Museumseröffnung
Museum of Digital Art – Verliebt in Einsen und Nullen

In Zürich West widmet sich ein neues Museum der digitalen Kunst. Eröffnet wird es von einer alten Bekannten

Sophie Rüesch
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Museum für Digitale Kunst
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Das MuDA eröffnete am Wochenende in der ehemaligen Empfangshalle des Migros-Hochhauses Herdern.
Die Nachbarschaft des MuDA könnte passender nicht sein: Gegenüber die Hochschule der Künste, rundherum Elektronikfirmen und bald das Museum für Geld.
Das Migros-Hochhaus in Zürich West wurde 1970 fertiggestellt. Der Denkmalschutz bereitete dem Direktorenduo zuerst noch Kopfschmerzen.
Caroline Hirt und Christian Etter wollten mit dem MuDA etwas europaweit Einzigartiges schaffen.
Die Fallblattanzeige musste im Herbst 2015 einem Riesen-LED-Bildschirm weichen.
Das Tessiner Künstlerduo Gysin und Vanetti hat die Tafel darauf in Schlieren gehackt, geputzt und mit poetischen Sprachtänzen bespielt.
Die Tür ist neu: Sie musste nachträglich noch vergrössert werden, weil man merkte, dass der Generalanzeiger nicht durch die alte passte.
Co-Direktorin Caroline Hirt: «Es ist eine Sache, ein Museum zu gründen – eine andere, mit einem solch gigantischen Projekt zu eröffnen.»
Im MuDA sollen pro Jahr drei Ausstellungen stattfinden. Die nächsten drei sind schon gebucht, die weiteren wird ein Algorithmus empfehlen.

Museum für Digitale Kunst

Sophie Rüesch

Der Widerspruch ist nur ein vermeintlicher: Dass das Museum of Digital Art – kurz MuDA – sich mit einem scheinbaren Opfer der Digitalisierung aus der Taufe hebt, ist gewollt.

Imposant steht sie da, im Parterre des Migros-Hochhauses in Zürich West, die altehrwürdige Fallblattanzeige, die 27 Jahre lang Millionen von Pendlern am HB den Weg zum richtigen Gleis gewiesen hatte.

Und manchmal, ganz selten, wenn etwas schiefging, auch auf seltsam poetische Irrwege: auf eine «Fahrt ins Blaue» zum Beispiel.

Im letzten Herbst wurde sie abmontiert, ein neuerer, grösserer Generalanzeiger musste her, ein Riesen-LED-Bildschirm, der das dichter werdende Verbindungsnetz flexibler bewältigen kann und genug Platz für Werbung hat.

Der HB ist nicht mehr derselbe, seit das beständige Rascheln und Rattern in der Bahnhofshalle fehlt, sagen manche.

Nun eröffnet also die Fallblattanzeige, vom Tessiner Künstlerduo Andreas Gysin und Sidi Vanetti gehackt und mit Fallblatt-Tänzchen aus Stationsnamen, Gleisnummern und Abfahrtszeiten bespielt, das neue Museum im Migros-Hochhaus Herdern.

Das Handbuch ging im Lauf der Jahrzehnte verloren; so mussten die beiden Künstler erst den Programmiercode knacken, um der 26 088 Plastikblättchen Herr zu werden. Monatelang brüteten sie in einer Halle im Gaswerkareal in Schlieren, bis die noch zwei Tonnen schwere und 13,5 Meter breite Anzeige ins Museum transportiert werden konnte.

Als man merkte, dass das Monstrum nicht durch die Tür passt, musste eine grössere eingebaut werden. «Es ist eine Sache, ein Museum zu gründen – eine andere, mit einem solch gigantischen Projekt zu eröffnen», sagt Museums-Co-Direktorin Caroline Hirt und lacht.

Caroline Hirt, Co-Direktorin «Digitale Kunst geht weit über den Bildschirm hinaus.»

Caroline Hirt, Co-Direktorin «Digitale Kunst geht weit über den Bildschirm hinaus.»

AZ

Die Genferin hat Co-Direktor Christian Etter, einen Zürcher Gamemacher, Firmeninhaber, Werber, Erfinder und Designer, bei den Swiss Game Developer Awards kennengelernt; sie koordinierte, sein Spiel «Drei» gewann.

Die beiden teilten eine Faszination für Computersprache und eine Frustration über die hiesige Museumslandschaft; die Kosmopoliten hatten sich während langen Aufhalten in aller Welt an andere Kategorien von Ausstellungen gewöhnt.

«So entschlossen wir uns, anstatt weiterhin ellenlange Beschwerdebriefe an die Museen zu schreiben, lieber selbst etwas auf die Beine zu stellen», sagt Etter.

Digitalisierung geht alle an

Das Museum für Digitale Kunst sollte etwas europaweit Einzigartiges werden: ein Ort, an dem man sich über alle Aspekte der Digitalisierung, jenseits der Wirschaftlich- und Notwendigkeit, austauscht.

Der Mensch wird zunehmend von Nullen und Einsen beherrscht – und eine solche grundlegende Umwälzung will beobachtet und hinterfragt werden, findet Caroline Hirt, die als Ethnologin jahrelang über die Beziehungen zwischen Mensch und Maschine geforscht hat.

Dies sollte aber nicht nur in der Form, die verstaubt in einem Archiv landet, gemacht werden – sondern erlebbar, fassbar, verspielt, poetisch.

Die physische Präsenz des Digitalen im Museum ist den Machern wichtig. Bildschirme haben heute alle, in der 400 Quadratmeter grossen ehemaligen Migros-Empfangshalle ist nur einer an der Kasse zu sehen.

«Digitale Kunst geht weit über den Bildschirm hinaus», sagt Hirt. Das Direktorenduo interessiert alles, das irgendwie durch Einsen und Nullen bewegt wird, einzige Voraussetzung ist ein digitaler Herzschlag.

Christian Etter, Co-Direktor «Anstatt ellenlange Beschwerdebriefe an die Museen zu schreiben, wollten wir lieber selbst etwas auf die Beine zu stellen.»

Christian Etter, Co-Direktor «Anstatt ellenlange Beschwerdebriefe an die Museen zu schreiben, wollten wir lieber selbst etwas auf die Beine zu stellen.»

AZ

«Auch die Fallblattanzeige wurde programmiert», sagt Etter – dass sie hier so hör- und greifbar dasteht und fröhlich Lautgedichte über ihre Blättchen flattern lässt, macht sie vielleicht passender zum aktuellen Dada-Jubiläumsjahr, aber nicht weniger digital.

Das Profane, als selbstverständlich Hingenommene in Poesie zu übersetzen: Das mache gute Digitalkunst aus, sagt Hirt.

Viel mehr aus dem Alltag gegriffen könnten auch die ersten Ausstellungsobjekte von Gysin und Vanetti nicht sein.

Hinter der Fallblattanzeige schnurren Busanzeigetafeln grafische Muster über einen erst von Nahem sichtbaren Pünktchenteppich, daneben schreckt einen regelmässig das Maschinengewehr-Stakkato einer Reihe ehemaliger Benzinpreis-Anzeigen auf.

Bald wird den physischen Objekten eine App zur Seite gestellt, denn jede Ausstellung im MuDA besteht aus zwei Teilen: einem, der von überall her zugänglich ist, und einem, für den man vor Ort sein muss.

Bis es diesen Ort gab, mussten die Museumsmacher allerdings etwas Geduld haben. Zwar war dank der Vermittlung durch die Wirtschaftsförderung der Stadt Zürich schnell ein Kontakt zur Migros hergestellt, die eine neue Nutzung für ihre ehemalige Empfangshalle suchte.

Dank einem verhältnismässig tiefen Mietzins, privaten Sponsoren, eigenen Reserven und einer städtischen Startsubvention für den Umbau schien auch die Finanzierung gelöst.

Doch dann verzögerten fehlende Bewilligungen für Änderungen am denkmalgeschützten 46-jährigen Gebäude den Prozess.

Das dadurch entstehende Finanzierungsloch füllte dann die digitale Gemeinschaft: 111 111 Dollar kamen per Crowdfunding zusammen – «da hat sich der letzte Spender noch einen kleinen Scherz erlaubt», sagt Etter und lacht. Damit konnte es am Wochenende endlich losgehen.

Algorithmus bestimmt Aussteller

Mit dem Start sind die Macher zufrieden. Am Eröffnungswochenende kamen bereits 600 Leute, mit 15 000 pro Jahr dürfte man durchkommen, rechnet Etter – obwohl, so genau wüssten sie ja nicht, was dabei alles noch vergessen gegangen sein könnte.

Die nächsten drei Ausstellungen sind schon geplant: Ein junges französisches Künstlerkollektiv wird Sternenmuster, die mit den Bewegungen der Besucher interagieren, über Bildschirme fliegen lassen, ein ETH-Professoren-Duo Roboter-Performances inszenieren, ein japanischer Künstler Animationen an die Wände projizieren.

Danach soll ein Algorithmus für die Direktoren herausfinden, welche Künstler zu ihrem Museum passen.

Die Fallblattanzeige soll Zürich übrigens auch nach dem Ausstellungsende im August erhalten bleiben.

Die SBB hatte das Nostalgieobjekt dem Museum geschenkt und Hirt findet, die Tafel müsse öffentlich zugänglich bleiben – da, wo sie zuhause ist.

Man sei bereits mit direkten Nachbarn im Gespräch über künftiges Asyl; und Hirt ist zuversichtlich, dass die Anzeige ihre Sprachtänzchen noch lange Zeit in Zürich West herunterrattern wird.