n/a

Merken
Drucken
Teilen

Vesna Markovic-Ivanovic: Auch bei uns waren die Plätze vor drei Wochen knapp. Die Situation ändert sich von Tag zu Tag manchmal von Stunde zu Stunde. Wir sind aber froh, dass wir intern sehr viel Unterstützung erhalten etwa vom Patientenservice oder vom Ärztlichen Dienst. Gut ist auch, dass unsere Vor­gesetzten neue Pflegefachpersonen angestellt haben. Erschöpfungszustände erleben wir deshalb Gott sei dank nicht. Doch es gibt immer wieder Tage, die so anstrengend sind, dass wir an unsere persönlichen Grenzen stossen.

Jasmin Bruggisser: Medizinisch und pflegerisch geben wir trotz Mehrbelastung alles. Schlimm ist für uns aber, dass wir teilweise gezwungen sind, das Zwischenmenschliche zu reduzieren, um die grosse Arbeitslast bewältigen zu können. Wir sind es uns gewohnt, mit unseren Patienten zu sprechen und ihnen zuzuhören. Daher fällt es uns sehr schwer, dass das nun zu kurz kommt.

Können Sie denn wenigstens nach dem Dienst zuhause etwas abschalten?

Melissa Almeida Sousa: Nein. Auch zu Hause dreht sich alles um das Coronavirus. Ich werde von meiner Familie und von Freunden immer gefragt, wie es im Spital läuft und wie es den Corona-Patienten geht. Zudem ermahnt man mich dauernd, dass ich aufpassen soll. Die Familie hat Angst um meine Gesundheit, auch wenn das Spital der sicherste Ort ist, an dem man sich abseits der eigenen vier Wände aufhalten kann. ­Zuhause auf andere Gedanken zu kommen, ist also fast un­möglich.

Jasmin Bruggisser: Mir geht es ähnlich. Das Thema ist omnipräsent. Ich muss nur die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher oder das Radio anmachen und schon bin ich wieder im Coronamodus.

Vesna Markovic-Ivanovic: Das Problem ist ja auch, dass es ­wenig gibt, das uns derzeit ­ablenken könnte. Restaurants, Sportbetriebe und Ausgangs­lokale sind geschlossen. Vereine dürfen sich nicht treffen und auch wir Teammitglieder, die normalerweise einen sehr guten sozialen Austausch ­pflegen, dürfen uns privat nicht sehen. Umso mehr ver­suchen wir uns jetzt bei der Arbeit zu unterstützen und Halt zu geben.

Wie schaffen Sie es denn trotz all den widrigen Umständen, weiterzumachen?

Vesna Markovic-Ivanovic: Die Patienten geben uns viel Kraft und Wertschätzung. Das ist das, was den Pflegeberuf ausmacht, auch in Nicht-Coronazeiten. Wenn man sieht, dass es einem Patienten besser geht, auch wenn es nur ein kleiner Fortschritt ist, motiviert uns das.

Melissa Almeida Sousa: Ich habe einen Corona-Patienten bei ­seiner Entlassung bis zum ­Ausgang begleitet. Es war ­wunderschön, als er auf seine Tochter traf, die er wegen dem Besuchsverbot lange Zeit nicht sehen durfte. Beide haben sich umarmt und geweint. Es sind solche Momente, die uns weitermachen lassen.

Können Sie Coronaskeptiker verstehen?

Vesna Markovic-Ivanovic: Das sind Leute, die selbst und deren Umfeld noch nicht oder nur wenig stark betroffen sind. Darum können Sie die strengen Massnahmen wohl nicht nachvollziehen.

Melissa Almeida Sousa: Ich erinnere mich an einen Patienten, der zu Beginn der Pandemie das Virus infrage stellte. Als er zu uns kam, bereute er seine ­Einstellung. Corona-Skeptiker dürfen gerne einen Tag zu uns auf die Station kommen. Ich glaube das reicht, damit sie ihre Meinung revidieren.

Ihr Beruf hat dank dieser Krise an Ansehen gewonnen. Schade, dass dazu eine Pandemie nötig war, nicht?

Vesna Markovic-Ivanovic: Man sagt ja immer, auch schlechte Werbung sei Werbung. Aber ernsthaft: 2020 wäre das Jahr der Pflege gewesen. Das war es nun auch, aber auf eine völlig andere Art und Weise. Corona hat sicherlich für Gesprächsstoff gesorgt und die Aufmerksamkeit auf die Pflegebranche ­gelenkt.

Jasmin Bruggisser: Es hat auch dazu geführt, dass sich vor allem junge Leute für den Beruf interessieren. Wir erhielten viele Bewerbungen für Ausbildungsstellen und Schnupper-Praktika. Das Virus schreckt also nicht ab.

Die Arbeitsbedingungen für Pflegende waren bereits vor Corona ein Streitpunkt. Was erwarten Sie von Politik und Gesellschaft zur Verbesserung der Situation des Pflegepersonals?

Vesna Markovic-Ivanovic: Es müsste mehr in die Ausbildung investiert werden, um den Nachwuchs zu sichern. Zudem wäre es wichtig, dass der Beruf genug Anerkennung bekommt. Oft werden wir als Hilfspersonal angesehen, das Patienten ein bisschen die Beine wäscht und Medikamente verabreicht. Unser Beruf ist mit viel Verantwortung verbunden.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Alle: Dass Corona kein Thema mehr ist.