Unterengstringen

Mit Elan ins Musikbusiness: «Selbstverwirklichung ist der grösste Lohn»

Nicolas Herzig alias Loco Escrito und Ibrahim Chebli sind stolz auf ihre ersten produzierten Alben.

Nicolas Herzig alias Loco Escrito und Ibrahim Chebli sind stolz auf ihre ersten produzierten Alben.

Nicolas Herzig und Ibrahim Chebli wollen mit ihren Kollegen von der Unterengstringer Musikagentur FM Music Group in der Branche Fuss fassen. Dies geht nur mit Hartnäckigkeit und harter Arbeit, wie sie erfahren mussten.

Ibrahim Chebli, vor einem Jahr wurde FM Music Group GmbH gegründet, zu der auch das Label FarMore Records gehört. Jetzt werden die ersten beiden CDs veröffentlicht. Untere anderem jene von Nicolas Herzig alias Loco Escrito. Was ist das für ein Gefühl?

Ibrahim Chebli: Das Gefühl ist gut. Es ist wie eine Erlösung nach viel Vorarbeit und zeigt uns, dass es vorwärtsgeht. Es bestätigt uns, dass wir gute Arbeit leisten. Jetzt müssen sich die CDs nur noch verkaufen.

Wie wird Ihr Start in der Szene bewertet, hat man dort auf Sie gewartet?

Chebli: Wir erfahren sicher Anerkennung. Die Leute in der Musikbranche respektieren uns für das, was wir machen. Sie merken, dass wir eigenständig sind.

Nicolas Herzig: Richtiges Feedback erhält man in der Musikbranche aber erst, wenn man Veröffentlichungen vorweisen kann. Wir sind also gespannt, wie die Leute reagieren. Ich glaube aber schon, dass es unser Angebot braucht.

Weshalb sind Sie so sicher?

Herzig: Wir sind nicht nur ein Label. Auch eine Booking- und Management-Agentur und ein Verlag gehören zu unserer Agentur. Zudem organisieren wir Events und betreiben einen Bandshop. Man kann bei uns ein ganzes Paket haben und muss sich nicht alles einzeln zusammensuchen. Das wird geschätzt.

Sie haben eine Marktlücke entdeckt?

Chebli: Ja, kann man so sagen. Die Musikbranche teilt sich in wenige grosse Major-Labels und kleine Indie-Labels, meist Einzelunternehmen, auf. Etwas dazwischen, wie wir es anbieten, gibt es wenig. Wir haben eine überschaubare Zahl an Konkurrenten. Künstler, die die Anforderungen eines Major-Labels nicht erfüllen, haben bei uns ihre Chance.

Welche Anforderung muss ein Künstler mitbringen, dass Sie ihn unter Vertrag nehmen?

Chebli: Ein Major verlangt eine gewisse Anzahl Fans und CD-Verkäufe. Auch wir haben Messlatten, sie sind jedoch tiefer als bei einem Major.

Welche musikalischen Ansprüche stellen Sie an einen Künstler?

Chebli: Wir sind sehr offen. Uns ist wichtig, dass der Musiker für seine Musik lebt und hinter dem steht, was er macht. Natürlich muss auch die Qualität stimmen.

Herzig: Neben der Qualität muss auch der Motor stimmen. Ein Musiker muss Vertrauen in seine Arbeit haben und das auch nach aussen zeigen. Es braucht Selbstvertrauen, um nach oben zu kommen. Sich gut zu verkaufen, ist fast wichtiger als das Talent. Talentierte Musiker gibt es viele. Sie haben noch keinen Namen. Major-Labels wollen aber gerade solche Leute, die bereits bekannt sind. Die Arbeit, einen Künstler aufzubauen, wollen sie nicht machen. Dort setzen wir an. Wobei auch wir nicht bei null beginnen wollen. Gewisse Bühnenerfahrungen müssen die Künstler bereits mitbringen.

Obwohl Sie alle aus dem Hip-Hop-Bereich kommen, muss ein Musiker nicht in dieses Genre gehören, damit Sie ihn unter Vertrag nehmen?

Chebli: Den ersten Kontakt hatten wir mit Hip-Hop. Ich bin aber der Meinung, dass man in jedem Genre gute Songs entdecken kann. Man darf sich heute nicht mehr auf einen Bereich beschränken.

Könnte Ihr Unternehmen überleben, wenn es nur Schweizer Hip-Hopper unter Vertrag hätte?

Chebli: Nein, dafür ist der Markt zu klein.

Herzig: Mit Mimiks, dessen CD dieser Tage ebenfalls erscheint, haben wir aber einen Musiker unter Vertrag, von dem viele sagen, dass er eine grosse Schweizer Rap-Hoffnung ist. Aber wir wollen uns breiter ausrichten. Es gibt viele interessante Künstler in der Schweiz.

Sie haben gesagt, dass es fast wichtiger ist, wie man sich verkauft, als über Talent zu verfügen. Müssen Sie immer noch viele Klinken polieren, damit Ihre Künstler auftreten können oder gespielt werden?

Chebli: Gerade bei den Radios muss man dranbleiben und immer wieder Kontakt aufnehmen. Nur so hat man die Chance, dass unsere Musiker gespielt werden. Unser Ziel ist es, dass man unsere Künstler spielt, weil man weiss, dass aus unserer Agentur nur gute Qualität kommt.

Herzig: Hartnäckigkeit ist enorm wichtig. Radios spielen einen Song nicht einfach aus gutem Willen. Ein Künstler muss etwas vorweisen können, beispielsweise Live-Auftritte, damit er im Radio läuft. Das heisst, dass man auch bei Veranstaltern immer wieder nachhaken muss. Einmal anrufen und warten, bis sich etwas tut, funktioniert nicht. Fabio Menzi, der unsere Firma gegründet hat, ist ein hartnäckiger Mensch. Er erwartet das auch von den Künstlern.

Ein Künstler muss also auch diesbezüglich zu Ihnen passen?

Chebli: Grundsätzlich geht es darum, dass man seine Arbeit richtig macht. Das gilt aber nicht nur in unserem Business. Überall wird eine gesunde Einstellung zu seinem Beruf erwartet.

Das klingt sehr nüchtern. Es ist also nichts mit wildem Musiker-Leben?

Herzig: Mit einem Künstler, der sich ausschliesslich auf sein Talent verlässt und sich auf die faule Haut legt, ist die Zusammenarbeit schwierig. Talent ist ein Geschenk, der Schlüssel zum Erfolg ist aber harte Arbeit. Oftmals kommen deshalb die Arbeiter weiter als die Talente. Letzteren ist vieles in den Schoss gefallen. Sie haben deshalb gar nie gelernt, zu kämpfen.

Chebli: Zur harten Arbeit gehört auch, dass man mit Rückschlägen umgehen kann. Viele können das aber nicht. Es gibt viele Bands, die den Durchbruch erst nach Jahren schaffen.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Herzig: Erhalte ich eine Absage, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder verkrieche ich mich zu Hause. Oder ich sage mir, jetzt erst recht, ich zeige es euch. Letzteres entspricht meinem Naturell.

Sie sagen, dass die Musikbranche ein knallhartes Business ist, in dem nicht der Talentierteste, sondern der Lauteste ganz nach oben kommt. Wieso tun Sie sich das überhaupt an?

Chebli: Es gibt natürlich auch viele schöne Seiten. Wir sind nicht unablässig am Chrampfen. Die CD ist ein Gemeinschaftswerk, das uns stolz macht. Ich halte das Resultat meiner Arbeit in den Händen. In einem Grossunternehmen trage ich nur einen kleinen Teil zu einem grossen Ganzen bei.

Verdienen Sie mit der FM Music Group schon etwas?

Chebli: Nein, wir müssen alle noch nebenbei arbeiten. Unser Ziel ist es aber, dass wir irgendwann nur noch vom Label leben können. Wir haben uns schon Löhne ausbezahlt, sie liegen jedoch im tiefen Bereich.

Herzig: Für mich ist die Selbstverwirklichung der grösste Lohn. Gemeinsam mit Freunden etwas aufzubauen, ist grossartig. Und als Künstler ist es schön, CDs aufzunehmen und aufzutreten.

Nun heisst es für Sie, die CDs von Loco Escrito und Mimiks zu vermarkten. Wie viele Verkäufe haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Herzig: Das Ziel ist es, dass sich die Künstler im Schweizer Markt etablieren und für Musiker wie Loco Escrito die Möglichkeit besteht, sich im internationalen Markt zu beweisen.

Dann dürfte es auch damit klappen, nur noch von der Musik zu leben. Wann ist es so weit?

Chebli: Ich hoffe schon dieses Jahr. Und sonst halt nächstes Jahr.

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