Mittefasten
Mittefasten: Aus der Zeit gefallen und auch gerade deswegen so wohltuend

Aussenstehende mögen schmunzeln über das Ritual des Mittefastens, wo der Winter verabschiedet und neue Gemeindemitglieder begrüsst werden. Doch: In Zeiten des Individualismus ist dieser gemeinschaftliche Akt ein schöner Kontrapunkt.

Jürg Krebs
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Der Böög wird verbrannt am Mittefasten 2013.

Der Böög wird verbrannt am Mittefasten 2013.

Limmattaler Zeitung

Die wirklich wichtigen Dinge in Unterengstringen ereignen sich an einem seltsamen Ort. Nämlich auf einem freien, an sich unscheinbaren und staubigen Platz im Wald beim Chüebrünneli gleich oberhalb des Sparrenbergs. Wer dort steht, der kann zwischen ein paar Bäumen hindurch einen herrlichen Blick aufs Limmattal erhaschen.

Doch dafür geht niemand den beschwerlichen Weg hinauf. An diesem Ort ist Nähe gefragt, nicht Weite. An diesem Ort wollen Unterengstringer unter sich sein.

Und das tun sie regelmässig. Immer drei Wochen vor Ostern, im Rahmen des Mittefastens. Heute Nachmittag ist es wieder so weit. Wer Aufnahme in die Dorfgemeinschaft finden will, der muss den Fussmarsch auf sich nehmen. Unter den Augen der Dorfbewohner werden hier Zugezogene ins Bürgerrecht aufgenommen, in einer Art Initiationsritus. Es wird nicht so gerne gesehen, wenn sich jemand dem Ritual verweigert.

Wer schliesslich nach feierlichen Worten die Urkunde in Händen hält, gehört dann wirklich dazu. Pathetische Worte gebrauchend sagte Unterengstringens Ehrenbürger Willy Haderer vor ein paar Jahren: «Dieser Ort ist für mich zum Symbol für Zusammengehörigkeit geworden.»

Wie für jeden heiligen Ort gibt es auch hier quasi Wächter des Heiligen Grals. Die Mittefastenkommission, eine Art Zunft der Zusammengehörigkeit, organisiert die Bürgeraufnahme als Teil des Mittefastens. Dieses ist eine Abfolge von Ritualen: Holzsammeln, Böllerschüsse, Feuerwerk und anderes mehr. Das Mittefasten, so behaupten sie in Unterengstringen, sei älter als ihr Pendant in Zürich - das Sechseläuten. Auch in Unterengstringen wird der Winter in Form eines Bööggs verbrannt, und es werden Lichter angezündet, die das Ende der dunklen Jahreszeit markieren. Als Zeichen ihrer Verbundenheit legen sich die Mitglieder der Mittefastenkommission schwere Ketten um den Hals mit einer metallenen Plakette dran, auf der das Siegel Zürichs prangt.

Aussenstehende mögen schmunzeln angesichts solcher Praktiken, die aus der Zeit gefallen scheinen. Den Unterengstringern ist es ernst. Die Bürgeraufnahme war Anfang der 1970er-Jahre - einer Zeit grossen Wachstums der Gemeinde - ins dreitägige Mittefastenfest integriert worden. Und das aus praktischen Gründen. Denn wo kann man besser Kontakte knüpfen als an einem Fest?

Doch wie gesagt, die Bürgeraufnahme ist heute mehr als das. Das zeigt sich auch daran, dass heute Nachmittag zweier Menschen gedacht werden wird, die grosse Verdienste für das Dorf, die Gemeinschaft und das Mittefasten haben: Urs Hoffmann und Heinz Schmider. Beide sind vor wenigen Monaten verstorben.

Ist es nicht bewegend, dass hier Menschen in den Kreis der Gemeinschaft aufgenommen werden und dass sie aus dieser Gemeinschaft auch wieder verabschiedet werden - auf den letzten Weg?

In Zeiten, in denen Individualismus wie eine Götzenfigur verehrt wird, setzt Unterengstringen einen wohltuenden gesellschaftlichen Kontrapunkt: Der Mensch steht nicht nur im Zentrum allen Wirkens, er wird auch als Teil einer Gemeinschaft verstanden. Im besten Falle kann man sich auf ihn verlassen. So wie auf Urs.

juerg.krebs@azmedien.ch