Dietikon
Mit Fernwärme vom Abfall zum Bonbon

Die Limeco in Dietikon liefert Fernwärme an diverse Firmen, unter anderem auch an die Zältli-Fabrik Hunziker. Dank verbranntem Plastik, Papier, Karton, Textilien und Speiseresten laufen die Maschinen der Bonbon-Fabrik heiss.

Katja Landolt
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Limeco-Geschäftsführer Emil Schönmann (l.) und Kundendienstleiter Hanspeter Engeli erklären die Fernwärmeanlage.

Limeco-Geschäftsführer Emil Schönmann (l.) und Kundendienstleiter Hanspeter Engeli erklären die Fernwärmeanlage.

Limmattaler Zeitung

Es ist heiss in den Hallen der Limeco, heiss, laut und stickig. In den Öfen glüht der Abfall, bereits mehr Schlacke denn erkennbare Gegenstände. Es riecht, wie Abfall halt riecht. Der Gedanke, dass die Kehrichtverbrennungsanlage auch nur das Geringste mit einer Bonbon-Fabrik zu tun haben könnte, erscheint völlig absurd.

Doch tatsächlich: Die Limeco in Dietikon, der ehemalige Kläranlageverband Limmattal (KVL), beliefert aus ihrem Kehrichtheizkraftwerk und ihrer Abwasserreinigungsanlage mehrere Liegenschaften und Firmen in den Quartieren Silbern und Limmatfeld mit Fernwärme. Darunter auch die Bonbons- und Nahrungsmittelfabrik F. Hunziker + Co AG an der Heimstrasse.

Minimaler CO-Ausstoss

Die Zältli-Fabrik war 1984 die erste Firma, die an das Fernwärmenetz der Limeco angeschlossen wurde. Fritz Hunziker hatte sich damals für Dampf als Energieform entschieden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. «Der Ölpreis ist ständigen Spekulationen unterworfen und schwankt. Bei Dampf muss man nicht disponieren», sagt Geschäftsführer Konrad Kaufmann.

Und Reto Reinli, Leiter Betrieb, ergänzt: «Heute profitieren wir massiv von der damaligen Entscheidung, weil wir einen minimalen CO-Ausstoss ausweisen können.» Dieser konnte dank der Fernwärme um 1700 Tonnen pro Jahr reduziert werden. Ausserdem gestalten sich die Kosten für Fernwärme, insbesondere in Anbetracht des aktuellen Ölpreises, sehr attraktiv.

Fernwärmekreislauf ist immer vom Verbraucherkreislauf getrennt

Doch wie kommt die Wärme vom Abfall zum Bonbon? Durch die Abfallverbrennung in der Limeco entstehen bis zu 1000 Grad Celsius heisse Rauchgase, die Wasser in einem Dampfkessel aufheizen und verdampfen lassen. Pro Stunde kommen so 42 Tonnen Dampf zusammen. Der rund 400 Grad Celsius heisse Dampf treibt mit 50 bar eine Turbine an, wo ein gekoppelter Generator Strom erzeugt. Mit einem Druck von 18 bar wird der Dampf durch ein speziell isoliertes, rund 830 Meter langes (das gesamte Fernwärmenetz ist 4,3 km lang), hauptsächlich unterirdisch verlegtes Rohrleitungssystem zum Kunden transportiert. Ähnlich funktioniert es auch mit Heisswasser.

Ist die Wärme beim Kunden abgegeben, werden der Dampf oder das Heizwasser zurück ins Kehrichtheizkraftwerk geführt und erneut erhitzt. Der Fernwärmekreislauf ist immer vom Verbraucherkreislauf getrennt, hauptsächlich aus sicherheitstechnischen und hygienischen Gründen. So auch bei der F. Hunziker + Co AG: In einem Dampfumformer wird die Wärme mittels dünner Röhrchen auf den betriebseigenen Dampf-Kreislauf übertragen und der Druck reduziert. Mit der Hitze werden die verschiedenen Verbraucher bedient: die Kochanlagen für die Zuckerschmelze, das Heizungssystem des Gebäudes und die Kältemaschinen.

Es braucht eine unterbruchlose Versorgung

Auch das Heisswasser wird mittels Dampf erwärmt. «Wir sind auf eine unterbruchlose Versorgung angewiesen», sagt Kaufmann. Würde die Dampfversorgung zusammenbrechen, würde die Bonbon-Produktion auf Eis gelegt: Die Zuckermasse wird bei Temperaturen zwischen 140 und 160 Grad Celsius gekocht. Sobald sie unter 30 Grad abkühlt, wird sie steinhart; wird der Kochprozess unterbrochen, verstopft die Masse die Maschinen.

Damit das nicht passiert, werden die Anlagen und das gesamte Netz regelmässig gewartet. Ausserdem hat die Limeco zwei Ofenlinien zur Beheizung des Dampfkessels zur Verfügung. Sollten beide Öfen ausfallen, würde ein separater ölbefeuerter Dampfkessel bei der Limeco die Dampflieferung für den Kunden sicherstellen.

Strom auch für Kläranlage

Mit den rund 88000 Tonnen Abfall, die jährlich verbrannt werden, gewinnt die Limeco rund 65000 Megawattstunden (MWh) elektrische Energie und 25000 MWh Wärmeenergie. Zum Vergleich: Ein gut isoliertes Einfamilienhaus verbraucht heute fürs Heizen rund 1000 Liter Öl pro Jahr – 1000 Liter Heizöl entsprechen rund 10 MWh. Allein mit der heute gewonnenen Fernwärme könnten 2500 Einfamilienhäuser das ganze Jahr über geheizt werden.

Die Wärmeabgabe bei der Limeco könne von heute 25000 MWh pro Jahr sogar auf 65000 MWh gesteigert werden, sagt Emil Schönmann, Geschäftsführer der Limeco. «Was wir heute nicht in Fernwärme abgeben können, verstromen wir.» Der Strom versorgt die betriebseigenen Liegenschaften und die Kläranlage, der Rest wird in das Stromnetz eingespeist. Dieser Rest entspricht einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 8000 Haushaltungen. Eine rentable Sache: «Dieser Strom bringt uns pro Jahr zusätzliche Einkünfte von mehreren Millionen Franken», so Schönmann. Mit der Energie aus dem Kehrichtheizkraftwerk können die Fernwärmebezüger pro Jahr rund zwei bis zweieinhalb Millionen Liter Heizöl sparen.

Für Einfamilienhäuser rentiert Fernwärmeanlage nicht

Doch auch die Produktion von Fernwärme würde sich lohnen: «Wegen der unterschiedlichen Wirkungsgrade könnten wir mit dem Abfall, den wir verbrennen, fünfmal mehr Fernwärme als Strom erzeugen», sagt Hanspeter Engeli, Leiter Kundendienst bei der Limeco.

Wie steht es um die Zukunft der Fernwärme? Solange die Preise für fossile Brennstoffe derart tief waren, sei Fernwärme als Alternative unattraktiv gewesen. «Heute sieht die Sache anders aus», sagt Engeli.

Potenzial sieht er hauptsächlich in der Versorgung von Industrie und grossen Überbauungen, für Einfamilienhäuser rentiere die Installation einer Fernwärmeanlage noch nicht. Geplant ist beispielsweise die Versorgung des Quartiers Niderfeld. «Schlussendlich liegt es aber an den Stadtplanern, die Fernwärme in Zukunft noch besser zu nutzen. Wir haben noch viel Potenzial.»