Urdorf
Mulihufe statt Traktorräder: Der Boden dankts

Heinrich Ungricht bewirtschaftet seine Waldparzelle seit etwa zehn Jahren wie in alten Zeiten — mit Maultieren. Dies schont den Waldboden. Schweres Gefährt hingegen ist ihm ein Graus.

Franziska Schädel
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Maultiere können bis zu 45 Jahre alt werden.
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Balthasar gehorcht aufs Wort – die Verständigung zwischen Mensch und Tier ist essentiell, um Unfälle zu vermeiden.
Heinrich Ungricht ist Mitglied der Interessensgemeinschaft Maultier und ist sichtlich angetan von den starken robusten Tieren.
Balthasar hat die Stärke seiner Freiberger Mutter geerbt, die langen Ohren und die Trittsicherheit von seinem Vater; einem Esel.
Die Hufspuren von Maultieren sind für den Waldboden nicht schädlich und bereits nach kurzer Zeit verschwunden. Werden die Stämme mit schweren Maschinen abtransportiert, kann die Erholungsphase für die betroffenen Stellen bis zu 20 Jahre dauern.
Maultier Limmattal
«Ich habe den Wald immer zum Wohle des Waldes bewirtschaftet und nie zugunsten meines Portemonnaies.»

Maultiere können bis zu 45 Jahre alt werden.

Franziska Schädel

Im Honeretwald, oberhalb von Urdorf, scheint die Zivilisation weit weg. Vögel pfeifen, das Sonnenlicht wirft Schattenspiele auf den Waldboden. Von ferne nur hört man die Autobahn rauschen. Balthasar arbeitet hart. Baumstamm um Baumstamm zieht er durch das Unterholz auf den Waldweg und weiter dorthin, wo bereits eine stattliche Anzahl Stämme auf den Weitertransport warten.

Balthasar ist ein Maultier. Er ist gross und stark wie seine Freiberger Mutter, seine langen Ohren aber hat er vom Vater, einem Esel, geerbt. Balthasar wartet geduldig, bis Heinrich Ungricht den nächsten Baumstamm an der Forstkette befestigt hat und «Hü, Pesche!» sagt. Das Maultier senkt den Kopf, stemmt seine Hufe in den Boden und zieht.

«Maultiere sind gescheit und denken mit. Ist ein Stamm zu schwer, ziehen sie nur zweimal an. Dann weiss auch ich, dass wir es kein drittes Mal versuchen müssen», lacht Ungricht und klopft Pesche, wie er Balthasar nennt, anerkennend den Hals.

Maultiere, erklärt er, haben die Trittsicherheit, die Genügsamkeit und die langen Ohren vom Esel. Sie sind aber etwas weniger eigensinnig als diese und daher einfacher im Umgang. Pesche ist 17 Jahre alt und hat noch eine lange Lebenserwartung. «Maultiere können gut und gerne 45 Jahre alt werden. Manche von ihnen arbeiten bis zum letzten Tag, ohne einmal krank zu werden», so Ungricht.

Er ist Mitglied der Interessensgemeinschaft Maultier und kommt ins Schwärmen, wenn er von diesen Tieren erzählt.

Wie ein Relikt aus alten Zeiten

Von seinem Vater hat Ungricht im Honeretwald eine Waldparzelle und die Korporationsrechte an einer benachbarten Parzelle geerbt, die er im Auftrag der Holzkorporation ebenfalls pflegt und bewirtschaftet. Lange Zeit hat er die Baumstämme in seiner eigenen Schreinerei verarbeitet. Heute aber verkauft er das Holz. Vor etwa 10 Jahren, nach einem Kurs im Emmental, begann er, seinen Wald mit Maultieren zu bewirtschaften, die er sich jeweils im Winter für diese Arbeit ausleiht.

In Zeiten, in denen die Holzbranche im Parlament für Beiträge an zusätzliche Waldwege lobbyiert und die Erhöhung des zulässigen Gesamtgewichts für Holztransporte von 40 auf 44 Tonnen fordert, klingt dies wie eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten.

Ungricht wird nachdenklich, wenn er von den schweren Vollerntern erzählt. «Fährt ein solches Gerät bei Regen in den Wald, steht in den Reifenspuren über 20 Jahre lang das Wasser, weil der Boden so verdichtet ist. Schleppt ein Maultier die Stämme aus dem Wald, ist dies dem Boden schon nach kurzer Zeit nicht mehr anzusehen.» Ungricht ärgert es, dass die Holzindustrie so zwar eine höhere Rendite erzielen kann, die Schäden am Boden und an den Wegen aber die Waldbesitzer und die Allgemeinheit tragen müssen.

«Steh!», ruft Ungricht und Pesche bleibt bocksteif stehen. «Es ist wichtig, dass er gehorcht. Wenn ich meine Finger zwischen den Ketten habe oder mit den Beinen am falschen Ort stehe und das Tier zieht an, kann es schnell zu einem Unfall kommen.»

Seine Liebe zum Wald hat Heinrich Ungricht schon als Kind entdeckt. In Urdorf aufgewachsen, durfte er dem Grossvater als 12-Jähriger bei Forstarbeiten zur Hand gehen. Zwar habe er sich als junger Mann dann weniger für Pferde, dafür mehr für schnelle und starke Motoren interessiert. Und: Früher habe auch er das Holz noch mit Traktoren aus dem Wald geschleppt. «Aber nur, wenn der Boden trocken oder gefroren war», präzisiert er und ergänzt: «Ich habe den Wald immer zum Wohle des Waldes bewirtschaftet und nie zugunsten meines Portemonnaies.»

Während Ungricht erzählt, zupft Pesche Heu aus einem Netz und scharrt dann und wann ungeduldig mit dem Huf. Plötzlich schrillt der Lärm einer Kreissäge durch den Wald. Pesche hebt den Kopf. Mit der Stille ist es vorbei. Auf einer benachbarten Waldparzelle sind Männer mit Helm, Schutzbrille und lärmigen Traktoren eingetroffen.

Heinrich Ungricht wird seinen Wald, so lange er kann, mithilfe eines Maultiers bewirtschaften. «Das ist für mich Hobby, Überzeugung und Spass», sagt er. Pesche schnaubt und wackelt mit seinen langen Ohren.