In der letzten Saison kontrollierten Verena und Guglielmo «Willy» Martinelli 216 Kilogramm Pilze bei 54 Kontrollen. Davon mussten sie neun Kilo ungeniessbare Pilze, ein Kilo giftige und ein Exemplar des tödlich giftigen Grünen Knollenblätterpilzes aussortieren. Insgesamt war es für die Pilzkontrolleure der Stadt Dietikon eine Ernte, die weit unter dem langjährigen Durchschnitt liegt. Seit der letztjährigen Einführung einer Gebühr von fünf Franken für das Ausstellen eines Kontrollscheins sei die Anzahl Besucher im Kontrolllokal an der Bremgartnerstrasse immer stärker zurückgegangen, sagen die beiden.

Wird hier auf Kosten der Gesundheit gespart? Das fragen sich nicht nur die zwei Pilzexperten. Als einzige Gemeinde im Kanton Zürich erhebt Dietikon eine solche Gebühr für das Prüfen von Pilzen. Doch die neue Vorschrift ist nicht der alleinige Grund dafür, dass Verena und Willy Martinelli nun nach 35 Jahren als Pilzkontrolleure von ihrem Nebenamt zurücktreten. Dazu gesellen sich vielmehr private Motive. Die beiden wollen die schönste Jahreszeit wieder einmal unbeschwert von Amt und Pflichten geniessen.

Pilzesammeln kann ganz schön gefährlich sein (Archiv)

Pilzesammeln kann ganz schön gefährlich sein (Archiv)

Willy Martinelli wurde 1939 in Bergamo geboren. 1957 zog es die Familie in die Schweiz nach Nussbaumen. Hier arbeitete er sich beruflich bis zum Baupolier hoch. Als naturverbundener Mensch entdeckte er auf ausgiebigen Waldspaziergängen seine grosse Leidenschaft für die Pilze, die ihn bis heute nicht loslässt. Schon bald schloss er sich dem Verein für Pilzkunde Dietikon und Umgebung an. Wegen seines schon damals fundierten Pilzwissens, bezeichneten ihn die Vereinsmitglieder oft als «vergifteten Pilzler».

1979, eineinhalb Jahre nach seinem Vereinseintritt, absolvierte Willy Martinelli die Prüfung zum Pilzkontrolleur der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontrollorgane (Vapko). Noch im gleichen Jahr wählte ihn die Stadt Dietikon als Kontrolleur. Von seinen enormen Pilzkenntnissen profitierten nicht nur Pilzsammler und Vereinsmitglieder, sondern auch seine Frau Verena. So erstaunt es nicht, dass auch sie 1981 die Vapko-Prüfung bestand. Fortan leiteten sie zusammen bis Ende 2016 die Pilzkontrolle Dietikon. «Dadurch konnten wir sicher einige Pilzsammler vor unliebsamen Überraschungen bewahren», sagt Verena Martinelli. Ein grosses Interesse an Pilzen, ein fundiertes Wissen über sie zu haben und den Umgang mit Menschen zu mögen, seien Voraussetzungen für das verantwortungsvolle Amt.

Warzige Sporen

Willy Martinelli gab sich aber nicht nur damit zufrieden, Speisepilze und ihre gefährlichen Doppelgänger bei der Kontrolle sicher zu unterscheiden. Sein mykologisches Wissen reicht weit darüber hinaus. Viel Freude bereiten ihm Funde von seltenen Pilzarten. Um diese sicher zu bestimmen, nimmt er das Mikroskop zu Hilfe. Dabei begeistert ihn die bizarre Welt des mikroskopisch Kleinen immer wieder aufs Neue.

Mit dem Mikroskop werden Pilze, die von blossem Auge nicht zu bestimmen sind, untersucht. Sind die Sporen glatt oder warzig? Hat der Pilz Zystiden (auffälliges Stützgewebe) und von welcher Form? Haben die Hyphen oder Pilzfäden Schnallen? Um all diese speziellen Details zu erkennen, braucht es viel Erfahrung, und diese hat sich Willy Martinelli im Laufe der Jahre angeeignet. Konnte er eine Art nicht gleich bestimmen, so liess es ihm keine Ruhe. Oft, wenn er nachts nicht schlafen konnte, schaute er seine selbst gemachten Pilzfotos und die mikroskopischen Aufnahmen davon an.

Mit den Jahren hat Willy Martinelli viele Pilzbilder gemacht. Seine besten Fotos fanden sogar Aufnahme in Pilzbücher. Auch viele Vereinsmitglieder profitieren in spannenden Diavorträgen von seiner Fotokunst. So erstaunt es nicht, dass er als bekannter Experte in der Schweizer Pilzlerszene oft um Rat gefragt wird.

Schon vor Jahren wechselten Martinellis zum Verein für Pilzkunde Zürich. Hier werden Pilze das ganze Jahr hindurch jeden Montagabend bestimmt. So konnte Willy Martinelli sein Wissen, in manchen Diskussionen unter Gleichgesinnten, erweitern und zugleich weitergeben.
Für ihre Lieblinge, die Pilze, ist den Martinellis kein Weg zu lang. Jede freie Minute begeben sie sich auf die Pilz-Pirsch. Diese führt sie oft in die entlegensten Winkel der Schweiz. Mit der Zeit wussten sie genau, wo und wann welche Pilze wachsen.

Seltener Fund im Sihlwald bei Zürich: Die Zitronengelbe Tramete wächst nur, wo Natur ursprünglich sein darf. In der Schweiz ist es erst das sechste Mal, dass ein solcher Pilz entdeckt wurde.

Seltener Fund im Sihlwald bei Zürich: Die Zitronengelbe Tramete wächst nur, wo Natur ursprünglich sein darf. In der Schweiz ist es erst das sechste Mal, dass ein solcher Pilz entdeckt wurde.

Mit dem Rücktritt der Martinellis geht nun eine Ära zu Ende. Doch wie geht es mit der Pilzkontrolle in Dietikon und den angeschlossenen Gemeinden Bergdietikon, Geroldswil, Oetwil und Rudolfstetten weiter? Bruno Rabe, Leiter des Amts für Umwelt und Gesundheit der Stadt Dietikon, ist überzeugt, dass er auf die Hauptsaison ab August, eine für alle Beteiligten gute Lösung finden wird.