Schlieren

Musical-Darsteller hat als Regisseur Blut geleckt – und begeistert die Kritiker

Der in Schlieren lebende Musical-Darsteller Rolf Sommer nahm erstmals im Regiestuhl Platz und inszenierte das Musical «Pippin» in Altdorf und den Kabarettabend «My Sohn, nimm Platz» in Zürich.

Rolf Sommer hätte es sich leicht machen können. Für seine erste Regiearbeit hätte er ein Zwei-Personen-Stück mit gestandenen Schauspielern aussuchen können, die den Abend quasi von alleine tragen. Stattdessen wählte er die «grosse Kiste» mit dem Musical «Pippin» und der Laien-Theatergruppe «Eigägwächs» aus Altdorf in Uri.

«Pippin» von Stephen Schwartz gilt als eines der erfolgreichsten Broadway-Stücke seiner Art und erfordert auf der Bühne ein grosses Ensemble, das sich mit Spiel, Tanz und Gesang beweisen muss. Doch: «Ich bereue meine Entscheidung keine Sekunde lang», sagte Sommer nach der Premiere, die vor einer Woche in Altdorf stattfand.

Das Musical – 1972 in New York von Bob Fosse uraufgeführt – basiert auf dem tragischen Leben von Pippin, dem Buckligen und erstem Sohn von Karl dem Grossen, der den Thron nie besteigen sollte. Das Stück hingegen meint es wohlwollender mit dem Protagonisten und lässt dessen Geschichte von Gauklern und fahrenden Artisten bunt, frei und melodiös erzählen. Mit bissigem Humor, aber auch mit Melancholie wird Pippin auf der Bühne zum Suchenden nach dem Sinn des Lebens und der Liebe.

Obwohl das Musical in den Staaten mehrfach ausgezeichnet wurde, gilt es im Rest der Welt als relativ unbekannt. Vielleicht hätte sich auch Sommer nie dermassen für «Pippin» interessiert, hätte er nicht vor vier Jahren ein Stipendium für einen mehrmonatigen Aufenthalt in New York erhalten. «Von meiner Ausbildung her als Musical-Darsteller war mir ‹Pippin› wohl bekannt, doch erst in Amerika konnte ich eine Revival-Produktion sehen und war begeistert», sagt Sommer. Damals in New York, wie auch in der folgenden Zeit, war eine allfällige Regiearbeit für ihn jedoch kein Thema.

Aus heiterem Himmel

Der gebürtige Urner hatte stets einen guten Draht zum Theaterleben in seiner Heimat sowie zur dortigen Theatergruppe «Eigägwächs», der er bei der letzten Produktion vor zwei Jahren bei den Endproben beratend zur Verfügung stand. Es sollte zudem das letzte Engagement der langjährigen Regisseurin Lory Schranz sein, eine nicht nur in Altdorf bekannte Tanz- und Theaterpädagogin. «Eines Tages wurde ich vom Vorstand der Theatergruppe angefragt, ob ich die Nachfolge antreten und bei der neuen Produktion Regie führen möchte», sagt Sommer. Die Anfrage sei für ihn wie aus heiterem Himmel gekommen.

Er habe daraufhin mit sich gerungen und sich gefragt, ob er dies bewerkstelligen könne, aber die Neugier war schliesslich grösser. Sommer sagte zu, nicht zuletzt auch, weil er selbst das Stück auswählen konnte. «Da erinnerte ich mich an ‹Pippin›, weil es für die Theatergruppe geradezu ideal war. Es bietet Massenszenen für ein grosses Ensemble und es ist einfach ein charmantes Stück», sagt Sommer. Er übernahm weiter die Übersetzung der gesprochenen Texte vom Hochdeutsch in den Urner-Dialekt und beteiligte sich am Casting.

Die Proben begannen im Frühjahr 2017 und Sommer nahm sich vor, die Philosophie und den Geist seiner Vorgängerin zu bewahren. «Für Lory Schranz war es immer wichtig, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie Menschen mit Behinderungen mitspielen können.» Also leitete auch er ein vielseitiges und ambitioniertes Ensemble. «Die Proben standen von Anfang an unter einem guten Stern und alle Beteiligten wuchsen über sich hinaus.»

«Wir entfachen Magie»

Sommer steckte viel Zeit und Energie in die Urner-Produktion, die allein am Aufwand gemessen manch andere Inszenierungen in den Schatten stellt. Während auf der Bühne Laien stehen, sind hinter der Bühne zahlreiche Profis anzutreffen, sei es in der Maske, für die Choreografie oder mit den Kostümen. Hinzu kommt die achtköpfige Band des Theaters, die bei jeder Aufführung live spielt. «Die Theatergruppe hat sich mit den Jahren einen exzellenten Ruf erarbeitet», sagt Sommer. So wurde es möglich, ein professionelles Umfeld zu schaffen. Namhafte Sponsoren finanzieren zudem die Produktion.

Guten Mutes fieberte Sommer der Premiere in Altdorf entgegen, auch wenn er sich Gedanken machte, ob alles rechtzeitig klappen würde. «Aber uns gelang eine Punktlandung», sagt Sommer. Das erste Lied des Musicals mit dem Titel «Wir entfachen Magie» habe sich bewahrheitet.

Die Kritik zeigte sich begeistert: «Ein Hauch von Broadway» lobte etwa die Luzerner Zeitung. Auch das Publikum will «Pippin» sehen; bereits seien über rund 80 Prozent der Karten verkauft, wie in erwähnter Zeitung auch zu lesen war. Keine Frage: Sommer lieferte ein fulminantes Regiedebüt – und der zweite Streich folgt auf den Fuss.

Hommage an Keiser und Läubli

Statt sich auf den Lorbeeren auszuruhen, steckt Sommer mitten in den Endproben für seine zweite Regiearbeit mit «My Sohn, nimm Platz», eine Hommage an die Kabarettisten Cés Keiser und Margrit Läubli im Theater am Hechtplatz. «Dass nun zwei Regie-Projekte fast zeitgleich am Start sind, hat sich so ergeben. Die neue Anfrage war zu spannend, als dass ich sie hätte ablehnen können», sagt er. Zwar ist die Produktion wesentlicher kleiner als jene in Altdorf, jedoch wird Sommer mit drei weiteren Kollegen selbst auf der Bühne stehen und fungiert auch als Produzent. «Es ist ein Kabarettabend mit vielen Liedern, aber wir werden Keiser und Läubli nicht imitieren, sondern versuchen mit deren teils witzigen, ernsten und absurden Texten eine eigene Interpretation auf die Beine zu stellen», sagt Sommer.

Er hat Blut geleckt

Nun steckt er zwischen zwei Premieren. «Das war nur möglich, da der Job eines Regisseurs nach der Premiere quasi beendet ist, so wie bei ‹Pippin›.» Nicht so bei «My Sohn, nimm Platz», wo er bis zur Derniere gefordert ist. Sommer könnte nun eine zweite Karriere als Regisseur in die Wege leiten. «In diesem Jahr habe ich aber noch weitere Engagements als Darsteller und ich freue mich darauf, mich ausschliesslich darauf zu konzentrieren. Aber sollte wieder eine Anfrage als Regisseur kommen, kann es sein, dass ich annehme. Denn jetzt habe ich Blut geleckt. »

Noch bis am 2. Februar ist im Theater Altdorf in Uri das Regiedebüt «Pippin» von Rolf Sommer zu sehen. Das erfolgreiche Broadway-Musical von Stephen Schwartz wird von der Theatergruppe «Eigägwächs» im Urner-Dialekt, aber mit hochdeutschem Gesang gespielt. Karten sind unter www.eigaegwaechs.ch erhältlich. Am 29. Januar feiert im Theater am Hechtplatz das Stück «My Sohn, nimm Platz» Premiere (Bild oben). Es ist die zweite Regiearbeit von Sommer und eine Hommage an die Kabarettisten Cés Keiser und Margrit Läubli. Sommer ist selbst neben Anikó Donáth, Charlotte Heinimann und Roland Herrmann auf der Bühne zu sehen. Das Stück wird an jedem Montag bis am 5. März gespielt. Karten sind unter www.theaterhechtplatz.ch erhältlich. (ddi)

Regisseur Sommer

Noch bis am 2. Februar ist im Theater Altdorf in Uri das Regiedebüt «Pippin» von Rolf Sommer zu sehen. Das erfolgreiche Broadway-Musical von Stephen Schwartz wird von der Theatergruppe «Eigägwächs» im Urner-Dialekt, aber mit hochdeutschem Gesang gespielt. Karten sind unter www.eigaegwaechs.ch erhältlich. Am 29. Januar feiert im Theater am Hechtplatz das Stück «My Sohn, nimm Platz» Premiere (Bild oben). Es ist die zweite Regiearbeit von Sommer und eine Hommage an die Kabarettisten Cés Keiser und Margrit Läubli. Sommer ist selbst neben Anikó Donáth, Charlotte Heinimann und Roland Herrmann auf der Bühne zu sehen. Das Stück wird an jedem Montag bis am 5. März gespielt. Karten sind unter www.theaterhechtplatz.ch erhältlich. (ddi)

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