Infrastruktur
Mut zu 70 Millionen: Dietikon soll Platzprobleme mit «grossem Wurf» lösen

Die Gemeinderäte Lucas Neff (Grüne), Manuel Peer (SP) und Reto Siegrist (CVP) schlagen ein multifunktionales Gebäude für Schule, Verwaltung, Kultur und Gewerbe vor. Dieses «Chamäleon» sein eines der Puzzleteile auf dem «Weg von der Agglo zur Stadt».

Bettina Hamilton-Irvine
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Eine neue Überbauung an der Ecke Bremgartnerstrasse und Schöneggstrasse soll das Dietiker Zentrum aufwerten.

Eine neue Überbauung an der Ecke Bremgartnerstrasse und Schöneggstrasse soll das Dietiker Zentrum aufwerten.

BH

Dietikon wächst. Im Jahr 2009 waren es noch 23000 Personen, die im Bezirkshauptort lebten. Seither ist die Bevölkerung jährlich um mindestens 2 Prozent gewachsen und hat unterdessen bereits die 26000er-Marke geknackt.

Ein Ende des Wachstums ist vorerst nicht in Sicht: Noch werden neue Wohnungen im Limmatfeld fertiggestellt, noch ist im Niderfeld ein komplett neuer Stadtteil in Planung.

Das rasante Bevölkerungswachstum hat auch Auswirkungen auf die Planung der Infrastruktur. Vor allem der Schulraum ist in Dietikon bereits seit einigen Jahren ein knappes Gut.

Noch verschärft hat sich die Situation, nachdem das Stimmvolk im Herbst 2012 den stadträtlichen Vorschlag für ein Mietschulhaus im Limmatfeld an der Urne wuchtig verwarf. Nach wie vor fehlt eine Lösung für den dringend benötigten Schulraum nördlich der Bahngleise – bis zum Schuljahr 2018/19 gibt es im Gebiet Limmatfeld voraussichtlich Schüler für sechs zusätzliche Klassen, bis 2023/24 sogar für 13. Vorläufig setzt der Stadtrat auf eine Vergrösserung bestehender Schulklassen – und auf Provisorien.

Auch die Verwaltung wächst

Das Problem des fehlenden Platzes kennt man auch auf der Stadtverwaltung: Ende 2012 zog die ganze Sozialabteilung an die Neumattstrasse, weil das Stadthaus aus allen Nähten platzte. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Stadtverwaltung, die in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent gewachsen ist, wiederum mehr Raum benötigt.

Drei Dietiker Gemeinderäte wollen nun die diversen Platzprobleme auf einmal lösen – und gleichzeitig einen Mehrwert für die Stadt schaffen.

Lucas Neff (Grüne), Manuel Peer (SP) und Reto Siegrist (CVP) schlagen dem Stadtrat «einen grossen Wurf» vor, wie sie es nennen: eine Überbauung zwischen Zentralschulhaus, Schöneggstrasse und Bremgartnerstrasse, die für Schule, Verwaltung, Kultur und Gewerbe nutzbar wäre.

Siegrist nennt das Projekt ein «Chamäleon»: «In den nächsten 20 Jahren könnte man den Ort als Alternativstandort für Schule und Verwaltung benutzen», sagt er. Geplant wäre auch eine Dreifachturnhalle, die heute in Dietikon fehlt. Danach würde man die Überbauung einer definitiven Nutzung zuführen. Dabei wären auch Wohnungen denkbar, die der Stadt als Einnahmequelle dienten. Die Idee, welche die drei Politiker als Postulat eingereicht haben, ist schon ziemlich weit gediehen. Neff, der ein Architekturbüro leitet, hat bereits einen ganzen Stapel von Plänen gezeichnet.

«Es geht um eine multifunktionale Struktur, die aktuellen und zukünftigen Platzbedarf der Stadt abdeckt», sagt Neff. In den nächsten Jahren sei dabei einer der grossen Vorteile, dass man sich eine ganze Menge an Provisorien ersparen könnte. Denn diese werden nicht nur für die Schüler aus dem Limmatfeld benötigt. Auch die Schulhäuser Wolfsmatt und Zentral sind bald renovationsbedürftig. Provisorien seien aber überaus unwirtschaftlich, betont Neff: «Sie kosten nur minim weniger als ein normales Gebäude und sind allgemein viel teurer im Unterhalt. Letztlich gibt man das Geld also doppelt aus.»

Peer, der sich beruflich mit Städte- und Raumplanung befasst, bezeichnet die neue Überbauung als «Puzzleteil auf dem Weg von der Agglo zur Stadt». Die Planung auf der Parzelle, die bereits heute ganz der Stadt gehört, würde mehr Weite schaffen, die Gegend aufwerten und beleben, sagt er: «Es gibt ganz viel Potenzial, welches man nutzen kann.» Weichen müssten vier stadteigene Wohnhäuser an der Schöneggstrasse. Der Verein Theater Dietikon und die Stadtmusik würden in der neuen Überbauung wieder Platz finden – wie auch andere Vereine.

Plädoyer für mehr Mut

Kosten würde das Projekt, welches laut Peer in rund fünf Jahren gebaut sein könnte, voraussichtlich etwa 45 Millionen Franken für das Gebäude, plus etwa 25 Millionen für Infrastruktur. Diese Kosten dürfe man aber nicht isoliert betrachten, sagt Finanzexperte Siegrist. «Man muss sie im Vergleich zu den Kosten sehen, die man für Provisorien ausgeben würde.»

Zudem kreiere man einen bleibenden Wert und möglicherweise später eine Einnahmequelle. Und: Die neue kantonale Rechnungslegung HRM2 führe dazu, dass im ersten Jahr nach Erstellung nur halb so hohe Abschreibungskosten anfallen würden als bisher. Vergessen dürfe man auch nicht, so Neff, dass die Stadt zwar mit der laufenden Rechnung kämpfe, bei der Investitionsrechnung jedoch ausgezeichnet dastehe. «Wenn wir etwas machen, müssen wir es richtig machen», sagt Peer. «Immer wenn die Stadt mutig war, hat sie letztlich gewonnen.»

Die Idee stösst bereits jetzt auf viel Interesse. 19 Gemeinderäte und Gemeinderätinnen aus SP, CVP, Grüne, FDP, AL, EVP und GLP haben das Postulat unterzeichnet. Auch die SVP habe positive Signale gesendet, sich aber noch an einer Fraktionssitzung absprechen wollen, so Neff. Und: Der Stadtrat habe die Annahme des Postulats in Aussicht gestellt. Es ist für die Parlamentssitzung von morgen Abend traktandiert.