenias Kunst zumindest auf diese Weise eine internationale Plattform erhielt. «Jeder Krieg fordert Opfer», hat Brändle-Amolos Mutter immer gesagt, erinnert sie sich. Die Hoffnung bleibt, dass es keine weiteren braucht.

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