Herr Begovic, laut «Weltwoche» gibt es «Konzentrationen von extremistischen Islamisten und Dschihad-Sympathisanten im Limmattal und im Glattal». Wie schätzen Sie die Situation ein?

Muris Begovic*: Ich kenne die Quellen der «Weltwoche» nicht. Wir von der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) haben nichts in diese Richtung beobachtet.

Als Beispiel nennt die «Weltwoche» einen gewissen Wesam A., der von Winterthur nach Schlieren und dann weiter nach Baden zog und auf einer Reise in die Türkei Kontakt zu IS-Leuten gehabt haben soll. Sie sind Imam in Schlieren. Kennen Sie ihn?

Nein, ich kenne ihn nicht.

Kennen Sie andere Fälle von jungen Muslimen, die sich radikalisiert haben? Was geht ihrer Ansicht nach in solchen Menschen vor?

Ich kenne gewisse Fälle aus den Medien. Obwohl wir keine «Diagnose» machen können, nehmen wir an, dass diese Menschen an Perspektivenlosigkeit leiden. Sie sind oft auf der Suche nach eigener Identität, und da passiert es leider, dass die falschen Leute sie auf diesem Weg begleiten. Es sind verschiede Gründe, die dazu führen, dass sich jemand radikalisiert.

Einzelne Fälle von jungen Muslimen aus der Schweiz, die sich radikalisierten und Kontakte zu religiös motivierten Kriegern im Nahen Osten aufnahmen, sorgten in letzter Zeit vermehrt für Diskussionen. Wie hat das Ihre Arbeit als Imam und Projektleiter Muslimische Notfallseelsorge im Kanton Zürich verändert?

Unabhängig davon ist bei uns die Krise mit der Zeit zum Dauerzustand geworden. Dies ist mittlerweile Alltag, und es gehört zu meiner Berufung als Imam und Seelsorger, für Menschen in Not und in einer Krise da zu sein.

Erhalten Sie deswegen oft Anrufe besorgter muslimischer Eltern?

Wir waren in Kontakt mit Familien, deren Kinder sich radikalisiert haben oder die befürchteten, dass es in diese Richtung geht. Soweit es unsere Möglichkeiten erlaubt haben, haben wir gehandelt und geholfen. Familie, Moschee und Behörden sollen zusammenarbeiten, um Sicherheit für die Gesellschaft und die Betroffenen zu gewährleisten und Präventivmassnahmen rechtzeitig zu einleiten. Dies hat leider nicht immer funktioniert, und deshalb sind einige nach Syrien gegangen. Es gibt keine absolute Sicherheit und auch keine Versicherung, die solche Risiken deckt.

Was raten Sie in solchen Fällen?

Es gibt in solchen Fällen keine Regel. Es gibt also keine Zauberformel, die man aussprechen kann, und dann ist jemand nicht mehr radikal. Es ist ein Prozess, der zur Radikalisierung führt und somit auch ein Prozess, der zur Deradikalisierung führt.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagten Sie, sie fühlten sich mit dem Thema allein gelassen, ausser der Polizei fühle niemand zuständig. Was sehen Sie für Handlungsbedarf?

Radikalisierung ist für uns wie auch für viele Ämter ein neues Phänomen. Man ist nicht so organisiert beziehungsweise darauf sensibilisiert, um zu wissen, was genau zu tun ist. Oft ist es so, dass bei Anfragen die Antwort kommt, dass es nicht im Handlungsbereich dieses Amtes ist. Wenn man zum Beispiel in einer Gemeinde bemerkt, dass sich jemand stark verändert hat und gewisse Sympathien gewissen Gruppierungen gegenüber hat: An wen kann man sich da wenden? Ich fühle mich alleine gelassen, indem ich zwar das Vertrauen der Bevölkerung geniesse und über Fälle gewisser Veränderungen erfahre, dann aber nicht die Möglichkeit habe, weiter zu handeln. Es läuft so, dass man sich zuerst intern berät und hofft, dass dies die richtigen Schritte sind, die man macht.

Wie könnte es besser laufen?

Meiner Meinung nach ist es wichtig, eine Stelle zu schaffen, bei der ich die Zuversicht und das Vertrauen habe, dass das Richtige unternommen wird, oder eine professionelle Beratung bekomme. Man muss sich die Frage stellen, wie muslimische Jugendarbeit gefördert und nicht nur gefordert werden kann.

*Muris Begovic ist Sekretär der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich und zweiter Imam der bosnischen Moschee in Schlieren. Zudem leitet er das Projekt Muslimische Notfallseelsorge Zürich. Das Interview wurde schriftlich geführt.