Dietikon
Müller-Drossaart: «Die Aufwühl-Energie der SVP muss man genau beleuchten»

Weder in seinen Filmen noch in seinen Bühnenprogrammen geizt Hanspeter Müller-Drossaart mit kritischen Bemerkungen. Dass ihm deswegen auch schon Auftritte verwehrt wurden, nimmt der Dietiker Schauspieler in Kauf.

Alex Rudolf
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Der 58-Jährige schreckt vor satirischen Kommentaren nicht zurück: Ziel ist oft die SVP.

Der 58-Jährige schreckt vor satirischen Kommentaren nicht zurück: Ziel ist oft die SVP.

Chris Iseli

Wir können ja so tun, als wäre Sommer, sagt Hanspeter Müller-Drossaart, als es darum geht, ob das Interview draussen oder drinnen abgehalten wird. Vor einem Café beim Dietiker Bahnhofplatz – bei kühlen Temperaturen und Nieselregen – Platz genommen, bemerkt der Schauspieler mit dem Blick auf eine herumliegende Zeitung, dass dies eine traurige Woche sei.

Warum?

Hanspeter Müller-Drossaart: Weil sich Robin Williams das Leben genommen hat.

Waren Sie ein Fan?

Mit dem Begriff Fan assoziiere ich Fankurven und La-Ola-Wellen. Nicht dass ich kein Verständnis für die Fussballleidenschaft hätte, aber mein Respekt für den grossen Schauspieler ist differenzierter geprägt: Robin Williams war ein berührender Darsteller und brillanter Komiker.

In der neuen Roman-Verfilmung von Martin Suters «Der Koch» spielen Sie Eric Dalmann, einen skrupellosen Schweizer Waffenhändler. Wie war es für Sie, den Bösewicht zu spielen?

In eine Rolle zu schlüpfen, die den Zuschauer durch ihr Handeln schmerzhaft berührt, ja sogar zur Ablehnung anregt, war für mich eine tolle Herausforderung. Menschliche Abgründe bestimmen uns genauso wie glückliche Tage. Dalmann zu spielen war für mich eine willkommene Möglichkeit, eine gesellschaftlich relevante Aussage zu machen.

Und lustige Rollen auf der Bühne oder im Film haben diese Relevanz nicht?

Es ist eine andere Form von Bedeutung. Von vornherein ist dem Zuschauer klar, dass die humorvolle Darbietung nicht schmerzen wird. Das heisst aber nicht, dass diese Spielfiguren nicht wichtig sind, sie kommen in der Komödie nur leichtfüssiger daher.

Zurzeit besuchen Sie Schweizer Open-Air-Kinos und bewerben dort die Vorpremieren von «Der Koch». Wie reagieren die Kinobesucher auf den Film?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil ich mir den Film nicht anschaue. Ich sage dem Publikum jeweils schlitzohrig, wenn ich bei ihnen hocken bleiben würde, dann dürften sie aus Freundlichkeit mir gegenüber den Film ja gar nicht schlecht finden (lacht). Von den Veranstaltern habe ich aber vernommen, dass er gut ankommt.

Martin Suter ist einer der bestgelesenen zeitgenössischen Autoren der Schweiz. War es für Sie ein Ritterschlag, bei einem Film mitzumachen, der auf einem seiner Bücher basiert?

Als Schauspieler ist es spannend und erweiternd, mit herausragenden Partnern zusammenzuarbeiten. Suters differenzierter Roman hat mir für mein Spiel umfangreiches Material für die Backstory der Figur zur Verfügung gestellt. Ich hoffe, dass ich auch meinerseits der Rolle Dalmann etwas Unverwechselbares mitgeben konnte.

Lesen Sie viele Suter-Bücher?

Ich habe einige Werke von ihm gelesen. Suter ist ein hochintelligenter und gewitzter Zeitgenosse, der einiges zur Welt zu sagen hat und dessen Werke ich nicht missen möchte.

In einem Interview schlugen Sie auch kritische Töne an. Sie sagten, dass er zwar oft nahe ans Drama herankomme, aber nie wirklich darin eintauche.

Zeitungen sind darauf aus, angriffige Aussagen zu finden und diese «aufrührerisch» zu verbreiten. «Schaut, der Müller-Drossaart schimpft!» So viel dazu. Nur weil Martin Suter anders als Markus Werner oder Lukas Bärfuss schreibt, macht ihn das nicht irrelevant. Was ich in diesem Interview aussagen wollte, war, dass es noch andere Werke von talentierten Schweizer Autoren gibt.

Generell ist Kritik als Kulturschaffender schwierig. In Ihren Bühnenprogrammen nehmen Sie die SVP auf die Schippe, und vor den letzten Abstimmungen veröffentlichten Sie einen politischen Werbespot gegen das Anliegen der Volkspartei. Führt dies dazu, dass SVP-Wähler Ihre Filme und Ihre Bühnenprogramme meiden?

In meinem neuen Programm «Himmelhoch» behandle ich natürlich auch die Auswüchse der Rechts-Konservativen satirisch und angriffig. Tatsächlich hatten mich zwei Gemeinden angefragt, ob ich es bei ihnen aufführen würde. Nachdem sie es aber gesehen hatten, sagten sie mir ab, aus Angst davor, ihre rechten Wähler zu vergraulen. Dies nehme ich aber in Kauf, da ich finde, man muss Stellung beziehen.

Auch mit finanziellen Einbussen als Folge?

Diese Aufwühl-Energie der SVP muss man genau beleuchten. Diese oft rein populistisch operierende Partei prophezeit simplifizierte Zukunftsszenarien. Die ernst zu nehmenden Ängste der Bürger sollen so für die Parteiinteressen instrumentalisiert werden.

Andere Schauspieler wagen sich weniger auf die Äste als Sie. Gibt Ihnen das zu denken?

Viele Wege sind möglich. Ich bin kein isolierter «In-mich-Spieler». Um wahrhaftig zu spielen, muss ich zum Umfeld, in dem ich lebe, und zu den gesellschaftlichen Bewegungen eine persönliche Haltung einnehmen. Diese muss für den Zuschauer einsehbar und verständlich sein. Nur so kann ich universelle Ausdrücke produzieren und Fragen stellen, die vielleicht auch andere betreffen. Somit beteilige ich mich an einem sozialen Dialog. Gleichzeitig brauche ich eine unabhängige Position. Mir ist wichtig, dass ich eine Aussensicht auf die Dinge habe. Würde mir beispielsweise Christoph Blocher als Rolle angeboten, dann ginge ich sicher nicht mit ihm grillieren, weil er mir vermutlich als menschlich-charismatischer Alpha-Hirsch gefallen würde. Dann könnte ich sein politisches Wirken aus Treue zu ihm nicht mehr kritisch hinterfragen.

Ihre Kinder strecken beide die Fühler in Richtung Schauspielerei aus. Tochter Daphne und Sohn Livius bereiten derzeit mit der «Theateria» einen Film vor. Sind Sie stolz oder beunruhigt?

Ich freue mich und bestärke sie dabei. Die Schauspielerei ist ein grossartiger Beruf. Ich sage unsern Kindern aber auch – das hören sie ungern –, dass das Film- und Theatergeschäft sehr unstet ist und dass man bei der Berufswahl den ökonomischen Aspekt im Auge behalten muss. Ich möchte meinen Kindern die ständige finanzielle Unsicherheit nicht zumuten.

Sie als Vorbild könnten trügerisch sein, so viel beschäftigt, wie Sie sind.

Dies liegt daran, dass ich mich nicht auf einen Zweig fokussiere, sondern eine Vielzahl Projekte verfolge. Ich habe so viele Interessen und Ideen. Auf meinem Grabstein wird ganz sicher mal stehen: Er ist nicht fertig geworden.