Tod

«Mit Sterbenden ist es wie früher bei den Kindern»

Bernadette Hans will sich für mehr Menschlichkeit und Wärme in der Gesellschaft einsetzen.

Bernadette Hans will sich für mehr Menschlichkeit und Wärme in der Gesellschaft einsetzen.

Bernadette Hans begleitet Totkranke auf ihrem letzten Lebensweg. Durch ihre Arbeit hat sich auch ihre eigenes Verhältnis zum Tod entspannt. Oft zähle in den letzten Stunden die Intuition.

Frau Hans, wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Tod in Berührung?

Bernadette Hans: Ich erinnere mich daran, dass einer meiner Cousins im Aegerisee ertrank. Im weissen Totenhemd und mit Blumenschmuck war er danach bei sich zu Hause aufgebahrt. Als mein Innerschweizer Grossvater starb, ging ein Trauerzug durch sein Dorf. Das Sterben war früher viel präsenter, ein Ritual. Als Kind hat mich das sehr fasziniert.

Ist diese Faszination mit ein Grund dafür, dass Sie für den Verein Wabe arbeiten?

Auch. Aber in erster Linie suchte ich eine neue Herausforderung. Mein Mann trennte sich im Jahr 2006 von mir, meine Kinder kamen ins Erwachsenenalter. Sie brauchten mich nicht mehr wie früher. Also suchte ich einen neuen Sinn im Leben.

Und diesen Sinn fanden Sie bei Sterbenden?

Der Tod gehört für mich auch zum Leben. Man kann ihn nicht ausblenden. Die Begleitung der schwer kranken Menschen ist für mich das nackte, ungeschminkte Leben. Auf dem Sterbebett befasst sich niemand mit Oberflächlichkeiten. Wer man ist, was man besitzt und wie man aussieht, spielt dann keine Rolle mehr. Alles ist sehr authentisch. Es geht um die letzten Lebenswahrheiten.

Was besprechen Sie mit den Menschen, die Sie auf ihrem letzten Weg begleiten?

Zu Beginn dachte ich, dass ich mich mit den Sterbenden austauschen kann. Dass ich erfahre, was für sie im Leben wichtig war, ich vielleicht von der Weisheit der Sterbenden lernen könnte. Dem ist aber nicht so. Die Menschen sind so schwer krank, dass sie in der Regel nicht mehr viel sprechen.

Was machen Sie genau, wenn Sie die ganze Nacht einem Sterbenden beistehen?

Manchmal lese ich, manchmal lege ich mich selber für eine halbe Stunde schlafen. Es ist wie früher bei den Kindern, man ist intuitiv aufmerksam und hört, wenn der Patient etwas will. Bei sehr unruhigen Menschen sitze ich am Bett und versuche sie mit Körperkontakt, Berührungen und Umarmungen zu beruhigen.

Was tun Sie, wenn dies nicht funktioniert?

Wenn sie vom Arzt verordnet und die Verwandten damit einverstanden sind, dürfen wir auch Morphiumtröpfchen zur Linderung von Beschwerden verabreichen.

Wer wendet sich an den Verein Wabe?

Angehörige von Schwerkranken suchen Hilfe bei uns. Meist aber erst, wenn sie merken, dass sie in der Betreuung an ihre Grenzen stossen. Dann verbringen wir die Nacht oder auch den Tag durch einige Stunden bei den Patienten. Die Angehörigen können sich dann ausruhen.

Es gibt viele Menschen, die Angst vor dem Tod und daher auch Berührungsängste mit Totkranken haben. Verstehen Sie das?

Das kann ich verstehen. Vielleicht haben wir Frauen vom Verein Wabe eine spezielle Gabe, die uns diesen Umgang ermöglicht. Es ist jedoch keine einseitige Beziehung. Eine Nacht im Einsatz gibt mir auch viel.

Was gibt sie Ihnen?

Man fühlt sich der anderen Welt nahe. Ich beginne darauf zu vertrauen, dass auch ich nach dem Tod gut aufgehoben bin. Ich erhalte den Eindruck, dass nach dem Sterben nicht einfach ein grosses Loch ist, sondern alles einen Sinn ergibt.

Motiviert Sie das?

Auch. Aber primär fände ich es sehr traurig, wenn jemand in den letzten Stunden seines Lebens mit Angst und Schmerzen alleine ist und niemanden hat, der ihn beruhigt oder tröstet. Das ist mein Dienst an der Gesellschaft, mein Beitrag für mehr Menschlichkeit und Wärme.

Sie sagten, dass die Schwerkranken, die Sie begleiten, nicht sprechen. Haben Sie also mehr Kontakt mit den Angehörigen?

Ja. Sie reagieren unterschiedlich auf den Umstand, dass einer ihrer Lieben bald sterben wird. Ich versuche immer, ihnen eine gewisse Ruhe zu vermitteln; ihnen zu versichern, dass es wichtig ist, dass sie zu sich selber schauen. Jemanden zu haben, der ihnen zuhört, hilft ihnen besser mit dem Schmerz umgehen zu können.

Wie hat sich Ihre Einstellung zu Leben und Tod durch die Arbeit verändert?

Ich sehe die Dinge nicht mehr so eng wie früher. Bagatellen, über die ich mich vor zehn Jahren noch geärgert hätte, wurden durch die Arbeit bei Wabe in ein anderes Licht gerückt. Sie sind unwichtig geworden. Meine Sicht darauf, was nach dem Tod kommt, hat sich nicht verändert. Ich glaube an ein Aufgehoben- und Beschütztsein nach dem Sterben.

Sie haben also keine Angst vor dem Tod?

Eher vor dem Leiden unmittelbar davor. Die moderne Medizin vermag diesen Schmerz mittlerweile jedoch zu lindern.

Wabe will sich zu Exit und anderen Organisationen, die Unterstützung zum Freitod bieten, distanzieren. Warum?

Ich kann nicht für den ganzen Verein sprechen. Aber der Tod gehört zum Leben. Wer weiss, was wir durch das Sterben noch lernen oder erfahren? Wenn jemand seinem Leben selber ein Ende bereiten will, dann ist das sein Recht. Bedrohlich finde ich den Kostendruck, der durch eine lange Pflegebedürftigkeit entsteht und eine Entscheidung zum Freitod eventuell beeinflusst.

Nehmen Sie die Trauer der Angehörigen manchmal mit nach Hause?

Selten. Ich kann mich in dieser Beziehung gut abgrenzen. In den regelmässigen Supervisionen können wir Begleiterinnen über Probleme und Belastungen sprechen und werden gut begleitet.

Was für Menschen arbeiten bei Wabe als Begleiterin oder Begleiter?

Meist sind es Frauen, viele im Pensionsalter, die eine neue Aufgabe gesucht haben. Ich habe unter den anderen Begleiterinnen viele Vorbilder gefunden. In meinen Augen sind meine Kolleginnen Ausnahmepersönlichkeiten.

Haben Sie auch schon Familienmitglieder in den Tod begleitet?

Nein. Es gab glücklicherweise schon lange keinen Todesfall mehr in meiner Familie. Als mein Vater vor rund 24 Jahren starb, passierte alles ganz schnell. Am Montag wurde er ins Spital eingewiesen und am Mittwochnachmittag starb er, alleine.

Bereuen Sie es, dass Sie nicht für ihn da waren?

Nein. Natürlich wäre es schön gewesen, wenn ich ihn nochmals hätte umarmen können. Aber für ihn scheint dieser Weg so gestimmt zu haben.

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