Limmattal

Mühe mit der Nachwuchssuche: Männerchöre kämpfen gegen ihr Verstummen

Nach 135 Jahren beschloss der Männerchor Dietikon seine Auflösung. Vom Problem des ausbleibenden Nachwuchses können auch andere Limmattaler Männerchöre ein Lied singen.

Bedrückende Stille habe im Saal geherrscht, als der Vorstand des Männerchors Dietikon seinen Entscheid bekannt gab. Nachdem dieser sich während der Generalversammlung vom 11. März kurz zur Beratung zurückgezogen hatte, verkündete er den Mitgliedern die Auflösung des 1881 gegründeten Vereins. 25 Mitglieder zählte der Verein in seinem letzten Jahr. Zu Blütezeiten stimmten 55 Sänger in die Lieder ihrer Konzerte ein. «Dass die Auflösung bevorsteht, hat sich schon kurz nach der Generalversammlung 2015 abgezeichnet, da mehrere Mitglieder des Vorstandes und der Musikkommission auf 2016 ihren Rücktritt ankündigten», sagt Bobby Kölzer, der bis am Ende im Vorstand war. Die meisten der Mitglieder, deren Altersspanne von 62 bis 87 Jahren reicht, hätten in ihrer Vereinskarriere bereits ein Amt innegehabt, weshalb der Chor auf Neurekrutierungen hoffte. Doch diese blieben aus.

In der Vergangenheit hat der Dietiker Verein immer wieder Aktionen zur Attraktivitätssteigerung gestartet. «Vor elf Jahren versuchten wir, modernes Liedgut wie Musicalstücke oder Schlager zum klassischen Chorgesang ins Repertoire aufzunehmen», sagt Kölzer. Der Versuch führte jedoch nicht zum erhofften Zulauf. Stattdessen befanden sich Mitglieder und Publikum bald in einer Identitätskrise: «Das ist nicht mehr der Männerchor», zitiert Kölzer eine Reaktion auf ein damaliges Konzert. Ein Teil der Sänger wollte mit der neuen Varietät weiterfahren, der andere zurück zum Ursprung. Der Bruch, der im Jahr 2009 folgte, sei der Anfang vom Ende gewesen, sagt Turi Portmann, der im Verein als Chronist fungierte: Der langjährige Dirigent habe den Chor verlassen und der Verein sich in zwei Lager gespalten.

Rabiate Methoden

Eingetreten war Portmann 1983, weil er nach seinem Rücktritt aus dem Dietiker Gemeinderat eine Ersatzbeschäftigung suchte. Aus eigener Initiative seien jedoch die wenigsten zu Männerchoristen geworden. Waren sie erst einmal an der Schnupperprobe, konnten sie sich fürs gemeinsame Singen aber schnell begeistern. Die Mitgliedersuche sei schon immer harte Arbeit gewesen, sagt Ex-Vorstandsmitglied Christian Steiner, der sich im Rahmen seines Amts um neue Mitglieder bemühte. Er selber wurde von zwei Sängern seiner Wohngenossenschaft über lange Zeit bearbeitet, bis er dem Verein beitrat. Ähnlich klingt die Geschichte vom ehemaligen Musikkommissions-Mitglied Bruno Leber, den ein Mitglied über zwei Jahre lang auf dem gemeinsamen Arbeitsweg bestürmte.

Von stählernen, aber effektiven Methoden weiss auch Bobby Kölzer zu berichten. Der damalige Präsident des Männerchors war sein Nachbar und klingelte an einem Tag im Jahr 1983 an seiner Tür, um ihn zum Besuch einer Probe zu animieren. «Eigentlich hatte ich kein Interesse, denn ich spielte schon Fussball und Tischtennis.» Als Kölzer einwilligte, liess man ihn zur Sicherheit am nächsten Montag zur Probe abholen. «Dort setzten sie mich zwischen zwei alteingesessene Chormitglieder, die mir bei jedem falschen Ton den Ellbogen in die Seite rammten», sagt Kölzer. Als er sich am Montag darauf nicht blicken liess, folgte die telefonische Mahnung prompt. Trotz blauer Flecken funktionierte die Methode.

Neue Mitglieder finden zu müssen, sei bei Männerchören ein Dauerthema, sagt Paul Burch, Präsident des Männerchors Engstringen. Für die Mitgliederwerbung würden sie vor allem auf ihre Auftritte wie die gestrige Herbst-Serenade setzen. Wenn sie ein Konzert geben, hoffen sie die Mitteilung auszusenden: «Trau dich, mitzumachen». Der Vorstand des kleinen Chors von 23 Mitgliedern kennt laut Burch keine Nachwuchsprobleme.

Zu Besuch bei einer Probe des Männerchors Schlieren

Zu Besuch bei einer Probe des Männerchors Schlieren

Der Schlieremer Männerchor hat kürzlich eine Kampagne mit dem Titel «Singen verbindet» gestartet, im Rahmen derer auf Stadtgebiet Plakate angebracht und Broschüren verteilt wurden. «Mit 50 Mitgliedern stehen wir derzeit recht gut da», sagt Präsident Jürg Hiltmann. Mit einem Altersdurchschnitt von knapp 70 Jahren müssten aber jüngere Mitglieder zwischen 40 bis 60 Jahren gefunden werden, um den Weiterbestand langfristig zu garantieren. Die Schlieremer Männer singen traditionell Lieder aus allen Musiksparten. Neben klassisch-kirchlichem Chorgesang geben die Sänger auch Popsongs wie «Männer» von Herbert Grönemeyer zum besten. Damit decken sie einen breiteren Sänger- und Publikumsgeschmack ab, kommen aber trotzdem nicht um aktive Mitgliederwerbung herum.

Schon immer ein Aufwand

«Zu keinem Zeitpunkt sind einem Männerchor die Mitglieder einfach zugelaufen», sagt Hiltmann. Laut Vereinskollege Oscar Bühler ging man schon früher nicht zimperlich vor, wenn es um das Anwerben von Neuzugang ging. «Ohne Gegenbericht werden Sie am Dienstagabend von zwei Kollegen abgeholt», sei früher in den Willkommensbriefen an potenzielle Neusänger gestanden.

Dass auch die Auflösung eines Vereins mit grossem Aufwand verbunden ist, zeigt die dreiseitige Pendenzenliste des Dietiker Vereins: «Kündigung Kartell der Ortsvereine», «Kündigung Postadresse» und «Wanderpokal vom Kegeln entsorgen» steht unter anderem darauf. Dass ihr Pokal in den Abfall wandert, bedeute diese Notiz natürlich nicht, beteuert Kölzer. Der sei dem Dietiker Ortsmuseum versprochen.

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