Schlieren
Mit knapp 50 auf zu neuen beruflichen Ufern - das Risiko kann sich auszahlen

Ein später Karrierewechsel ist für immer mehr Menschen ein Thema, birgt aber auch Gefahren. Der Schlieremer Parlamentspräsident Rolf Wegmüller zeigt vor, wie eine Kehrtwende gehen kann.

Alex Rudolf
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Der CVP-Parlamentspräsident Rolf Wegmüller orientiert sich beruflich neu und arbeitet nun im Opernhaus.

Der CVP-Parlamentspräsident Rolf Wegmüller orientiert sich beruflich neu und arbeitet nun im Opernhaus.

Alex Rudolf

Für Rolf Wegmüller läuft es zurzeit rund. Erst vor wenigen Wochen kündigte der Schlieremer Parlamentspräsident via Facebook an, dass er eine neue Anstellung gefunden hat. «Ab Mitte August werde ich an der Kasse und im Backoffice des Opernhauses arbeiten», sagt er strahlend. Nach genau 24 Jahren und 10 Monaten in unterschiedlichen Bereichen bei der Credit Suisse ein radikaler Karrierewechsel des 49-Jährigen.

Dass sich Arbeitnehmer in ihren 40ern und 50ern Gedanken über einen Branchenwechsel machen, von diesem Trend spricht auch Hanni Bütler vom Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. «Vor rund fünf Jahren waren Ratsuchende aus dieser Altersgruppe eher die Ausnahme. Heute ist es jedoch normal, im mittleren Alter eine Laufbahnberatung oder eine berufliche Standortbestimmung zu machen», sagt sie. Bütler führt dies auf einen gesellschaftlichen Wertewandel zurück. «Früher war es für Grossfirmen ein Tabu, Leute, die noch wenige Jahre vor der Pensionierung stehen, zu entlassen.» Dieses Tabu werde immer öfter gebrochen. Zudem, ergänzt sie, mache es den Anschein, dass gewisse Diplome und Ausbildungen heutzutage mehr zählen als Erfahrung.

Rolf Wegmüller wurde nicht gekündigt, er selber wollte von der Bank weg. Bereits vor einigen Jahren fingen Ermüdungserscheinungen von seiner Bankerkarriere an, sagt der CVP-Politiker. «Mit der Mentalität, dass der Profit und nicht der Kunde im Mittelpunkt steht, hatte ich je länger, je mehr Mühe», sagt er. Letztes Jahr liess er sich CS-intern in eine andere Abteilung versetzen. «Dieser Wechsel hat jedoch nicht zu mehr Zufriedenheit im Berufsleben geführt», so Wegmüller. So entschied er im März dieses Jahres, per Ende Juni seine Kündigung einzureichen und dem Bankensektor auf immer ade zu sagen — ohne einen neuen Job zu haben.

Digital Immigrants haben es schwer

Von diesem Vorgehen rät Hanni Bütler ab. «Es ist wichtig, vor einem geplanten Branchen- oder Berufswechsel eingehend mit sich und dem Angebot auf dem Arbeitsmarkt auseinanderzusetzen», sagt sie. Wer dies nicht tue, könne davon überrumpelt werden, wie schwierig es sein kann, eine neue Anstellung zu finden. Im «Seminar 50 Plus», das die Laufbahnberatung der Stadt Zürich sowie einige kantonale Berufsberatungsstellen anbietet, werden Möglichkeiten für die Karriereplanung in diesem Lebensabschnitt erörtert. Dabei zeige sich oft, dass es Alternativen zu einem Berufswechsel gibt, so Bütler und verweist auf eine Reduktion des Pensums oder einen Wechsel innerhalb des Betriebs.

Aus zwei Branchen melden sich speziell viele Leute zwischen 40 und 60 Jahren bei der Laufbahnberatung: Menschen aus der Werbebranche wie Grafiker oder Art Directors sowie aus der Marketing- und Kommunikationsbranche. Diese Berufsleute würden sich immer häufiger gezwungen sehen, nach beruflichen Alternativen zu suchen, so Bütler. «Der Grund dafür ist, dass hier der technische Wandel besonders rasch vonstatten geht.» Für die Digital Immigrants, dies sind Personen, die vor 1980 geboren wurden, werde es in einigen Bereichen zunehmend eng, so die Laufbahnberaterin.

Auch im Bankensektor können sich viele Angestellte einen Berufswechsel vorstellen, sagt Rolf Wegmüller. «Generell ist die Unzufriedenheit gross. Viele ehemalige Kollegen schauen sich nach einer neuen Stelle um», sagt er. Die Angst, nichts zu finden, sei aber sehr gross.

Mehrere Monate auf Stellensuche

DIES RATEN DIE LAUFBAHNPROFIS

Bereiten Sie sich sorgfältig vor und kündigen Sie nicht einfach ins Blaue.

Machen Sie eine persönliche und berufliche Standortbestimmung: Welches sind meine Ressourcen, was sind meine Bedürfnisse? Sind meine Kompetenzen à jour?

Marktübersicht gewinnen durch Studieren der Stellenanzeigen / Gespräche mit Branchenleuten.

Setzen Sie bei der Stellensuche auf die Networking-Strategie.

Bereits seit 19 Jahren ist Wegmüller in verschiedenen Aufführungen im Opernhaus regelmässig als Statist auf der Bühne zu sehen. Kurz nach der Kündigung bei der Bank liebäugelte er mit einer Anstellung in der Kulturinstitution. «Als dann die Stelle Anfang Juli ausgeschrieben wurde, da wusste ich: Ich will diesen Job», sagt er. Bevor er die Zusage jedoch Ende Juli erhielt, war er mehrere Monate auf Stellensuche. In dieser Zeit hat er sich auf viele Inserate beworben. «Am meisten interessiert haben mich Jobs bei öffentlichen Verwaltungen», so Wegmüller, und er betont, dass es für ihn zentral sei, im Beruf oft mit Menschen zu tun zu haben. Auf diese Bewerbungen hat er jedoch nur Absagen erhalten. Wegmüller sieht den Grund dafür in einem Fehler, der sich in die Bewerbungsunterlagen geschlichen hat. «Ein Bekannter hat mein Dossier layouterisch aufgebessert, dabei hat er mich aus Versehen zehn Jahre älter gemacht», sagt er schmunzelnd. Es sei ein Unterschied, ob man im Alter von 49 oder 59 auf Stellensuche geht, ist er überzeugt.

Grundsätzlich könne eine neue berufliche Aufgabe im Lebensabschnitt 40 bis 60 aber auch eine Chance sein. «Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Partner arbeitet, dann braucht man auch weniger finanzielle Mittel», so Hanni Bütler. Diese Freiheit nutzen einige Menschen, um sich neu zu orientieren und sich so ein Stück weit selbst zu verwirklichen.

Rolf Wegmüller hat das Glück, keine ganze Familie ernähren zu müssen. Kinder hat er keine und sein Partner habe ihn darin bestärkt, die Bank zu verlassen und etwas Neues aufzubauen. «Dass dies ein grosses Privileg ist, dessen bin ich mir bewusst», sagt er. Dass er an der Opernhaus-Kasse weniger verdienen wird, als er es im CS-Standort Uetlihof getan hat, dessen ist sich Wegmüller bewusst. Zum einen, weil er nicht mehr Vollzeit arbeitet, zum anderen sind die Gehälter im Kultursektor generell tiefer. Dies störe ihn jedoch nicht, denn für ihn sei mehr freie Zeit wertvoll. «Zudem ist der Lohnunterschied auch wieder nicht so gross, wie manche annehmen würden. Nur wenige Bankangestellte haben exorbitant hohe Saläre», fügt er schmunzelnd an.

Ist ein Branchenwechsel im fortgeschrittenen Alter unweigerlich mit einem Prestigeverlust verbunden? Dies würde Hanni Bütler nicht unterschreiben. «Manche unserer Klienten können es sich nicht vorstellen, einen Job unter ihrem Ausbildungsniveau anzunehmen. Andere wiederum haben keine Probleme damit», sagt sie und verweist darauf, dass erst kürzlich ein Grafiker einen Neustart als Chauffeur bei den Verkehrsbetrieben Zürich gewagt hat.