Uitikon
Musiktheater: Simone Gysel hält dem Zeitgeist den Spiegel vor

Simone Gysel schuf mit «Spiegelbilder» ein hintergründiges Musiktheater.

Daniel Diriwächter
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Spiegelbilder Musiktheater
3 Bilder
Simone Gysel aus Uitikon in ihrer Rolle als Hofmarschallin
Szene aus dem Musik-Theater - die dubiosen Weberinnen sind im Anmarsch

Spiegelbilder Musiktheater

Zur Verfügung gestellt

Königin Sophia hat schon bessere Zeiten erlebt: Um ihr Land tobt der Krieg, die Midlife-Crisis hält ebenfalls Hof, und ihre überflüssigen Pfunde machen das Regieren in jeder Hinsicht schwer. Einen Ausweg aus der Misere versprechen zwei dubiose Weberinnen, denn die Königin verspricht sich mittels neuem Gewand Aufwind für die Monarchie. Das ist die Ausgangslage des Musik-Theaterstücks «Spiegelbilder – Life in the looking Glass» der Uitikerin Simone Gysel, das letzte Woche Premiere feierte.

Die Theatermacherin schuf eine musikalisch-hintergründige Version des Klassikers «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen. «Auf der Suche nach einem geeigneten Stoff gefiel mir diese Geschichte am besten, sie ist verspielt und fröhlich, bietet aber auch einen ernsthaften Inhalt», so Gysel. Bereits vor drei Jahren entwickelte sie die Idee, ein eigenes Werk zu schreiben. Dabei konnte die 47-Jährige aus einem tiefen Erfahrungsfundus schöpfen: Sie absolvierte teilweise ein Cellostudium an der Musik-Akademie Basel und bildete privat ihre Sopranstimme aus. Und Gysel komponiert fleissig Musik: Stücke für Vokalensembles oder Gedichtvertonungen gehören zu ihrem Repertoire. Ein Alleingang war die Produktion aber nicht: «Ich benötigte bezüglich kreativer Ideen wie auch organisatorisch immer wieder wichtige Inputs und Hilfe von Dritten.»

Was macht den Menschen aus?

Vor vier Jahren brachte Gysel dann ihre Kinderoper «S’Chlinä Gruseli» auf die Bühne. Ihre «Spiegelbilder» sprechen aber ein erwachsenes Publikum an und sind anspruchsvoller. «Es war zudem mein Wunsch, dass die Produktion schlank bleibt», sagt sie. Das bedeutete, dass Schauspieler diverse Rollen verkörpern wie auch gewisse Instrumente spielen. Beim Schreiben realisierte Gysel zudem, dass die Aussage der Geschichte den aktuellen Zeitgeist einfängt: Mit der Überbewertung der Schönheit, die in der Geschichte zentral ist, stellt sie die Frage, was den Menschen heute ausmacht und prangert sanft den Leistungsdruck an. «Es ist mir wichtig, dass diese Themen beim Publikum ankommen», erklärt Gysel.

Auffallend ist, dass die Produktion quasi «Frauensache» ist, ohne dies bewusst zu zelebrieren. «Für die Besetzung der Rollen wählte ich zunächst Personen, die ich kannte. Und das waren halt viele Frauen.» Auf der Bühne sind acht überwiegend professionelle Sängerinnen zu sehen, die insgesamt 17 Charaktere darstellen, inklusive Gysel selbst als Hofmarschallin. Weiter spielt sie auch die Instrumente Cello und Klavier. «Es ist mein eigener, klassischer Stil», beschreibt Gysel ihre Melodien. Regie führt Mirjam Wiggenhauser, zusammen mit Olivia Brun. «Diese Zusammenarbeit war bereichernd und ein Prozess zugleich, da ich gewisse Aspekte meiner Geschichte in ihre Hände legen musste», so Gysel.

Neuanfang in Wien

Abseits der Bühne wartet ebenfalls viel Aufregendes auf Gysel, die sonst als Juristin tätig war. Letzten Sommer zog sie mit dem Ehemann seines Berufs wegen nach Wien. «Noch konnte ich dort nicht richtig Fuss fassen, wegen der ‹Spiegelbilder› war ich oft in Zürich», erklärt sie. Wobei sie auch in Wien Theaterluft schnuppert und im Marionettentheater Schönbrunn als «Mädchen für alles» mitarbeitet. Und ist Gysel hierzulande anzutreffen, dann sicher auch in Uitikon, wo sie aufgewachsen ist und ihre Eltern leben.

Nun stehen weitere Aufführungen auf dem Programm (siehe Kontext unten). Die Suche nach der eigenen Wahrheit, das entscheidende Thema ihres Musik-Theaters, geht weiter; für die fiktive Königin Sophia als auch für Simone Gysel auf ihren Reisen nach Zürich und Wien.

Spiegelbilder – Life in the Looking Glass

Das Musik-Theater von Simone Gysel orientiert sich am klassischen Märchen «Des Kaisers neue Kleider» und stellt eine Königin in den Mittelpunkt, die mit dem Leben hadert und zwei dubiosen Weberinnen auf den Leim geht. Beide versprechen ihr ein unsichtbares Kleid, das nur derjenige sehen kann, welcher der Königin treu ergeben ist. Dies alles unter den wachsamen Augen ihrer Untertanen. Simone Gysel schrieb das Stück in drei Akten und komponierte auch die Musik dazu. Regie führt Mirjam Wiggenhauser. Die Premiere fand im Theater Stadelhofen statt.
Am 29. Mai gastiert das Musik-Theater «Spiegelbilder» im Üdikerhuus in Uitikon, Beginn 18 Uhr.
Weitere Aufführungen: 28. Mai, Kulturwerkstatt, Wil; 18. Juni, Konzertsaal Margeläcker, Wettingen; 19. Juni, Kirchgemeindehaus Liebestrasse, Winterthur. Kartenreservation unter
www.spiegelbilder.ch. (ddi)