Interview

«Mittlerweile kann ich empathisch sein» — sie unterrichtet seit Jahrzehnten Selbstverteidigung

«Alle Frauen sind in einer Form vom Thema Gewalt betroffen», sagt Silvia Bren, Präsidentin der Interessengemeinschaft Pallas.

«Alle Frauen sind in einer Form vom Thema Gewalt betroffen», sagt Silvia Bren, Präsidentin der Interessengemeinschaft Pallas.

Die Dietikerin Silvia Bren unterrichtet seit Jahrzehnten Selbstverteidigung für Frauen. Bald gibt sie ihr Amt als Präsidentin der IG Pallas ab.

In den Selbstverteidigungskursen für Frauen von Pallas lernen pro Jahr rund 5000 Teilnehmerinnen schweizweit sich zu behaupten. Dazu sollen sie lernen Gefahren früh zu erkennen, Grenzen zu setzen, die eigene Stärke zu spüren und sich erfolgreich zu wehren. Die Dietikerin Silvia Bren (61) ist Präsidentin der Organisation und erzählt, wie sie mit Gewalt umgeht und wie sich auch Menschen mit Behinderung gegen Übergriffe behaupten können.

Seit über zwanzig Jahren bieten Sie mit der Organisation Pallas Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen im Limmattal und in der gesamten Schweiz an. Warum kamen sie auf die Idee, mit den Kursen speziell für Frauen zu starten?

Silvia Bren: Ich komme aus dem Kampfsport. Mein erster Trainer war ein Polizist, der auch Selbstverteidigung unterrichtete. Das war damals so üblich. So begleitete ich ihn bereits mit 18 Jahren an Selbstverteidigungskurse. Das System hat sich enorm entwickelt nun sind Kampfsport und Selbstverteidigung zwei verschiedene Welten.

Worin liegt der grösste Unterschied?

Kampfsport ist Freude, Körperlichkeit und Technik, die sich über die Jahre entwickelt. In der Selbstverteidigung ist das Verbale zentral, es geht um Selbstbehauptung und um die Stärkung des Selbstwertgefühls sowie um körperliche Selbstverteidigung. Wir zeigen den Mädchen einerseits, dass sie jemanden verletzen dürfen, andererseits sind verbale Abgrenzungen prioritär. Deeskalieren ist das Ziel.

Viele Opfer berichten davon, dass sie in der Konfliktsituation blockiert waren und gar nichts mehr machen oder sagen konnten.

Man kann lernen zu reagieren. Ob man es aber in der Situation anwenden kann, dafür gibt es keine Gewähr. Wir üben mit Rollenspielen, dazu nehmen wir auch Situationen, die die Teilnehmerinnen erlebt haben beispielsweise im öffentlichen Raum. Es ist grundsätzlich so wie im Sport oder in der Musik. Wenn man etwas übt, sind die Abläufe bei Bedarf abrufbar. Auf jeden Fall stärken sie das Selbstvertrauen.

Hörten Sie bereits von Frauen, die sich dank des Kurses besser wehren konnten?

Ja, meistens geht es da aber um die innere Haltung. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Frau, die jeden Morgen im Tram von einem Mann angestarrt wurde. Während eines Jahres stieg er immer gleichzeitig mit ihr ins Tram. Er sah sie nur an, trotzdem war sie sehr verängstigt und blockiert. Wir machten im Kurs einige Rollenspiele und noch während des Kurses, sah sie ihn nicht mehr.

Sie bieten den Kurs auch für Opfer von Gewalt an.

Wir unterrichteten im letzten Jahr 260 gewaltbetroffene Frauen in spezifischen Kursen. Diese Spezialkurse werden von Pallas Trainerinnen mit einer Zusatzausbildung durchgeführt. Es kommen aber auch viele Frauen in unsere Kurse, um Erlebnisse zu verarbeiten und das Selbstvertrauen wieder zu erlangen. Alle Frauen sind in einer Form vom Thema Gewalt betroffen, das Empfinden und der Umgang damit sind aber sehr unterschiedlich.

Haben Sie selbst auch Erfahrung mit Gewalt gemacht?

Ich erlebte sexistische Witze oder unerwünschte Berührungen.

Wie gingen sie damit um?

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Mann, der mir im Skiurlaub, jedes Mal als er mir am Skilift den Bügel gab, an den Po fasste. Ich fuhr dreimal hoch, bis ich merkte, dass er es extra tat. Doch obwohl ich bereits in der Ausbildung zur Selbstverteidigungstrainerin war, schaffte ich es nicht, ihn zu konfrontieren. Da es der einzige Skilift war, ging ich nicht mehr Ski fahren. Heute könnte ich ihn darauf ansprechen. Ich weiss aber auch, wie diese verbalen Reaktionen, für viele Frauen viel Überwindung kosten.

Denken Sie, dass die Gewalt gegen Frauen dank Selbstverteidigung gemindert werden kann?

Ich kann es nicht sagen, aber mit struktureller Unterstützung könnte es möglich sein, die Gewalt einzudämmen. Ursprünglich wurde unsere Ausbildung vom Bund finanziert. Damals gab es eine Motion, die allen Mädchen einen Selbstverteidigungskurs ermöglichen wollte. Später wurden uns die Gelder wieder entzogen. In Bern ist das Thema wieder aktuell. Der Bundesrat will die Prävention gegen häusliche Gewalt verstärken.

Was ist mit den Männern die Gewalt erleben?

Es gibt sie. Ich leitete über zehn Jahre eine Männer-Selbstverteidigungsgruppe.

Gibt es Unterschiede im Training von Männern und Frauen?

Es kommt nicht darauf an, ob es Männer oder Frauen sind. Jede Gruppierung hat ihre eigenen Themen, doch mit verbaler Gewalt werden die meisten konfrontiert. Das Thema war überall einerseits Deeskalation und andererseits das Kennenlernen der eigenen Verhaltensmuster. Man soll das Gegenüber ernst nehmen und nicht werten. Es geht darum, sich zu schützen.

Das ist eine hohe Anforderung.

Ja, früher hätte ich auch eher jemanden beschimpft. Doch das ist nur ein Zeichen der eigenen Ohnmacht. Mittlerweile kann ich empathisch sein. Man kann die Welt ja nicht verändern, nur sich selbst. Das kann man nur vorleben.

Sie geben bereits seit Jahrzehnten Kurse. Wie entwickelte sich die Selbstverteidigung während dieser Zeit?

Anfangs hatten wir Techniken und Griffe, die man im Stress nicht unbedingt anwenden konnte. Heute weiss man, das Ziel ist nicht, den Angreifer zu kontrollieren, sondern sich selbst zu schützen. Dazu braucht man keinen Hebelgriff, sondern notfalls einen Tiefschlag. Auch arbeitet man bewusst deeskalierend.

Auch Menschen mit Behinderung erleben Gewalt. 2018 besuchten 145 Behinderte einen Kurs von Pallas. Wie kam es dazu?

Ich startete mit Freizeitlagern für Menschen mit Handicap, später vernetzten wir uns mit PlusSport, dem Verein für Sport mit Behinderung. Grundsätzlich möchte ich aber gar nicht so stark differenzieren und sortieren. Deshalb fanden die Kampfsportlager integrativ statt: Jugendliche mit und ohne Behinderungen trainierten gemeinsam.

Hat eine zarte Frau im Rollstuhl überhaupt eine Chance gegen den Übergriff eines muskulösen Menschen?

Solche Leute sind sogar die Stärksten in der ganzen Gruppe. Da sie den Rollstuhl haben, können sie dem Angreifer in die Beine fahren, insbesondere Menschen im Elektrorollstuhl. Stimmen haben die meisten ebenfalls, das heisst, sie können schreien oder gestikulieren.

Laut Amnesty International wurde jede fünfte Frau bereits einmal Opfer sexueller Gewalt. Ist der Prozentsatz bei Menschen mit Behinderung ebenso hoch?

Nein, höher. Die Angreifer denken, sie haben weniger Widerstand. Menschen, die Hilfe brauchen, sind noch weniger geübt, nein zu sagen. Behinderte Menschen werden oft nicht ernst genommen, auch verbale Attacken sind verbreitet. Es gibt beispielsweise Leute die sagen, <eine solche Figur wie dich, sollte man nicht leben lassen>. Menschen mit Behinderung erhalten im Restaurant oft den hintersten Platz.

Was empfehlen Sie in solchen Fällen?

Sie sollen ihre Wünsche genauso äussern, wie andere auch. Sie sind sich weniger gewohnt, für sich selbst einzustehen. Das üben wir mit Situationstrainings.

Für Sie wird es künftig anders weitergehen. Im März werden Sie ihr Amt als Präsidentin abgeben.

Ja, ich gebe das Amt ab. Es ist der ideale Zeitpunkt, das 25-jährige Jubiläum wurde gefeiert, neue Ausbildungsmodule starteten letztes Wochenende und ein optimales Leitungsteam wird Pallas nun weiter führen. Ich freue mich abzugeben. Inzwischen bin ich Grossmutter, habe einen Hund, einen Garten und reise gern. Ich bin ja nicht nur zum Arbeiten auf der Welt.

Was möchten Sie Ihrem Enkel auf seinem Lebensweg mitgeben?

Ich möchte ihm vor allem ein gutes Vorbild sein.

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