Dietikon
Mit weissem Stock geht's zur Demo nach Bern

Am heutigen internationalen Tag des weissen Stocks versuchen Sehbehinderte und Blinde, für ihre Anliegen zu sensibilisieren. Auch Brigitta Käser zeigt sich kämpferisch.

Gabriele Heigl
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Hilfsmittel müssen den Sehsinn ersetzen: Brigitta Käser mit Hündin Moana und weissem Stock. Zusätzliche Orientierung geben die weissen Leitlinien am Boden.

Hilfsmittel müssen den Sehsinn ersetzen: Brigitta Käser mit Hündin Moana und weissem Stock. Zusätzliche Orientierung geben die weissen Leitlinien am Boden.

ZVG

Moana hat diesen Nachmittag frei. Immer wenn ihre Besitzerin Brigitta Käser im Bildungs- und Begegnungszentrum (BBZ) des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverbands (SBV) in der Moosmattstrasse weilt, wird die Labrador-Retriever-Hündin von einer Bekannten zum Spazierenlaufen abgeholt.

Dann darf sie rumtoben, springen und bellen und sich einfach wie ein ganz normaler Hund verhalten. Dann hat sie Ferien von ihren verantwortungsvollen Aufgaben als Führungshund, während Brigitta Käser sich im Zentrum mit anderen Betroffenen austauscht, mit ihnen zu Mittag isst und sich mit Kunsthandwerk beschäftigt.

Einmal in der Woche fährt die 64-Jährige mit dem Zug von ihrem Blindenwohnheim in Zürich ins BBZ nach Dietikon, eine von fünf Begegnungszentren für Sehbehinderte in der Schweiz. In Dietikon hatte sie 30 Jahre lang im Gjuch gewohnt, danach acht Jahre in Schlieren. «Ich wäre gerne in Schlieren geblieben, aber als meine Sehstärke immer mehr nachgelassen hat, ging das nicht mehr», bedauert sie.

Ihre Augenprobleme hatten im Alter von vier Jahren begonnen. Als zu einer starken Kurzsichtigkeit vor sechs Jahren auch noch eine Makula-Degeneration hinzukam, war der Weg in eine fortschreitende Erblindung vorgezeichnet. «Ich kann nur noch hell und dunkel unterscheiden und erkenne ein paar schwarze Flecken.» Damit geht es ihr sogar noch etwas besser als anderen im BBZ, die gar nichts ausser einer schwarzen Fläche sehen können.

Aber auch ohne Blickkontakt gibt es beim Pastaessen rege Unterhaltungen der etwa zehn Besucher quer über den Tisch hinweg. Der blinde Koch Reto Frey hat zwei köstliche Saucen zubereitet, eine Bolognese und eine vegetarische Variante. Vielen hilft ihr gutes Gehör, sie unterscheiden die Stimmen ihrer Gesprächspartner, erlauschen, wo die Schale mit dem Reibkäse abgestellt wurde.

Auch Brigitta Käser ist Teilhaben wichtig; sie ist ein geselliger Mensch. Aber auch ihre Mobilität ist ihr wichtig. Dabei helfen ihr Moana und ihr weisser Stock, den sie «Maxli» nennt. Nach Dietikon kommt sie auch deshalb immer wieder gerne, weil ihr die Wege von früher noch bekannt sind.

Führungslinien für Rollkoffer?

Neue Wege wird sie dagegen am heutigen Samstag gehen. Dann fährt sie zusammen mit einigen weiteren Sehbehinderten und Blinden vom BBZ zunächst zu einer Aktion anlässlich des Tags des weissen Stocks im Zürcher Hauptbahnhof. Am Morgen verteilen sie Informationsmaterial an Passanten, versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie für die Bedeutung der sogenannten Leitlinien für Sehbehinderte zu sensibilisieren (siehe Zweittext).

«Manche denken, das seien Führungslinien für Rollkoffer. Wieder andere blockieren sie gedankenlos. Und es gibt sogar Leute, die sich daran stören», so Käser. Für Sehbehinderte seien es aber absolut essenzielle Hilfsmittel. «Mit ihrer Unterstützung finden wir uns nicht nur an Bahnsteigen, sondern auch an Treppen und Liften besser zurecht.»

Von Zürich geht es dann mit dem Car und knapp 100 Betroffenen der SBV Sektion Zürich-Schaffhausen weiter nach Bern, wo auf dem Bundesplatz die zentrale Veranstaltung des Aktionstages stattfindet. «Dort gehen wir für unsere Anliegen und in diesem Jahr eben besonders für die Leitlinien demonstrieren», sagt Käser.

Leitlinien-Ärger auch in Dietikon

Dabei haben Brigitta Käser und ihre sehbehinderten und blinden Bekannten vom BBZ auch am Bahnhof Dietikon Leitlinien-Ärger. Bisher führten die weissen Linien sie direkt vom Bahnsteig zur Buslinie 309, die sie zum BBZ bringt.

Da seit der letzten Fahrplanänderung der 309er aber an einer anderen Kante abfährt, führen die Linien sie in die Irre. «Wenn man nicht nachfragt, landet man unweigerlich im falschen Bus», so Brigitta Käser.

Eine Anfrage bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) ergab, dass das Problem dort noch gar nicht erkannt worden war. «Die Haltekanten wurden zum Fahrplanwechsel 2015 aus betrieblichen Gründen optimiert», so VBZ-Angebotsplaner Ramon Rey. Man habe auf dem Bahnhofplatz «Kreuzungskonflikte» befürchtet. «Dass die Linie 309 vermehrt von Blinden genutzt wird, welche zum Bildungs- und Begegnungszentrum in der Moosmattstrasse wollen, wurde bei dieser Umstellung nicht bedacht», räumte er ein.

Der Limmattaler Zeitung dankbar

Der Wunsch, die Linie die frühere Haltekante anfahren zu lassen, sei natürlich verständlich, so Rey weiter. Die VBZ äusserten der Limmattaler Zeitung gegenüber Dankbarkeit, dass sie sie auf dieses Problem aufmerksam machte. «Wir stehen mit der Stadt in Kontakt und klären das weitere Vorgehen ab.» Einen Zeitpunkt, wann Ergebnisse vorlägen, könne man aber derzeit noch nicht nennen.