Stadtbibliothek Dietikon

«Mit Krebs im Rucksack durch die Wüste»: Bei den Tuaregs schrieb sie ihr Leben auf

Norbu-Madelaine Faltin ist trotz ihres Schicksals eine fröhliche Frau geblieben.

Norbu-Madelaine Faltin ist trotz ihres Schicksals eine fröhliche Frau geblieben.

Mit der Diagnose Krebs tritt Norbu-Madelaine Faltin 1999 entgegen dem Rat ihres Arztes ein gebuchtes Wüstentrekking an. Dort begann sie, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Daraus ist ein Buch entstanden, das die Autorin in der Stadtbibliothek vorstellt.

«Inzwischen bin ich 70 Jahre alt geworden und schaue gerne in den Rückspiegel. Wenn ich einmal die Augen für immer schliessen werde, schaue ich auf kein langweiliges Leben zurück.» Das schreibt Norbu-Madelaine Faltin in ihren Lebenserinnerungen «Mit Krebs im Rucksack durch die Wüste», das sie morgen Donnerstag in der Stadtbibliothek Dietikon vorstellt. Die Autorin ist eine fröhliche, temperamentvolle Frau von 72 Jahren. Wenn sie von ihrem Leben erzählt, dann erstaunt es, dass ihr das ansteckende Lachen nicht abhandengekommen ist. Ein Heimaufenthalt nach der Scheidung der Eltern, die Zeit bei Pflegeeltern, dann mit 11 Jahren die Verantwortung für einen Haushalt und ihre Geschwister prägten ihre Kindheit.

Sie liess sich nie unterkriegen und hatte lange Jahre eine gutgehende Praxis für Ayurvedabehandlungen und Naturheilkunde. Kurz nachdem sie 1999 ein Wüstentrekking in Algerien gebucht hatte, um dem Millennium-Trubel zu entfliehen, konfrontierte sie ihr Arzt mit der Diagnose Krebs. «Er riet mir von der Reise ab», erinnert sich Madelaine Faltin. «Ich sagte mir aber, jetzt erst recht.» 16 Tage war sie mit den Tuaregs auf dem Rücken eines Kamels unterwegs, schlief im Sand, dachte nach über ihr Leben und schrieb Tagebuch. Als sie nach Hause zurückkehrte, wusste sie, dass Chemotherapie und Bestrahlung nicht infrage kommen. Bei den Anthroposophen fand sie die Behandlung, die für sie stimmte.

Für die Enkelkinder geschrieben

Für ihre Enkelkinder hat Madelaine Faltin, die ihrem Vornamen das tibetische «Norbu»für Edelstein voranstellt, ihre Erinnerungen an ihr Leben und an die prägende Reise durch die Wüste aufgezeichnet. «Jeden Abend schrieb ich im Schlafsack beim Schein des Feuers ein Kapitel über die Erlebnisse des Tages, über meine Gefühle und über mein Leben.» Freunde rieten ihr, einen Verlag zu suchen. Man sagte ihr: «Es gibt so viele Menschen, die vom gleichen Schicksal betroffen sind. Du kannst sie mit deinen Erinnerungen stärken.»

Heute liegt das Buch bereits in der zweiten Auflage vor und die Autorin wurde im März an die Leipziger Buchmesse eingeladen. Mit klopfendem Herzen sei sie hingefahren, gesteht Faltin, aber ihre Angst sei unbegründet gewesen. Wo sonst bei den Lesungen ein Kommen und Gehen war, herrschte während bei ihrer Lesung aufmerksame Stille, erzählt sie. «Die Menschen sind angestanden, um mich zu hören.»

Der Autorin ist es wichtig, dass ihr Buch die Menschen zur Besinnung bringt. Als Freiwillige betreut sie eine 80-jährige Sehbehinderte und liest ihr bei ihren Besuchen jeweils ein Kapitel vor. «Wenn ich erzähle, wie ich mit meinem Vater Maikäfer von den Bäumen schüttelte, strahlen die Augen der Frau, weil sie sich an ihre eigene Kindheit erinnert.» Das Buch, so Faltin, habe sehr viel Positives bewirkt und das mache sie stolz.

«Das Leben ist Theater genug»

Madelaine Faltin hat der Krebs vor zwei Jahren wieder eingeholt. Da war für sie und die Ärzte klar: Jetzt hilft nur noch eine Chemotherapie. «Damals, mit 56, hatte ich mich darauf vorbereitet, die Welt zu verlassen. Als ich mit der erneuten Krebsdiagnose konfrontiert war, hatte ich aber gar keine Lust zu sterben», sagt die Autorin und lacht ihr ansteckendes Lachen. «Jetzt habe ich alles hinter mir – das sind meine zweiten Haare.»

Dass sie ihr Buch anlässlich einer Lesung in Dietikon vorstellen wird, ist kein Zufall. Die Zeit bei Pflegeeltern hat sie im Bezirkshauptort an der Poststrasse verlebt. Und von Geroldswil aus, wo sie vor ihrer Pensionierung einige Jahre wohnte, nahm sie regen Anteil am kulturellen Leben Dietikons. Sie ist Mitglied des Vereins Theater Dietikon und hat vor Jahren bei einem Improvisationstheater mitgespielt. Aber nur einmal, lacht sie. «Das Leben ist Theater genug.»

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