Majestätisch verlässt der Rolls-Royce Silver Wraith eine Garage in Dietikon. Elegant gleitet er auf die Strasse und wird sofort zum Blickfang. Schnell wähnt man sich in einer Zeit, als Audrey Hepburn die Leinwand beherrschte und Musik von Frank Sinatra aus dem Radio erklang. Doch wir sind im Jahr 2018 und am Steuer sitzt der in Dietikon wohnhafte Kunsthandwerker Raymond Chevalley, der der Limmattaler Zeitung eine Spritztour gewährt. Drei Oldtimer nennt er sein Eigen. «Ich sehe mich als kleinen Fisch unter den Rolls-Royce-Liebhabern», sagt er lächelnd. Denn man müsse kein Millionär sein, um solche Wagen zu besitzen.

«Dieses Auto war ein Herrschaftsfahrzeug», sagt er. In der Tat sitzt man im hinteren Bereich, der durch eine Scheibe getrennt werden kann, auf bequemem Leder und geniesst Beinfreiheit, während es bei Chevalley auf dem Vordersitz – im Übrigen noch ohne Sicherheitsgurte – eher eng ist. Fahren lasse sich der Wagen mit Automatik und Servolenkung aber überaus angenehm. Die Herkunft des Wagens erklärt vieles: Der Rolls-Royce trägt eine Karosserie der Firma Hooper & Co mit dem Designnamen «Empress-Line». Er war zudem der Prototyp seiner Art, von der gerade einmal 50 Stück hergestellt wurden.

«Der Wagen galt damals als etwas altmodisch, aber es ging um Qualität und um Eleganz», sagt Chevalley. Eine Eleganz, die von Emily angeführt wird. So wird die berühmte Kühlerfigur umgangssprachlich genannt, obschon sie eigentlich den Namen «Spirit of Ecstasy» trägt. Ironischerweise mochte Henry Royce, der mit Charles Rolls die legendäre Firma gründete, die Figur nicht sonderlich. Auf Chevalleys Rolls-Royce ist Emily in kniender statt stehender Position zu bewundern. «Je grösser Emily ist, umso älter ist der Wagen», sagt Chevalley.

Der erste Bentley

Seine Leidenschaft war schon in seiner Kindheit präsent. «Ich bin aber nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen. Wir hatten lange kein Auto, aber ich mochte Modellautos und Rolls-Royce wie auch Bentley standen ganz oben auf meiner Wunschliste.» Zum besseren Verständnis: Bentley war viele Jahre lang eine Marke bei Rolls-Royce, die für die «sportlichere» Variante des Fahrzeugs gebraucht wurde.

Chevalley, der 1995 der Liebe wegen von Zürich nach Dietikon zog, benötigte aber einige Zeit, um seinen Wunsch als stolzer Oldtimer-Besitzer zu verwirklichen. «Es war vor rund 30 Jahren, als mir ein kleines Inserat zugespielt wurde, in welchem ein Bentley mit Baujahr 1960 zum Verkauf angeboten wurde und ich es in Erwägung zog, den Wagen zu kaufen.» Es war ein denkbar schlechter Zeitpunkt. «Ich war frisch geschieden, ohne Geld und meine Freundin Jolanda Heimann war alles andere als begeistert.» Das Paar sah sich den dunkelgrauen Bentley dennoch an, der verstaubt in einer Garage sein Dasein fristete. «Es war eine einmalige Gelegenheit, weil der damalige Besitzer nur die Kosten der Restauration verlangte. Als mir dann Jolanda wie aus heiterem Himmel anbot, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, war die Sache klar.»

Bis heute ist die klassische Limousine in gutem Zustand und liegt auch Heimann, die heute seine Ehefrau ist, am Herzen. «Für Jolanda war klar, dass nur der Bentley als unser Hochzeitsauto infrage kam.»
Über den Betrag, den beide damals zahlten, schweigt Chevalley. Nur so viel: «Der emotionale Wert ist unbezahlbar.»

Der Haken

Nach dem Kauf des Bentleys schaffte sich Chevalley später ein weiteres Fahrzeug an: einen Rolls-Royce 20/25 HP mit Landaulette-Karosserie von Thrupp & Maberly aus dem Jahr 1930. Ein Wagen, der direkt aus der TV-Serie «Downton Abbey» stammen könnte. Darauf folgte im Jahr 2001 der eingangs erwähnte Rolls-Royce. «Ich erhielt einen Anruf eines Bekannten aus dem Rolls-Royce-Klub, da man wusste, dass ich einen solchen Wagen suche.» Zunächst hätte sich alles gut angehört, jedoch sprach der damalige Eigentümer von «einem Haken», den er nicht verraten wollte. Somit verschwand der Rolls-Royce vorerst von Chevalleys Radar, bis ihm das Fahrzeug erneut, aber auf anderem Weg, angeboten wurde. «Der so geheimnisvolle Haken war, dass das Auto in helles Türkis umlackiert wurde.» Dieser Umstand und weitere Fakten begünstigten den Preis und Chevalley konnte den dritten Oldtimer in seinem Stall begrüssen.

Kein Sozialneid

Neben seinem Beruf als selbstständiger Kunsthandwerker, in welchem er Glaswaren herstellt, widmet sich Chevalley ganz den drei Oldtimern. Seine Familie wisse immer, wo man ihn finde – meist in der Garage in Dietikon, wo alle drei Vehikel stehen. «Alle Autos bedeuten mir gleich viel und jedes hat eine andere Technik, die mich immer wieder aufs Neue begeistern», sagt er.
Ein Tüftler sei er indes aber nicht, sondern wende sich bei Reparaturen meist an eine Garage seines Vertrauens. Auch stellt er seine Wagen für spezielle Anlässe wie Hochzeiten oder Geburtstage zur Verfügung. Mit ihm als Chauffeur, versteht sich. Denn schliesslich sind die Wagen zum Fahren da. «Sozialneid habe ich nie erlebt. Viel eher muss ich die Leute manchmal davon abhalten, dass sie den Wagen nicht unaufgefordert anfassen oder einfach die Tür öffnen und reinsitzen.»

Viel zu schnell ist die Spritztour mit dem «silbernen Geist», dem Rolls-Royce Silver Wraith, vorbei, der bis zu 155 Stundekilometer erreichen könnte, was aber Chevalley heute nicht ausprobieren wird. «Auf die Autobahn gehe ich selten, auch mache ich bei keinen Rallyes mit, denn ich will die alte Dame nicht unnötig plagen.»

Möchten Sie mehr über Oldtimer im Limmattal erfahren? Lesen Sie hier über Hans Mosimann, oder auch «das fahrende Lexikon» genannt, der vier Saurer-Postautos auf seinem Hof besitzt.

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