Der augenfälligste Unterschied ist die Grösse. Beim Blättern in Paul Studers Banknoten-Alben ist der erste Gedanke: In welchem modernen Portemonnaie würden diese DIN-A5 grossen Scheine Platz finden? Und dann ist da noch die Sache mit den Unterschriften. Jede einzelne der alten Banknoten wurde eigenhändig von Bankdirektor und Kassier unterzeichnet. Erst mit diesen Original-Unterschriften erhielt die Note ihren Wert. Zum Teil wurde sogar das Datum mit feiner schwarzer Feder von Hand überschrieben. Man stelle sich Sergio Ermotti und Tidjane Thiam, UBS- und CS-CEOs, beim morgendlichen Unterzeichnen vor . . .

Start mit Vingt Francs von 1866

Gemeinsam mit Studer taucht man in eine völlig neue Welt ein, die Welt der Banknoten. Studer ist nicht nur seit 18 Jahren Gemeindepräsident in Oetwil, er ist auch leidenschaftlicher Sammler. Sein Hobby umfasst unter anderem Kakteen, Eisenbahnen sowie 1.-August-Abzeichen, von denen er alle sein Eigen nennen kann. An einem Tag im Jahr 1983 entdeckte er bei einem Oerlikoner Münzhändler eine orangefarbene Banknote im Schaufenster, die ihm so gut gefiel, dass er sie nicht nur erstand, sondern an diesem Tag auch beschloss, Schweizer Banknoten zu sammeln. Bei dem Schein handelte es sich um eine Vingt-Francs-Note, ausgestellt von der Freiburger Crédit Agricole et Industriel de la Broye im Jahr 1866.

Seit diesem Tag gesellte sich Schein um Schein zur Sammlung, die Studer fein säuberlich und nach den Kantonen in alphabetischer Reihenfolge in den Folienfächern seiner Alben ablegt. «Mir fehlen nur Noten aus den Kantonen Glarus und Graubünden», bedauert der Oetwiler, der seine Schätze nicht zu Hause aufbewahrt. Einmal hatte er die Chance, eine Glarner Note zu ersteigern. «Aber irgendwann bin ich ausgestiegen.» Die Note ging dann für sagenhafte 33 000 Franken an einen anderen Bieter. Allerdings kann Studer die erste Banknote der Schweiz sein Eigen nennen. Das Notenformular der Deposito-Cassa von Bern aus dem Jahr 1832 misst stattliche 26 mal 16 Zentimeter – das ist Rekord in Studers Schweizer Sammlung.

Viele Sammler gibt es in der Schweiz nicht; Studer weiss von lediglich vieren. Man trifft sich immer mal wieder auf Auktionen. «Ob es auch im Ausland Sammler von Schweizer Noten gibt, weiss ich allerdings nicht», sagt er. Mit seinen eigenen Schätzen kann sich nur ein Sammler aus Lausanne messen. «Ich hatte einmal Gelegenheit, seine Sammlung zu sehen, da sind mir fast die Tränen gekommen.» Studer war beeindruckt, wie umfassend diese ist.

Die älteste Note der SNB

Wenn es allerdings um die Noten geht, die die Schweizerische Nationalbank (SNB) seit ihrer Gründung im Jahr 1907 jemals herausgegeben hat, dann leuchten Studers Augen. Er besitzt die kompletten Sätze aller Noten, die je in Umlauf waren. Zusätzlich ergänzte er seine Sammlung durch ausgedruckte Kopien der Reserve-Serien, die nie ausgegeben wurden. Originale gibt es von Letzteren natürlich nicht; die erstellten Sätze wurden vernichtet. «Ein kompletter Satz aller SNB-Noten befindet sich nicht einmal im Besitz der SNB», so Studer.

Als er erfahren hatte, dass die erste Note, die die Nationalbank je herausgegeben hat, ein 500-Franken-Schein von 1907, in einer Auktion war, fragte er bei der SNB an, ob diese auch mitbieten würde. Dort verneinte man. Man beteilige sich nicht an Zukäufen. Im umfangreichen SNB-Archiv in Bern, das man gegen Voranmeldung besichtigen kann, ist diese Note zwar auch ausgestellt; sie ist aber nur eine Leihgabe. So hatte Studer freie Bahn und das Exemplar ist seither in seinem Besitz. Er kauft seine Noten auf Flohmärkten, bei Münzhändlern, bei Auktionen und von privat. Die Preise sind unterschiedlich, Details möchte Studer nicht verraten.

Totentanz auf der 1000er-Note

Das Blättern durch die Albumseiten ist auch ein Exkurs in Sachen Banknoten-Design. Neben der Grösse – zum Teil die dreifache der heutigen Scheine – fallen die feinziselierten Lithografien auf. Abgebildet wurden neben Helvetia, Szenen aus dem Landleben, schöne Frauen, Kinder, Bienenstöcke, Hähne, Hunde, Bauwerke, Tells Kapelle und das Rütli. Ungewöhnlich ist die fünfte SNB-Ausgabe, die erstmals 1957 in Umlauf kam und ab dem Jahr 2000 wertlos wurde. Auf der Rückseite des 1000-Franken-Scheins ist ein Totentanz abgebildet mit Sensenmann und Totenkopf, auf der des 500-Franken-Scheins der Jungbrunnen mit nur spärlich bekleideten jungen Damen. Einige Ältere werden sich noch an diese Ausgabe erinnern; sie war bis 1980 in Umlauf.

Was sammeln Sie?

Etwas Besonderes ist die zweite Ausgabe, der «Hodler», nach dem Urheber der künstlerischen Abbildungen. «Sie war so lange wie keine andere Ausgabe in Umlauf, 47 Jahre lang», so Studer. Und das zu einer Zeit, in der zwei Weltkriege stattfanden. «Diese Serie war es, die den guten Ruf des Schweizer Franken begründet hat.» Und wie gefällt ihm die 50-Franken-Note der aktuellen neunten Serie? «Sehr gut. Ich bin zufrieden mit der Bank. Es war mutig, einmal keinen Kopf zu wählen.»

«Wer fälscht, wird enthauptet»

Eine seiner gesammelten Noten hängt in einem mit Silberbeschlägen verzierten Rahmen an einer nicht der UV-Strahlung ausgesetzten Stelle des Hauses. Das Exemplar, das fast DIN-A4 gross ist, ist keine Schweizer Note. Es handelt sich um die älteste existierende Banknote der Welt: eine chinesische 1 000-Käsch-Note aus der Zeit der Ming-Dynastie um 1370. Die Banknote wurde während des Boxeraufstandes (1899–1901) im Sockel einer Buddha-Statue gefunden, die im Sommerpalast des Kaisers in Peking stand. Die Übersetzung des Textes auf der Note lautet: «Für den Umlauf gültiges Papiergeld der grossen Ming-Dynastie. Im ganzen Reich für den Umlauf gültig. 1 Kuan = 1000 Käsch-Stücke. Auf Vorschlag des Reichsschatzamtes wird die Herstellung und der Druck von Papiergeld der grossen Ming-Dynastie befohlen, das in gleicher Weise wie das Kupfergeld für den Umlauf gültig ist. Wer Banknoten fälscht oder gefälschte in Umlauf bringt, wird enthauptet. Wer einen Fälscher anzeigt und verhaftet, erhält 250 Taels Silber zur Belohnung sowie das gesamte Vermögen des Verbrechers.»

«Als die angeboten wurde, konnte ich nicht Nein sagen», sagt Studer. 1300 Franken war ihm das gute Stück wert, das auf Maulbeerbaum-Papier gedruckt ist, zu einer Zeit, als in Europa Druck, wenn überhaupt, nur auf Pergament möglich war. Den vergleichsweise günstigen Preis erklärt Studer damit, dass die Note bündelweise gefunden wurde, also entsprechend häufig in Sammlungen zu finden ist.

Ausstellung im Frühling Paul Studer wird im März/April nächsten Jahres seine historischen Banknoten in der Oetwiler Gemeindescheune ausstellen. Näheres steht derzeit noch nicht fest.