Schlieren
Mundart statt Hochdeutsch: Volksentscheid hemmt Sprachförderung

Seit Anfang dieses Schuljahres gilt in Kindergärten gemäss Lehrplan «grundsätzlich» Mundart als Unterrichtssprache. So will es ein Volksentscheid vom 15. Mai 2011.

Florian Niedermann
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Kindergärten, die dem Programm «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims) angeschlossen sind, setzten bisher hauptsächlich auf Hochdeutsch. Nur einzelne Unterrichtssequenzen hielten die Lehrkräfte auf Schweizerdeutsch. So sollten auch fremdsprachige Kinder auf den hochdeutschen Unterricht der Primarschule vorbereitet werden.

Mit der Mundart-Regelung gehe ein wichtiger Bestandteil des Quims-Konzepts verloren, sagt Eveline Marcarini, Schulleiterin des Schulhauses Zelgli: «Die Unterrichtssprache Hochdeutsch war gerade im Fall der Fremdsprachigen ein effizientes und vor allem kostengünstiges Mittel zur Förderung der Sprachkompetenz.» Bei einem Fremdsprachigenanteil von über 60 Prozent betrifft die gegenwärtige Sprachumstellung im «Zelgli» die Mehrheit der Kinder.

Einzelne Unterrichtssequenzen auf Hochdeutsch

Im Lehrplan ist davon die Rede, dass im Kindergarten als «Unterrichtssprache grundsätzlich die Mundart zu verwenden», sei, dass aber auch weiterhin Unterrichtssequenzen in Hochdeutsch möglich seien, sofern sie sich auf «Situationen mit klarem Bezug zu hochsprachlichen Vorgaben oder Situationen» beschränken. Im Klartext heisst das: Es wird zum Beispiel weiterhin auf Hochdeutsch vorgelesen und auch beim Zitieren von Versen oder bei Rollenspielen sprachlich umgestellt.

In Schlieren wurden die Lehrkräfte im Kindergarten schon vor dem Beginn des neuen Schuljahres über die neuen Bedingungen betreffend der Unterrichtssprache informiert. Auch seien einige Anpassungen im Unterricht vorgenommen worden, sagt Marcarini. «Wir halten die Lehrkräfte etwa dazu an, gegenüber den Kindergärtlern noch bewusster zu deklarieren, wenn man in unterschiedlichen Unterrichtssequenzen zwischen Mundart und Hochdeutsch wechselt.» Wie genau man die Umstellung bei der Förderung der Sprachkompetenz ausgleichen werde, stehe derzeit noch nicht fest, so Marcarini. Um zusätzliche konkrete Massnahmen zur Sprachförderung erarbeiten zu können, müssten während der nächsten zwei oder drei Jahre erst die Auswirkungen des sprachlichen Dogmenwechsels eruiert werden.

Ist Quims unter den neuen Bedingungen überhaupt noch durchführbar? «Sicher», sagt Marcarini, «all die anderen Ziele und Methoden bestehen auch weiterhin.» Dazu gehören etwa die Integration der fremdsprachigen Kinder, die Förderung der Sozialkompetenz, die Weiterbildung der Eltern zur Unterstützung ihrer Kinder und das Wecken der Freude an der Sprache über intensiven Kontakt mit Büchern oder Autorenlesungen.

Angst statt Kind stand im Zentrum

Marcarini kritisiert, dass der Abstimmungskampf vor der Mundart-Initiative stark von Emotionen geprägt gewesen sei: «Es ging dabei in erster Linie um Ängste und den Schutz der eigenen Kultur. Das Kind und seine Förderung gingen dabei vergessen.» Ungeklärt ist derzeit auch, wie sich deutsche Lehrkräfte in den Schweizer Kindergärten in dieser neuen Situation verhalten sollen. «Sie müssen sich genauso anpassen», sagt Marcarini. «Man müsste dazu wohl Schweizerdeutschkurse anbieten. Bisher habe ich aber nichts Konkretes gehört.»