Schlieren
Mit Hammer und Stangen gegen Hagelbeulen

Im Hagel-Help-Point in Schlieren werden Autobesitzer wieder glücklich gemacht. Die Schäden nach dem Hagelsturm von Anfang Juli werden hier im Akkord ausgebessert.

Katja Landolt
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Die Beulen werden nicht nur herausmassiert, sondern auch ausgezogen
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Die Werkzeuge der Dellendrücker sehen nach Folterwerkzeugen aus
Mit kleinsten Bewegungen schlägt der Drücker die Dellen aus dem Dach
Ein Schadenexperte zählt die Dellen auf der Motorhaube eines Fiat Puntos
Im Hagel-Help-Point in Schlieren geht es den Dellen an den Kragen

Die Beulen werden nicht nur herausmassiert, sondern auch ausgezogen

Katja Landolt

Er schlägt zu. Das Kinn einen Fingerbreit über dem fliederfarbenen Metall, den Blick konzentriert auf einen Punkt gerichtet, hämmert der Spezialist mit kleinsten Bewegungen die Delle aus dem Dach des Nissan Micra. Tief gestellte Scheinwerfer beleuchten das Metall, aus einem kleinen Radio dröhnt Italo-Rock.

8000 Schadenfälle im Raum Zürich

Die Beule auf dem Micra ist eine von Abertausenden Dellen, die der Hagelsturm von Anfang Juli auf Dächern, Motorhauben und Kotflügeln hinterlassen hat. Die Zürich Versicherungs-Gesellschaft AG rechnet schweizweit mit über 10000 beschädigten Fahrzeugen, allein 8000 Schäden im Grossraum Zürich . So viele, dass die Versicherung in der ganzen Schweiz neun Hagel-Help-Points errichtet hat, um ein schnelles und reibungsloses Schadenmanagement zu garantieren. Einer davon befindet sich in Schlieren. Rund 3000 Kunden werden hier in den nächsten Tagen und Wochen betreut.

Im Halbstundentakt fahren drei neue Schadenfahrzeuge in die Tiefgarage der Mercedes Benz Automobile AG. Auf drei Bahnen nehmen Schadenexperten die Autos unter die Lupe, zählen die Dellen auf den einzelnen Bauteilen und tragen sie in die Kalkulationstabelle ein. Die errechnet, wie teuer die Reparatur ausfallen wird. Mit dem Kunden wird dann das weitere Vorgehen besprochen; er kann das Auto direkt vor Ort oder bei seinem eigenen Garagisten reparieren lassen. Oder sich das Geld auszahlen lassen.

Kunde Christian Birchinger steht vor seinem zerbeulten Toyota Celica. Er sei noch kurz vor dem Hagelsturm erwacht. «Aber ich hatte keine Möglichkeit mehr, das Auto in Sicherheit zu bringen; innert Sekunden brach der Sturm los.» Jetzt hofft der Zürcher, dass ihm der Schadenexperte für seinen Celica keinen Totalschaden attestiert. Birchinger schwant Böses: «Der Hagel hat jedes mögliche Bauteil erwischt.»

Wie Folterwerkzeuge

Sechs Männer sind derzeit in Schlieren daran, die Autos beulenfrei zu machen. «Wir haben Ressourcen aus der ganzen Schweiz zusammengezogen und unsere Reparaturpartner haben zusätzlich Drücker aus dem Ausland engagiert», sagt Simona Vivarelli, Teamleiterin Help-Point Ost. So stammt einer der Schadenexperten aus dem Tessin, die Spezialisten, die die Dellen ausbeulen, sind sogar aus Italien gekommen.

Die Dellendrücker arbeiten mit Geräten, die an Folterwerkzeuge erinnern – aber sie hantieren mit einer unglaublichen Vorsicht. «Das sind wahre Künstler», meint Teamleiterin Vivarelli. Und trotz der Vorsicht sind sie extrem schnell: Für eine normal grosse Beule an einer gut zugänglichen Stelle braucht ein Experte rund zehn Sekunden. Grosse Dellen hingegen brauchen zehn bis 15 Minuten.

Metall gleicht Mondlandschaft

Der Reparaturaufwand ist enorm. Einen Jaguar hat es besonders schlimm erwischt; 800 Hagelkrater hat der Experte alleine auf dem Dach gezählt. Das Metall gleicht eher einer Mondlandschaft, denn der ursprünglich spiegelglatten Fläche. «Dieses Dach auszubeulen nimmt allein rund zehn Stunden Arbeit in Anspruch», sagt Konstantin Hofmeister, Fahrzeugexperte von Zurich.

Wäre es da nicht billiger, das Dach zu ersetzen? Hofmeister schüttelt den Kopf. «Das Dach zu ersetzen, käme teurer zu stehen.» Das Dach auszubeulen, kostet rund 1200 Franken; es zu ersetzen schätzungsweise das Vierfache. «Diese Reparaturvariante ist nicht nur kostengünstig, sondern auch ökologisch», ergänzt Thomas Kast, Geschäftsleiter der Mercedes Benz Automobile AG. So könnte tonnenweise Farbe gespart werden, die beim Lackieren der neuen Teile verbraucht würden.