Sechseläuten
Morgen ist es wieder so weit: Das Limmattal kommt zum Böögg

Seit Jahren geben Limmattaler, ihre Musiker und Pferde dem Sechseläuten das gewisse Etwas – morgen ist es wieder so weit. Den Sechseläuten-Marsch werden sie rund 30- bis 50-mal spielen.

Gioia Lenggenhager
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Der Böögg wird verbrannt

Der Böögg wird verbrannt

Die Harmonie Birmensdorf ist das Zunftspiel der Zunft zur Meisen. Die Musiker aus Birmensdorf werden besonders chic in weissen Lockenperücken und blauen, langen Mänteln auftreten. Dabei wirken sie wie mittelalterliche Edelpiraten aus einem Blockbuster.

Urs Dannenmann, Präsident der Harmonie Urdorf, wird seinen Musikkorps in dem Kostüm der Zunft zur Zimmerläuten anführen. Wegen der neuen Marschmusikregeln würden einige Musiker zwar ab und zu noch aus der Reihe tanzen, sagte Dannenmann nach der ersten Marschmusikprobe letzte Woche, doch er war optimistisch: «Bis zum Montag kriegen wir das locker hin.» Die Harmonie wird eine gute Gattung machen, dessen ist sich Dannenmann sicher.

Zunehmen ist untersagt

Derweil machte er sich über andere Probleme Gedanken: «Beim Anprobieren der historischen Kostüme – knielange Pluderhosen, lange Oberkörperhemden und blaue Blusen – merken wir jeweils, ob wir seit dem letzten Sechseläuten zugenommen haben. Wir dürfen auf keinen Fall dicker werden», sagte Dannenmann. Ein neues Kostüm würde schnell weit über 1000 Franken kosten. Das historische Gewand zu tragen, sei für ihn Jahr für Jahr eine grosse Ehre.

Als Mitglied der Zunftmusik bekomme man einen Insider-Einblick in die Zünfte. Deshalb erfahre die Harmonie vor dem Sechseläuten jeweils regen Zulauf von Aushilfsmusikern, sagte Dannenmann. Natürlich sei man besonders stolz, unter der Flagge der Zunft zur Zimmerläuten spielen zu dürfen. Die Zunftstube direkt am Limmatquai sei eine der ältesten und schönsten. Von dem Schock im November 2007, als das Zunfthaus in Flammen aufging, habe man sich inzwischen gut erholt. Die Zunftstube sei originalgetreu nachgebaut, versicherte Dannenmann.

Synergie geht auf das Jahr 1986 zurück

Die Synergie der Harmonie Urdorf und der Zunft zur Zimmerläuten geht auf das Jahr 1986 zurück. In einem offiziellen Brief wurde der Musikverein eingeladen, als Zunftspiel zu kandidieren. Die Nachricht versprach den Musikern einen tiefen Einblick in das Zunftleben. «Das Musikkorps soll nicht nur ein vielseitiges und gekonntes Spiel bieten, sondern sich auch als selbstbewusster Verein am Sechseläuten in die Zunft integrieren», schrieb Hannes Hofmann.

Die Tradition des Sechseläutens ist für die Musikvereine aber kein Zuckerschlecken. An einem durchschnittlichen Sechseläuten-Montag spiele die Zunftmusik den Sechseläuten-Marsch bestimmt 30- bis 50-mal, schätzte Dannenmann. Der Tag könne darum für die Musiker zu einem richtigen Marathon werden. Das Sechseläuten sei zwar ein besonders schöner, aber auch ein besonders strenger Anlass. Trotzdem freue er sich auf die einmalige Atmosphäre in den Zunftstuben und die mittelalterliche Stimmung in der Innenstadt, wenn keine Trams die Strassen durchschneiden, sondern die Zünftler mit Laternen durch die Gassen Zürichs ziehen.

Auch die Stadtmusik Dietikon rühmt sich für ihre 51-jährige Freundschaftsbeziehung mit der Zunft zum Kämbel. Mirjam Leitner, Präsidentin der Stadtmusik, schätzt das wetteranpassungsfähige Kostüm der Kämbler. Unter den weiten Pluderhosen könne man gut entweder viel oder fast gar nichts tragen. Das dürfte ein grosser Vorteil sein, denn Petrus scheint dieses Jahr kein Erbarmen für die Zünftler zu haben. Die Wetterprognose verspricht kaltes und nasses Aprilwetter. Doch die Witterung soll der Stimmung keinen Abbruch tun. «Die Vorfreude ist riesig», sagte Leitner, «uns bleibt kaum Zeit für Lampenfieber».

Marsch kann einem nicht auf den Wecker gehen

Obwohl man den Sechseläuten-Marsch oft, viel und lange im Ohr habe, könne einem ein solches Musikstück gar nicht auf den Wecker gehen, sagte Leitner. Der Marsch wird auf der Internetseite der Sechseläuten-Organisation als international angepriesen: «Er hat eine russische Mutter mit französischem Einschlag sowie einen preussischen Vater mit englischer Verwandtschaft und ist heute ein angesehener Schweizer Bürger und Stadtzürcher!»

Auch die Mitglieder der Harmonie Schlieren kennen den Marsch bald auswendig. Seit 44 Jahren begleiten die Schlieremer Musiker die Zunft zum Widder. Unter der Leitung von Arthur Bopp, des damaligen Präsidenten der Harmonie, sicherte die Harmonie der Zunft ihre musikalische Unterstützung nur unter der Auflage zu, dass die einzige Frau, die damals in der Harmonie mitspielte, den Eintritt in die Zunftstube garantiert bekam.

Frauen haben es schwer

Heute kann man zwar über solche Anfangsquerelen lächeln, doch das Zunftwesen ist nach wie vor fest in männlicher Hand. Die Frauengesellschaft zu Fraumünster wird am diesjährigen Umzug nicht am offiziellen Umzug in der Reihe der Zünfte mitmarschieren, wie sie das letztes Jahr durften. Die Frauen und Eveline Widmer-Schlumpf als Ehrengast werden vor den Zünftlern ihren eigenen Umzug durchführen. Als Frau hat man bis heute einzig die Chance, offiziell in der Zunftstube auftreten zu dürfen, wenn man entweder als Ehrengast eingeladen wird oder in einer Zunftmusik mitspielt.

Die Musikvereine sehen dieses Teilnahmerecht als Privileg. «Für mich als Nicht-zünftler ist es eine grosse Freude, das Sechseläuten an vorderster Front hautnah mitzuerleben», sagte Marco Lucchinetti, Präsident der Harmonie Schlieren. Auch er betonte die freundschaftliche Zusammenarbeit des Musikvereins und der Zunft. So habe die Zunft zum Widder der Harmonie zum 40. Jahrestag der Synergie ein neues Schlagzeug gesponsert.