Dietikon
Moorschutzverordnung festgelegt: In der Silbern geht es vorwärts

Der Kanton setzt die Schutzverordnung für das Dietiker Flachmoor fest – nun sind alle Blicke auf «Birdlife» gerichtet.

Alex Rudolf und Bettina Hamilton-Irvine
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Weil die Moorschutzverordnung fehlte, war die Entwicklung im Gebiet Silbern jahrelang blockiert.

Weil die Moorschutzverordnung fehlte, war die Entwicklung im Gebiet Silbern jahrelang blockiert.

Sandra Ardizzone

Mit einer Verspätung von 20 Jahren liegt sie nun vor, die Schutzverordnung für das Dietiker Flachmoor im Industriegebiet Silbern. Schon 1994 ordnete der Bund die Kantone an, ihre Flachmoore von nationaler Bedeutung zu schützen, und gab ihnen dafür drei Jahre Zeit. Statt 1997 wurde die Dietiker Verordnung jetzt, 2017, festgesetzt, wie die Baudirektion gestern mitteilte.

Seit der öffentlichen Auflage der Verordnung vor einem Jahr seien inhaltlich keine substanziellen Anpassungen vorgenommen worden, sagt Wolfgang Bollack, Sprecher der kantonalen Baudirektion. Er betont: «Bei der Schutzverordnung handelt es sich um einen ausgewogenen Kompromiss zwischen den unterschiedlichen Interessen.»
Als der Entwurf öffentlich aufgelegt wurde, sah Birdlife Schweiz dies anders und äusserte harsche Kritik daran. So sei etwa die Pufferzone rund um das Moor zu schmal, Angaben zu Gebäudeabständen zum Wald fehlten, die Beibehaltung der Fischerei sei nicht mehr zeitgemäss und die Auszonung von Kehrichtverbrennung- und Kläranlage widerspreche dem Moorschutz.

Schön, aber ärgerlich

Erste Reaktionen aus der Region fallen gemischt aus. Die Dietiker SP-Kantonsrätin Rosmarie Joss, die den Regierungsrat schon vor drei Jahren in einem Postulat aufforderte, endlich die Verordnung zu erlassen, sagt, es sei zwar schön, dass diese nun endlich vorliege, aber ärgerlich, dass das Ganze derart lange gedauert habe. «Man hat den Eindruck, dass das Geschäft nicht sehr vordringlich war.» Nach der ersten Sichtung grundsätzlich zufrieden ist der Dietiker Stadtpräsident Otto Müller (FDP).

Eine genaue Analyse der Unterlagen folge jedoch noch. Legt innerhalb der 30-tägigen Frist niemand Rekurs ein, kann sich die Stadt an die Anpassung des Gestaltungsplans für das Gebiet Silbern-Lerzen-Stierenmatt (SLS) machen. Dieser ist derzeit sistiert, da Birdlife und Pro Natura aufgrund der fehlenden Schutzverordnung dagegen rekurrierten. Laut Müller beschränken sich die Anpassungen des Gestaltungsplans auf wenige Punkte. Nach Inkrafttretung der Schutzverordnung dauere der Planungs - und Bewilligungsprozess noch etwa ein bis zwei Jahre.

«Man hat den Eindruck, dass das Geschäft nicht sehr vordringlich war.»

Rosmarie Joss, SP-Kantonsrätin

Von Bedeutung ist die Situation im Gebiet SLS auch für die Schule Dietikon, die dort gerne ein Schulhaus bauen würde, jedoch blockiert war. So lange man noch nicht wisse, ob ein Rekurs gegen die Verordnung eingehe, ändere sich daran auch jetzt noch nichts, sagt Schulpräsidenten Jean-Pierre Balbiani (SVP) auf Anfrage: «Die Unsicherheit bleibt.» Die Arbeitsgruppe Schulhaus habe ihre Arbeit sistiert und nehme sie erst wieder auf, wenn die Vorlage rechtsgültig sei.

Qualitative Entwicklung erhofft

Erleichtert über die jüngste Entwicklung ist dafür Urs Jenny, der als Präsident der IG Silbern mehr als 60 Grundeigentümer des Quartiers vertritt. «Die Rechtsunsicherheit der vergangenen Jahre hat unsere Mitglieder stark beschäftigt und sorgte für grosse Unzufriedenheit», sagt er. Zumindest zum Zeitpunkt der öffentlichen Auflage sei die Verordnung im Hinblick auf die Entwicklung von Grundstücken und Liegenschaften teilweise stark einschränkend gewesen. «Bezüglich der Bauhöhe, Anzahl Fenster und Abstände der Baulinien sah man schon damals, dass das Korsett eng ist», sagt er.

Dass jedoch ein Mitglied der IG Silbern Rechtsmittel gegen die Vorlage ergreifen werde, hofft er nicht, da dies den Zustand der Ungewissheit nur verlängern würde. Dass es, wenn der Gestaltungsplan festgesetzt ist, im Quartier zum Bauboom kommt, erwartet Jenny nicht. «Viel eher wird die Silbern dann moderat und qualitativ entwickelt und aufgewertet.»

Zwar hätten einige Liegenschaftseigentümer bereits konkrete Projekte in der Schublade, die auf ihre Realisierung warten, sagt der IG-Silbern-Gebietsmanager Dieter Beeler auf Anfrage. «Doch die Mehrheit hat sich aufgrund der bislang fehlenden Rechtssicherheit mit der konkreten Planung noch nicht befasst. Dies ist natürlich schlecht für ein Entwicklungsgebiet mit derart grossem Potenzial.»

Nicht nur Dietikon ist von der Verordnung betroffen – auch Oetwiler und Geroldswiler Gebiete sind Teil des Moorschutzgebiets. Etwa die «Bubenau» in Geroldswil, die neu als Waldschutzzone deklariert ist. Gemeindeschreiber Beat Meier glaubt aber nicht, dass deswegen Geroldswiler Bürger Rechtsmittel ergreifen werden, wie er sagt.

Somit richten sich alle Blicke auf Birdlife Schweiz. Ob die Organisation Rekurs gegen die Verordnung einlegen wird, war gestern nicht zu erfahren. «Uns war es noch nicht möglich, die Verordnung zu studieren», sagt Birdlife-Sprecher Koni Osterwalder.

Chronologie: Der lange Weg zur Dietiker Moorschutzverordnung

- 1958 scheidet der Zürcher Regierungsrat in der Schachen ein Naturschutzreservat aus. Dieses enthält aber noch keinen Moorschutz.

- 1980 wird die Moor- und Auenlandschaft vom Kanton als Natur- und Landschaftsschutzgebiete von überkommunaler Bedeutung definiert.

- 1994 legt der Bund ein Inventar mit Flachmooren von nationaler Bedeutung an. In dieses wird auch das Moor Schachen aufgenommen. Der Bund verpflichtet die Kantone, die Moore innert dreier Jahre formell mit einer Verordnung zu schützen. Der Kanton Zürich kommt dem beim Dietiker Moor jahrelang nicht nach.

- Als sich 2012 die Dietiker Stimmbevölkerung für den Gestaltungsplan Silbern-Lerzen-Stierenmatt ausspricht, wird die fehlende Schutzverordnung zum Thema. Aufgrund des mangelnden Moorschutzes reichen der Schweizer Vogelschutz und Pro Natura Rekurs gegen den Gestaltungsplan ein. Sie kritisierten, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Abstände zum Flachmoor nicht eingehalten werden und dass die bis zu 50 Meter hohen Gebäude, die möglich wären, gegen die Schutzziele verstossen

- Im Juni 2014 überweist der Kantonsrat dem Regierungsrat mit grosser Mehrheit ein Postulat der beiden SP-Gemeinderätinnen Rosmarie Joss (Dietikon) und Sabine Ziegler (Zürich), welches die Regierung verpflichtet, so schnell wie möglich eine Schutzverordnung für das Dietiker Moor zu erlassen.

- Anfang 2015 beteiligt sich die Stadt Dietikon mit 15000 Franken an der Ausarbeitung der Schutzverordnung. Die Zürcher Baudirektion hat mittlerweile einen Entwurf davon vorgelegt und gibt bekannt, die Verordnung soll noch im selben Jahr öffentlich aufliegen.

- Im April 2016 schliesslich stellt der Kanton zusammen mit der Stadt Dietikon einen Entwurf für eine Schutzverordnung für das Flachmoor Schachen vor. Sie liegt bis Ende Mai öffentlich auf.

- Birdlife Schweiz und Birdlife Zürich teilen Anfang Juni 2016 mit, die vorliegende Schutzverordnung weise bedeutende Mängel auf und sei noch nicht moorschutzkonform. Man habe dies bereits vor 15 Monaten kritisiert. Der Kanton will diese und andere eingegangene Stellungnahmen bis nach den Sommerferien würdigen und teilt mit, er werde die Verordnung bis Ende Jahr erlassen. (BHI/HAE)