Bezirksgericht Dietikon

Mit Sexspielzeug und iPhone betrogen: Paar verurteilt

Auf Internet-Verkaufsplattformen wie Ebay verkaufte das Paar unter anderem ein iPhone, das es nie verschickte.

Auf Internet-Verkaufsplattformen wie Ebay verkaufte das Paar unter anderem ein iPhone, das es nie verschickte.

Ein Paar aus Dietikon hat 73 Mal illegale Internet-Geschäfte getätigt. Die Beschuldigten haben einem abgekürzten Verfahren zugestimmt und wurden nun zu jeweils 18 Monaten Haft bedingt und Bussen von 300 Franken verurteilt.

Die Anklageschrift ist 52 Seiten lang. Sie schildert 73 Fälle, in denen das frühere Liebespaar gegen das Gesetz verstossen hat: Sie haben Produkte zum Verkauf angeboten, das Geld eingesteckt, die Produkte aber behalten, und sie haben Ware auf Rechnung gekauft, sie behalten und diese nie bezahlt. Zudem haben sie grosse Mengen an Betäubungsmitteln zu sich genommen. Und sie waren im illegalen Besitz von Waffen. Auch Urkundenfälschung wird ihnen vorgeworfen.

Pünktlich um 13.30 Uhr eröffnet Bezirksgerichtspräsident Stephan Aeschbacher das Verfahren. Heute gehe es schnell, da es sich um ein abgekürztes Verfahren handle. Das heisst, dass die Beschuldigten einem Urteilsvorschlag der Staatsanwaltschaft zugestimmt haben; dass es kein Plädoyer der Anwälte geben wird und dass die Befragung der Beschuldigten eingeschränkt ist. Auf dem Tisch vor den Richtern steht ein Pocketbike und Motorenöl. «Um das hier geht es heute – unter anderem. Sie haben Sachen bestellt und nie bezahlt», sagt Aeschbacher.

Sichtlich nervös sitzt die 30-jährige Beschuldigte vor dem Richter und nickt. Sie wippt mit ihren Beinen und streicht sich mehrmals durch die Haare. Sie erzählt, dass sie in einem Rehabilitationshaus lebt und sich in Therapie befindet. Die Sitzungen würden ihr dabei helfen, gegen ihre Drogensucht anzukommen. Auf die Frage, welche Drogen sie denn genommen habe, antwortet die Angeklagte knapp: «Heroin und Kokain.» Sie habe lange auf der Strasse gelebt, da sei das normal gewesen. Aber jetzt sei sie clean. «Seit knapp einem Jahr», erzählt die Mutter. Auf ihrem Arm prangt ein grosses Tattoo, ein Datum. Das stehe für den Geburtstag ihres 8-jährigen Sohnes, sagt sie. Er lebt mit ihr in der Unterkunft. Mit dem Mitangeklagten führe sie mittlerweile keine Beziehung mehr.

Autobahnvignetten bei Ebay

Der Anklageschrift zufolge hat die gelernte Detailhandelsangestellte mehrfache Urkundenfälschung begangen. Sie liess sich unter falschem Namen Kundenkarten erstellen und bezahlte damit. Auch auf Internet-Verkaufsplattformen wie Ebay boten die junge Frau und ihr damaliger Freund Produkte an, die sie nie verschickten. Offen ist, ob sie die Produkte überhaupt besassen. Die Liste ist lang und reicht von Autobahnvignetten für 20 Franken bis zu einem iPhone 7, verkauft für 516 Franken. Apple-Produkte tauchen mehrmals auf, auch Freikarten bot das Paar oft an.

Erbschaft in Höhe von 400'000 Franken

Nebst den Verkaufsbetrügen via Internet werden dem ehemaligen Liebespaar auch Bestellbetrüge vorgeworfen. Zwischen März und Mai 2017 sollen sie 20 Bestellungen im Wert von 10'792 Franken getätigt haben. Darunter Sex-Spielzeug und Marken-Jeans. Bezahlt haben sie die Ware nie. Auch nach unzähligen Mahnungen nicht. «Wir hatten einfach kein Geld», sagt der Beschuldigte. Daraufhin hakt der Richter nach: «Im Jahr 2016 haben Sie doch eine Erbschaft in Höhe von 400'000 Franken erhalten, oder?» «Das stimmt», sagt der 38-Jährige. «Wie haben Sie es geschafft, so viel Geld in etwas über einem Jahr zu verprassen?», fragt Aeschbacher. Sein Ton lässt Fassungslosigkeit durchdringen. «Mit Kokain», antwortet der gelernte Gleismonteur. «Dann müssten Sie ja über 20'000 Franken im Monat für Kokain ausgegeben haben», sagt der Richter. Kokain sei eine teure Droge, begründet der Angeklagte. Auch Taxifahrten und diverse Restaurantbesuche hätten dazu beigetragen, dass die Erbschaft schnell wieder weg war. «Ich habe mir einen Porsche Cayenne gekauft. Mir ist das Geld zu Kopf gestiegen. Ich habe meinen Job gekündigt und gedacht, ich sei etwas Besseres», erklärt der Beschuldigte. Seine traumatisierende Kindheit sei schuld an diesem Denken, sagt er mit heiserer Stimme. Jetzt befindet sich der 38-Jährige in einer stationären Langzeit-Suchttherapie. Dort hat er einen Job als Lackierer angenommen, sucht jedoch nach einer externen Praktikumsstelle. Momentan lebt er, genauso wie seine Ex-Partnerin, vom Sozialamt.

Mit einer gewissen Raffinesse

Die Richter brauchten nur 45 Minuten, um das Urteil zu fällen: Die Angeklagten werden bestraft mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten, wovon 67 Tage durch Haft entstanden sind, sowie einer Busse von 300 Franken. Der Vollzug der Freiheitsstrafe wird bedingt aufgeschoben unter Ansetzung einer Probezeit von 4 Jahren.

Die zweijährige Probezeit einer Vorstrafe gegen den Beschuldigten wird zudem um ein Jahr verlängert. Auch seine Ex-Partnerin muss sich wegen Vorstrafen verantworten. Auch sie ist in ihrer Probezeit straffällig geworden und muss deshalb eine Geldstrafe von 8 Tagessätzen zu 90 Franken zahlen. Das Urteil entspricht dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft.

Das sei gerecht, sagt Richter Aeschbacher. Die Schadenssumme von 20 000 Franken befinde sich im unteren Bereich, sei aber trotzdem keine Bagatelle. «Es ist eine grosse Anzahl an Verbrechen, mit einer erheblichen Intensität. Das Vorgehen war äusserst dreist und alles bis ins Detail perfekt geplant – mit einer gewissen Raffinesse», schliesst Aeschbacher sein Urteil. Er habe Bedenken, wolle dem ehemaligen Paar aber eine Chance geben, sich zu bewähren.

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