Schlieren
Mit Schriftsteller Martin von Aesch wird Literatur zum Leben erweckt

Mit spannenden Überlegungen zu gesellschaftlichen Brennpunkten regten Martin von Aesch und Franziska Häny ihr Publikum zum Nachdenken an.

Christoph Merki
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Martin von Aesch und Gitarrist Dani Solimine animieren das Publikum.

Martin von Aesch und Gitarrist Dani Solimine animieren das Publikum.

Christoph Merki

Was würde passieren, wenn ein Wolf auf der Suche nach einem Revier und einer Wölfin in Schlieren landet? Würde sich ein Care-Team um das verwirrte Tier kümmern? Solche Fragen stellte sich der Schriftsteller Martin von Aesch am Mittwochabend in der Bibliothek Schlieren. Mögliche Szenarien hielt er seiner Hörerschaft nicht vor. Wäre die Kunde der fürsorglichen Schlieremer nämlich bis in den Nationalpark gelangt, hätten sich wohl viele Tiere auf den Weg ins Limmattal gemacht. Wäre die Meldung des Schlieremer Erfolgsmodells sogar bis in die Serengeti in vorgedrungen, wäre Schlieren wohl von Horden wilder Tiere heimgesucht worden, scherzte von Aesch. Er gab zu bedenken, dass in diesem Falle vielleicht auch plötzlich eine «Masseneinwanderungsdurchsetzungsinitiative» lanciert worden wär.

Nein, von Aesch war nicht Teil einer politischen Gesprächsrunde. Vielmehr vermittelte er den rund 40 interessierten Gästen einen Eindruck seines schriftstellerischen Schaffens. Obwohl, eigentlich war sein Auftritt im Rahmen der Reihe «Schlieren schreibt ... und liest» mehr dynamische Inszenierung als biedere Lesung. Musikalisch begleitet von Dani Solimine auf der Gitarre präsentierte der Schlieremer Texte und Gedanken aus seinem literarischen Fundus. «In meinen Texten ist nichts erfunden», beteuerte von Aesch, «höchstens ein wenig ausgeschmückt.» Sein Auftritt sprühte vor jugendlichem Schalk und schelmischem Humor. Unterhaltsam, aber dennoch mit Tiefgang versehen, behandelte er aktuelle gesellschaftliche Brennpunkte und lieferte interessante Denkanstösse. «Seine Kurzgeschichten waren sehr pointiert, humorvoll und unterhaltend», zeigte sich Erwin Estermann im Anschluss erfreut.

Mutig neue Wege gehen

Gedankliche Initialzündungen lieferte auch Franziska Häny. In ihren zwei vorgelesenen Kurzgeschichten stellte sie Fragen ohne Fragezeichen. Sie erzählte von einem Knaben auf dem Schulweg, der immer den gleichen Alltagstrott abspulte. In der mit detaillierten Szenerien ausgeschmückten Geschichte liess sie den Knaben jedoch eines Tages aus- und zu neuen Erlebnissen aufbrechen. Der Mut des Knaben, Neues zu wagen, verlieh der Erzählung viel Würze. «Die Geschichte war sehr spannend, ich bin in Gedanken selbst mit ihm im Tram mitgefahren», sagte Heidi Fasnacht anschliessend. Eher kritisch nahm Häny mit ihrer Skizze eines Hörspiels die Leistungs- und Konsumgesellschaft ins Visier.

Den literarisch sehr abwechslungsreichen Abend rundete die Gastgeberin und Leiterin der Bibliothek Schlieren, Monique Roth, passenderweise ab: «Ich wünsche uns, dass unsere Bahn auch mal weiter fährt als wir eigentlich müssten und mehr ‹Wildlife› in Schlieren.»