Am Sonntagmorgen um 00.41 Uhr wird der Bus der Linie 302 zum letzten Mal prustend seine Türen an der Endhaltestelle «Weiningen, Gemeindehaus» öffnen, um dann wieder umzukehren. Nach 111 Jahren wird die Endhaltestelle aufgehoben, neu fährt die Linie 302 bis Bahnhof Dietikon weiter. Ein guter Anlass für einen Blick zurück, in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als noch das «Lisebethli» in den Schienen quietschte.

Es war eine harte Zeit, die hiesigen Bauern waren mit wenigen Ausnahmen bettelarm. Es wurde die Zeit der grossen Auswanderungswellen, die Behörden forderten ihre Einwohner sogar dazu auf, das Land zu verlassen - ein Beitrag an die Auswanderung kam die Gemeinden billiger als die Fürsorgebeiträge. Da taucht 1893 plötzlich der Antrag für ein «Projekt einer elektronischen Strassenbahn im Limmattal» auf.

Nicht mehr zu Fuss nach Zürich

Auch wenn Weiningen als Dorf von der Industrialisierung verschont blieb, bekamen die Bewohner sie doch zu spüren. Die Boden- und Hypothekarzinsen stiegen, die Bauern mussten auswärts in den Fabriken Arbeit suchen. Dietikon, Schlieren oder die Stadt Zürich waren aber nur zu Fuss erreichbar. Eine Strassenbahn kam den Weiningern also gelegen. Am 7. April 1901 nahm die Bahn den Betrieb auf. Wegen der gross aufgemalten Buchstaben «L.S.B.» nannten die Limmattaler ihre Bahn liebevoll «Lisebethli».

Von der «Alten Post» in Schlieren bogen die Geleise in Richtung Unterengstringen und Weiningen in die Bahnhofstrasse ab. Dann führten sie auf einem eigenen Trassee von der Strasse weg zur Brücke über die Limmat. Zwischen Unterengstringen und Weiningen ratterte die LSB über die Staatsstrasse. Innerorts lag die Höchstgeschwindigkeit bei 12 Stundenkilometern, ausserorts bei 25. Die Fahrzeit zwischen Schlieren und Weiningen betrug 15 Minuten.

«Lisebethli» im Sand

An der Endstation musste der Wagenführer den Stromabnehmer auf die andere Seite kehren, um die Rückfahrt anzutreten - wenn denn nichts dazwischen kam: Bei der Linde zwischen den beiden Gasthöfen «Löwen» und «Linde» verlief das Gleis nämlich buchstäblich im Sand. Es kam immer wieder vor, dass die Weininger die gelben Wagen aus dem Dreck schieben mussten. Auch um die Überquerungen der Geleise der Nordostbahn (NOB) am Bahnhof Schlieren ranken sich unglaubliche Geschichten. Die NOB untersagten der LSB, die Schienen zu unterbrechen. Also durften die Schienen für die LSB bloss an die Geleise der NOB herangelegt werden. Das «Lisebethli» konnte nur ganz langsam über die NOB-Schienen holpern - und das auch nur morgens und abends, ohne Passagiere und Gepäck. Die Reisenden mussten also zu Fuss über die Geleise marschieren. Dort stand ein Wagen für den nächsten Streckenabschnitt bereit.

In den Dreissigerjahren wurde die LSB von der Städtischen Strassenbahn Zürich (der heutigen VBZ) übernommen. Am 1. Mai 1931 wurde die LSB-Strecke nach Weiningen stillgelegt und durch Busse ersetzt.
Quellen: «Limmattal-Strassenbahn», Peter Suter, Verein Tram-Museum Zürich; «Chronik 3500 Jahre Weiningen», Leo Niggli