«Ein Schock war es», sagt Willy Haderer über seinen ersten Tag im Zürcher Kantonsrat. Der damals noch wesentlich kleineren SVP-Fraktion war es gelungen, eine von ihr eingereichte Motion an den Regierungsrat zu überweisen. «Ich sagte zu meinem damaligen Sitznachbar, das läuft ja gut, bereits der erste Erfolg. Er entgegnete nur: Und jetzt dauert es drei Jahre bis zur Antwort des Regierungsrates, passieren tut dann wahrscheinlich gar nichts», erinnert sich Haderer. Als Unterengstringer Gemeindepräsident war er es gewohnt, in wesentlich kürzeren Zeiträumen konkret zu handeln.

Trotzdem gewöhnte er sich schnell an die ganz andere Art, in einem Parlament zu politisieren. Insgesamt 24 Jahre gehörte der heute 71-Jährige dem Rat an, ehe an diesem Montag Schluss war. Zu den Erneuerungswahlen vom 12. April trat er nicht mehr an.

Am Morgen seiner letzten Kantonsratssitzung ist alles wie gehabt. «An den Abschied denke ich nicht», sagt er auf dem Perron des Bahnhofs Schlieren. Dort trifft er auf seine Limmattaler Ratskollegen Pierre Dalcher (SVP) und Hanspeter Haug (SVP). Die gemeinsame Fahrt nach Zürich gehört zum fixen Ablauf an einem Kantonsratstag. «Ein Jahr vor meiner Wahl 1991 nahm die S-Bahn ihren Betrieb auf», so Haderer. Weil er zuvor wenig mit dem Zug unterwegs gewesen sei, sei er zwei Wochen vor seiner ersten Sitzung in den Hauptbahnhof gefahren, um sich zu informieren, wo die Züge halten und wie er am schnellsten zum Tram komme.

Sozial- und Gesundheitspolitiker

Diese Episode passt zum Bild, das seine Ratskollegen von ihm zeichnen. Von links bis rechts gilt Haderer als zuverlässig, als jemand, der über ein enormes Fachwissen verfügt. «Er ist jemand, der sich intensiv mit der Materie auseinandersetzt», sagt etwa Jörg Kündig (FDP, Gossau), der die Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit (ABG) präsidiert, deren Mitglied Haderer seit 2007 ist. Auch Fraktionskollege Hans-Ueli Vogt (Zürich) beobachtet, dass Haderer immer sehr gut vorbereitet sei. «Willy Haderer verfügt über ein fundiertes Fachwissen», so Hanspeter Göldi (SP, Meilen), der ebenfalls Mitglied der ABG ist.

Es ist denn auch die Oberflächlichkeit, die Haderer im Kantonsrat am meisten stört. «Einige haben das Gefühl, dass man Geschäfte nur kurz zu überfliegen braucht, um informiert zu sein. Stellt man eine Frage, zeigt sich schnell, dass sie wenig über den Sachverhalt wissen», so Haderer. Er selber hat sich in erster Linie einen Namen als Gesundheits- und Sozialpolitiker gemacht. In diesen Bereichen gilt er im Rat als ausgewiesener Fachmann. Hervorgehoben wird vor allem sein Einsatz für die Zürcher Spitallandschaft. In seiner Fraktion nimmt er diesbezüglich die Leaderrolle ein. «Er verfügt über unglaubliche Dossierkenntnisse», sagt sein Fraktionskollege Arnold Suter (Kilchberg).

Es erstaunt deshalb nicht, dass einer von Haderers Höhepunkten im Kantonsrat mit der Spitalpolitik zu tun hat. «Als die damalige Gesundheitsdirektorin Verena Diener (damals noch Grüne) Spitäler schliessen wollte, sträubte sich die FDP anfänglich dagegen. Mit einem flammenden Votum zugunsten der Schliessungen gelang es mir, die FDP umzustimmen», erinnert sich Haderer. Die Vorlage sei durchgekommen. Diener habe sich noch im Saal mit einem Handschlag bei ihm bedankt.

Der Vater der Limmattalbahn

Auch für das Limmattal hat sich Haderer im Kantonsrat starkgemacht und dabei sein grosses Netzwerk geschickt genutzt. So hat er sich etwa bei der letzten Richtplandebatte vehement für die Kantonsschule Limmattal eingesetzt. Mit einem Richtplaneintrag ist es gelungen, den Ausbau der Schule am Standort Urdorf zu sichern. Ein besonderes Anliegen war ihm stets die Limmattalbahn. Als Präsident der Zürcher Planungsgruppe Limmattal hatte er noch die Vorplanung mitbegleitet. Auch dort nutzte er seine guten Drähte zur Zürcher Regierung. Unter anderem gehörte er zu jenen Kantonsräten, die mit ihren Vorstössen dafür sorgten, dass mit der Realisierung der Bahn auch 135 Millionen Franken als flankierende Massnahmen für den Strassenausbau sichergestellt wurden. Sein über 10-jähriges Engagement für das Jahrhundertprojekt hat ihm den Namen «Vater der Limmattalbahn» eingetragen. Nicht nur deswegen erhält er Lob. «Er hat die SVP auf Limmattalbahn-Kurs gebracht», sagt sein Dietiker Ratskollege Rolf Steiner (SP).

Pointiert und gradlinig

An seiner letzten Sitzung muss Haderer keine Geschäfte vertreten. Wehmut verspürt er noch nicht. Erst als im zweiten Teil der Sitzung die Verabschiedungen an der Reihe sind, spürt er, «dass der Abschied langsam wirklich wird». Doch das sei so gewollt. «Es ist der richtige Zeitpunkt.» Vermissen wird er vor allem das Mitwirken und das Kämpfen für die eigenen Anliegen. Etwas, das er besonders gut und deutlich konnte. Er sei stets gradlinig gewesen, habe mit seiner Meinung nie hinter dem Berg zurückgehalten, sagen seine Ratskollegen. «Es macht Spass, mit ihm zu streiten und zu diskutieren. Denn er kann zuhören und auf die Argumente des Gegenübers eingehen», sagt Kaspar Bütikofer (AL, Zürich), der wie Haderer Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit ist. Willy Haderer sei kein Vertreter der ideologisch verbohrten Politiker. «Er war offen für Diskussionen», so Bütikofer.

Haderer ist es ein Anliegen, hart, aber mit Respekt zu diskutieren. Seit seinen Anfängen im Kantonsrat habe sich der Umgang miteinander verschärft, sagt er. Damit müsse man umgehen können. Bei ihm steige dann jeweils der Blutdruck, und das Gesicht werde rot. Auch dafür ist er bekannt. Persönlich nimmt er Niederlagen aber schon lange nicht mehr. Dennoch kann er sich fürchterlich ärgern. Erst kürzlich war es wieder so weit, als eine Mehrheit im Kantonsrat eine Motion von Linda Camenisch (FDP, Wallisellen) ablehnte, die vom Regierungsrat verlangte, dass der Kanton eigene Sozialhilfe-Richtlinien erlassen solle. «Es wird immer noch viel zu wenig zur Missbrauchsbekämpfung im Sozialwesen unternommen», so Haderer.

Ein Urgestein

Dann ist die letzte Kantonsratssitzung vorbei. An einem Apéro verabschieden sich die scheidenden Kantonsräte von ihren Kollegen. Lange hat Haderer jedoch nicht Zeit. Die Fraktionssitzung ruft. Auch das gehört für ihn dazu. Noch einmal zeigt sich, dass mit Willy Haderer ein besonderer Politiker die Bühne verlässt, «ein Urgestein unserer Partei», wie es Arnold Suter ausdrückt. Einer, der sich bis zum Schluss engagiert eingesetzt habe. Einer, der sich über den Kantonsrat hinaus einen Namen gemacht hatte, ein animal politique. Oder wie es der FDP-Fraktionspräsident Thomas Vogel (Illnau-Effretikon) formuliert: «Sein Name war mir schon geläufig, bevor ich in den Kantonsrat gewählt wurde.»

Willy Haderer war 36 Jahre lang Mitglied des Unterengstringer Gemeinderates, 20 davon amtete er als Präsident. In all den Jahren führte er eine Druckerei, die mittlerweile sein Sohn übernommen hat. Zudem war er Verwaltungsrat im Zoo Zürich und als Quästor des Druckerei-Branchenverbandes seit 1980 für die Finanzen zuständig, um nur einige seiner Engagements zu nennen. Dass das alles unter einen Hut passte, vor allem in den langen Militärzeiten, in denen er es bis zum Oberst brachte, verdanke er in erster Linie seiner Frau, die ihm in all den Jahren den Rücken freihielt. Mit ihr will er vermehrt Zeit verbringen, Ausflüge machen. «Aber eine Weltreise muss es nicht sein. Das ist nichts für mich.»