Kleiderbox in Dietikon
Modetrends spielen in diesem Laden nicht die Hauptrolle

In der neu eröffneten Kleiderbox können Asylsuchende gratis Kleider beziehen.

Tobias Bolli
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Alpha Diallo präsentiert die Auswahl an Männerkleidern in der Kleiderbox.

Alpha Diallo präsentiert die Auswahl an Männerkleidern in der Kleiderbox.

Tobias Bolli

Die Auswahl ist beschränkt: Drei Dutzend Hemden und Vestons für die Herren, dazu ein überschaubarer Stapel an Pullovern. Auch das Damensortiment, obschon etwas grösser und vielfältiger, ist alles andere als Legion. Es würde ohne Weiteres in der Ecke eines mittelgrossen Kleidergeschäftes Platz finden.

Dennoch ist Alpha Diallo (42) stolz auf diese Auswahl, auf seine Auswahl, die er hier Asylsuchenden in der kürzlich eröffneten Kleiderbox in Dietikon präsentieren kann. Mit einladender Geste führt er durch den Raum, kommentiert und zeigt die liebevoll zur Schau gestellten Stücke. Es sind zwar wenige, sie brauchen aber das Glasfenster nicht zu fürchten, das einen Einblick auch von aussen gewährt.

Alpha wurde nach einem beim Betreuungsunternehmen ORS absolvierten Praktikum als Betreuer der Kleiderbox an der Zürcherstrasse 111 angestellt. Er ist für die administrative Verwaltung verantwortlich und besorgt die Lagerpflege. Ausserdem nimmt er die eingegangenen Spenden entgegen. Das dürfen neben Kleidern auch Spielzeuge und Kinderwagen sein. Möbel sind aber nicht gewünscht. Danach gefragt, was ihm an seiner Arbeit am besten gefalle, antwortet er: «Mir macht vor allem der Austausch mit den Leuten Spass. Besonders schön ist es auch, wenn sich Kinder über Spielzeug freuen.» Wenn man danach sein Lächeln sieht, glaubt man es ihm.

Die angebotenen Gegenstände sind ausschliesslich Spenden zu verdanken: von Privatpersonen wie auch Grossverteilern. Zuweilen kann die Kleiderbox auch von Liquidationen profitieren. «Wir freuen uns sehr über die zahlreichen Spenden», sagt Lukas Kilchmann, der bei ORS im Raum Zürich unter anderem als Teamleiter für die Beschäftigungsprogramme für Asylsuchende und Flüchtlinge verantwortlich ist. «Schadhafte Kleider und abgenutzte Schuhe können wir aber nicht entgegennehmen.» Als blosse Abfuhrmöglichkeit versteht sich die Kleiderbox nicht.

Über die Qualität der vorhandenen Stücke lässt sich nur staunen. Unter den Frauensachen ist sogar ein Mantel von Burberry’s zu finden. Vorgängiges Waschen vorausgesetzt, können aber auch bescheidenere Textilien vorbeigebracht werden; zurzeit besonders willkommen sind namentlich auch Kinderwagen. Sehr grosse Kleider – XL und aufwärts – werden dagegen nicht benötigt. Die wenigsten Asylsuchenden verfügen über eine besonders mächtige Statur, sagt
Kilchmann.

 Die Kleiderbox in Dietikon. Hier können Asylsuchende gratis Kleider beziehen.

Die Kleiderbox in Dietikon. Hier können Asylsuchende gratis Kleider beziehen.

Tobias Bolli

Die Idee für die Kleiderbox entstand vor zwei Jahren, als die Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreichte und immer mehr auf die Schweiz überschwappte.

Kilchmann lobt die Spendenbereitschaft, die gerade in dieser Phase ausserordentlich hoch gewesen sei. Mit dem Abflauen der Krise sei sie etwas zurückgegangen.

Nicht alle Wünsche werden erfüllt

Jeden Dienstag und Freitag von 13 bis 16 Uhr öffnet die Kleiderbox ihre Türen. Dann können Asylsuchende vorbeikommen und gegen Vorweisen eines Bezugsscheins etwas aussuchen. Das Angebot wird laut Kilchmann gut genutzt. Viele kommen zwischen den Jahreszeiten, wenn etwa die Flip-Flops nicht mehr taugen im Schneetreiben.

Einige Asylsuchende nennen beim Eintreten eine Zahl und beginnen dann zu feilschen, so Alpha lachend. Zuweilen zeigten sie sich ganz ungläubig, wenn ihnen versichert wird, dass die Kleider gratis sind. Etwa zwei Stücke können pro Person bezogen werden. Sich nach Belieben einzudecken, ist aus naheliegenden Gründen nicht möglich.

Es ist auch schon vorgekommen, dass einem Kleidungswunsch nicht entsprochen werden konnte, sagt Alpha. So habe ein glühender Bayern-München-Fan hier einmal Artikel seines Lieblingsclubs entdeckt. Ganz unbedingt wollte er sich damit eindecken – auch wenn er in den viel zu grossen Textilien beinahe unterging.

Gegen Ende der Öffnungszeit stellt sich trotz des strömenden Regens eine jüngere Frau ein. Sie scheint vom Angebot sehr angetan zu sein. Der Herr des Hauses berät sie, während die Dame einige prüfende Blicke auf die Hosen wirft. Dann zieht sie sich in eine Umkleidekabine zurück, die in dem kleinen Raum noch irgendwie Platz gefunden hat. Man kann sicher sein, dass sie die Kleiderbox zufrieden und dankbar wieder verlassen hat.