Bei einem ersten Augenschein sieht es so aus, als wäre der Dietiker Kirchplatz fest in spanischer Hand. Viele tragen rot-gelbe Trikots, da und dort auch eine Fahne, andere haben sich die spanischen Nationalfarben gleich ins Gesicht gemalt. Dicht an dicht sitzen die Fussballfans auf den Festbänken. Der Anpfiff steht kurz bevor und das Public Viewing ist schon bis fast auf den letzten Platz gefüllt.

Auch auf dem Platz kontrollieren die Spanier erst einmal das Geschehen. Der Ball läuft schnell durch ihre Reihen, das berühmte «Tiki-Taka» läuft an. Auf dem Kirchplatz herrscht Euphorie. Wenn sich die Spanier dem Tor nähern, steigt der Lärmpegel beachtlich. Dann die 26. Minute: Costa fällt im Strafraum und der Elfmeterpfiff ertönt. Ein paar Kinder, die vor der grossen Leinwand eben noch ruhig am Boden sassen, springen hoch und fallen sich in die Arme. Zurecht, die Spanier verwandeln den Penalty zur Führung.

Gemütlichkeit in Schlieren: Nur einzelne Holland-Fans bejubeln den grossen Triumph ihrer Mannschaft.

Gemütlichkeit in Schlieren: Nur einzelne Holland-Fans bejubeln den grossen Triumph ihrer Mannschaft.

Wer WM-Spiele eigentlich am liebsten gleich im kochenden Stadion miterleben würde, ist im Dietiker Public Viewing goldrichtig. Das Zelt ist gross, die Menge laut, auf einem grossen Grill brutzeln Würste, Spiesse und Burger und wenn der Durst stärker wird, können die Bardamen des «Alpen Rock House» schnell viel Bier aus den Hähnen zapfen. «Ich komme wegen der Stimmung hierher», sagt eine junge Spanierin aus Dietikon. Sie interessiere sich zwar schon auch für die Spiele selber, aber eine WM müsse für sie auch ein Volksfest sein.

Gerade wird die Menge wieder laut, der Blick schwenkt auf die Leinwand, der Ball liegt im Tor der Spanier. Nachdem van Persie einen wunderschönen langen Ball per Flugkopfball im Tor versenkt hat, erwachen die Holländer im Zelt und machen plötzlich ebenso viel Lärm wie zuvor die Spanier. So einfach ist das mit den Kräfteverhältnissen also doch nicht hier auf dem Kirchplatz.

Erst kurz vor dem Schlieremer Stadtplatz macht sich die WM-Party auch hier akustisch bemerkbar. Vom Bahnhof her trifft man erst einmal auf die Sommerbeiz, die gemütliche Tische und eine lange Speisekarte zu bieten hat. Eher ruhig als ausgelassen geht es auch im Public-Viewing-Zelt gleich dahinter zu und her. Wer zwar gerne im Wohnzimmer Fussball schaut, etwas mehr Gesellschaft aber dennoch vorzieht, kommt in Schlieren auf seine Kosten. Hier kann entspannt das Spiel geniessen, während Getränke und frische Piadinas gleich am Platz serviert werden.

In der ersten Reihe sitzt eine spanische Familie auf einer der Festbänke. Eine Vuvuzela steht zum Jubellärm bereit. Sie sollte jedoch während der ganzen zweiten Halbzeit nicht mehr zum Einsatz kommen. Für die Spanier gab’s nun mehr wenig zu lachen. Schon in der 53. Minute verwertet Robben einen zackig ausgeführten Konter zur überraschenden Führung für die «Oranjes».

Der Torschütze läuft zur Kamera und grüsst die Milliarden von Zuschauern an den Bildschirmen und Leinwänden. «I love you» ruft eine Frau am Tisch nebenan und springt vor Freude von der Bank auf. Sie gehört zu einer Gruppe aus zwei Männern und zwei Frauen, die zwar keine Trikots tragen, deren Herz aber unübersehbar für Holland schlägt. Wieso sie den Holländern die Daumen drücken, will man wissen. Die Frau zuckt mit den Achseln und erwidert: «Sie sind ja auch für Holland», als wäre sowieso klar, wem hier die Unterstützung gebührt.

Eine Viertelstunde später doppeln die Holländer nach und als van Persie einen groben Schnitzer von Goalie Casillas kaltblütig ausnutzt, ist Spanien gebrochen. Mit dem 5:1 zum Endstand ist die Demütigung des stolzen Weltmeisters perfekt. Wenn die WM so spannend bleibt, wird hier auf dem Stadtplatz wohl noch manche Party gefeiert.