Mit ruhiger Stimme redet Robert Füllemann auf seinen Habicht ein. Der Vogel soll auf den Lederhandschuh steigen, den der Falkner an seiner linken Hand trägt. «Derzeit sind die Vögel in der Mauser, während der sie ihr Federkleid wechseln, da kommen sie nicht gerne heraus», sagt er. Auf dem Handschuh liegt ein totes Küken. Der Leckerbissen soll den Habicht locken.

Füllemann ist einer von etwa 20 sogenannten Beizjägern in der Schweiz, die mit Greifvögeln auf die Jagd gehen. In seinem Zuhause in Oberschneit im Bezirk Winterthur hält der 55-Jährige zwei Habichte, mit denen er Krähen jagt. «Ich habe zwei Vögel, aber nur wenn man diejenigen mit Federn zählt», sagt er und lacht laut. Seine Passion für die Greifvögel ist auch in seinem Haus unübersehbar – auf Fotos, Gemälden und ausgestopft. Seine Frau möge die Vögel auch sehr, sagt Füllemann. Sie kümmert sich um die Tiere, wenn er mal weg ist. Ist das Ehepaar zusammen verreist, springt die erwachsene Tochter ein.

Vor 30 Jahren begann Füllemann – von Beruf Hauswart in einem Schulheim – mit der konventionellen Jagd und engagierte sich in verschiedenen Revieren. Seit einigen Jahren ist er Obmann im Jagdrevier Bertschikon. «Irgendwann reizte es mich, mit einem wilden Tier zusammen zu jagen», sagt er. Sich einer jahrtausendealten Tradition zu widmen, habe ihn fasziniert. So begann er seine Laufbahn als Falkner und Beizjäger. Dafür belegte er Kurse, absolvierte Ausbildungen und legte verschiedene Prüfungen ab. «Wenn man sich Mühe gibt, kann man vielleicht nach fünf Jahren überhaupt erst dran denken, mit einem Greifvogel zu jagen.» Dafür braucht es nebst einer Haltebewilligung auch die Falknerprüfung.

Seine beiden Habichte kamen als Jungvögel zu ihm und sind nun «im zehnten Flug», wie der Falkner sagt, sprich zehn Jahre alt. Von November bis Februar lässt Füllemann seine Greifvögel jeden zweiten Tag fliegen, um Krähen zu jagen, die sich in Schwärmen zusammenrotten und Felder plündern. «Im Winter fällt mein Mittagessen aus», sagt Füllemann. Das Hobby sei aufwendig und zeitraubend, keine Wochenendbeschäftigung, die man einfach so nebenbei ausübe.

Zu Tieren hatte Füllemann schon immer eine enge Beziehung. Sein erstes Haustier war eine junge Sau, die ein Bauer nicht grossziehen konnte, weil die Muttersau mehr Ferkel warf, als sie Zitzen zum Säugen hatte. «Mein Vater war nicht begeistert, als ich die Sau nach Hause brachte.» Aber der Sohn konnte den Vater schliesslich überzeugen, das Tier zu behalten, um es im Herbst zu schlachten. Wehgetan habe ihm das nicht. «Das Schwein hatte ein schönes Leben in unserem Garten.»

Im Umgang mit den Habichten brauche man nebst der nötigen Zeit vor allem Ruhe und Geduld. «Man kann den Vogel zu nichts zwingen», sagt Füllemann, während er gemütlich eine Pfeife stopft. Er ist die Ruhe in Person. Überlegt genau, bevor er eine Antwort gibt, und horcht immer wieder auf die Vogelstimmen, die seinen Garten erfüllen. «Ein Grünspecht», sagt er mitten im Gespräch, bevor er aufs Thema zurückkommt. «Ein Habicht ist kein Haustierchen, sondern ein hoch spezialisierter Jäger.»

Darum müsse man im Umgang mit ihnen immer ruhig bleiben. «Wenn man sich über den Vogel ärgert, sollte man ihn sofort versorgen», sagt der Falkner. Sowieso könne der Habicht machen, was er wolle. «Und wenn er sich auf einen Baum setzt und einige Stunden dort hocken bleibt, dann kann man am Boden einen Kopfstand machen.» Den Vogel interessiere das nicht.

«Zum Glück» sei er schon immer ein ruhiger Mensch gewesen, sagt Füllemann und zieht genüsslich an seiner Pfeife.Wer ungeduldig wird, macht Fehler, was sehr schmerzhaft enden kann. Die Krallen der Habichte sind scharf wie Rasierklingen. Man sage nicht umsonst, der Habicht habe Augen wie Feuer, Federn wie Seide und Krallen wie Stahl. Wenn man ihm zum Beispiel voreilig seine Beute, sprich die gejagte Krähe, abnehmen will, kann es vorkommen, dass er sich wehrt und sie verteidigt. «Das meint er dann nicht böse, sondern es entspricht seiner Natur», sagt Füllemann. Überhaupt müsse man die Natur der Tiere respektieren. «Nur ein gesunder, gut konditionierter Beizvogel lässt sich zum Jagen motivieren.»